Weg sind nicht nur die Pferde, auch die Artistinnen und Artisten haben den Ort ihres akrobatischen Treibens fluchtartig verlassen. Zurückgelassen haben sie - offenbar in panischer Hektik - ihre knallig bunten, teilweise mit Federn und Pailletten verzierten Kostüme. Wie hingeworfen liegen die Stoffe, die Schuhe, die Strümpfe auf dem Boden, neben oder auf den Requisiten. Das Spektakel ist der Leere gewichen.

Tote Zirkushülle

Was beim Betreten der Ausstellung zuerst ins Auge sticht, ist die rotgelbe Hülle eines Zeltes («Circus Tent», 2012), das Echakhch einem belgischen Zirkus abgekauft hat. Geschmückt ist die Blache noch mit den obligaten farbigen Wimpeln, die Luft und damit das Leben hat sich daraus zurückgezogen. Sie breitet sich auf dem Boden aus und zieht sich von hier angestrengt rauf zum Hauptmast, den die Künstlerin zwischen Boden und Decke eingeklemmt hat.

In diesem Zelt läuft gar nichts mehr. Es ist nur noch ein toter Abklatsch seiner selbst. Die mit Trommelwirbeln begleiteten Kunststücke der Artisten, die das Publikum ansonsten Schlag auf Schlag in Atem halten, haben hier nur noch Erinnerungswert.

Nicht die Spannung des Moments zelebriere sie, sondern «das Ende des 'Hier und Jetzt'», sagt Latifa Echakhch, und beklagt damit - so Kuratorin Mirjam Varadinis - «die innere Leere unserer Event-Gesellschaft».

Ende der Heiterkeit

In ihrer Gruppenausstellung «Shifting Identities» (2008) hat Varadinis der 1974 geborenen französisch-marokkanischen Künstlerin den ersten Museumsauftritt ermöglicht. Seither war Echakhch, die zurzeit in Martigny VS lebt, etwa an der Biennale in Venedig und in der Tate Modern in London präsent. Jetzt ist sie mit einer Auswahl neuester Werke nach Zürich ins Kunsthaus zurückgekehrt.

Die Requisiten und Accessoires, die hier ihr einsames Dasein fristen, sind allen, die Zirkusse besuchen, bestens bekannt. In einer Ecke liegen 8 Jonglierkeulen («Juggling», 2012), daneben bilden neun Akrobatikstühle einen kunstvollen Turm («Nine Chairs», 2012), und ein riesiger blauer Ball erzählt zusammen mit dem daneben liegenden Kostüm, dass hier einst eine Artistin ihre Kunststücke gezeigt hat. Die Performance ist vorbei, definitiv.

Melancholie erzeugt auch die Arbeit «Auguste & Clown» (2012). Sie umfasst eine in ihre Einzelteile zerlegte gelbblaue Manege. Dort, wo die Zerstörung am grössten ist, wo die einzelnen Teile chaotisch durcheinandergeworfen sind, liegen die Kostüme des dummen August und des besserwisserischen Weissclowns.

Mit ihnen ist nicht nur die artistisch-musikalische Unterhaltung, sondern auch die Heiterkeit verschwunden. Umso mehr freut man sich nach dieser eindrücklichen Ausstellung auf den nächsten Zirkusbesuch.