Stadelhofen
Neue WC-Gebühren: Erleichterung gibts nur nach Griff ins Portemonnaie

Wer am Bahnhof Stadelhofen seine Notdurft verrichten will, zahlt seit kurzem Fr.1.50. Die Benutzung der Pissoirs war 20 Jahre lang gratis. Man wolle öffentliche Toiletten vermehrt wieder gratis anbieten, liessen die SBB erst vor Kurzem verlauten.

Thomas Schraner
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Ohne Münz ist am Stadelhofen-WC nichts zu machen.Peter Würmli

Ohne Münz ist am Stadelhofen-WC nichts zu machen.Peter Würmli

«Wir werden wieder mehr öffentliche Toiletten auch gratis anbieten», sagte SBB-Chef Andreas Meyer in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag». Die Aussage stiess auf grosses Interesse. Kaum eine Zeitung, die das Versprechen nicht nachdruckte.

Weshalb ist klar: Der Trend läuft in die andere Richtung. Immer mehr Bahnhofs-WCs sind kostenpflichtig geworden. Zu den Ausnahmen gehörte bis vor kurzem der Bahnhof Stadelhofen. Auf den SBB-Toiletten im Untergeschoss durften die Männer seit 20 Jahren gratis ins Pissoir.

Seit kurzem versperrt aber auch dort ein Drehkreuz den Männern den Einlass. Wer sich erleichtern will, muss den Münzautomaten mit Fr. 1.50 (oder 1 Euro) füttern. Einen Wechselgeldautomaten sucht man vergebens. Rückgeld gibt der Automat keines, und Zweifränkler akzeptiert er nicht. Wer bezahlt hat, erhält freien Zugang auch zu den Kabinen. Das gleiche System mit Drehkreuz und Münzautomat ist in der benachbarten Frauentoilette eingebaut. Blosses Händewaschen ohne zu bezahlen geht nicht mehr. Die Kabinen kosten wie bei den Männern Fr. 1.50, 50 Rappen mehr als zuvor. Festgesetzt haben den Tarif die SBB, denen die Toilette gehört.

Halbe Million verbaut

Die SBB begründen die Pissoirgebühr und Tariferhöhungen mit dem Umbau der Toiletten und dem neuen Service. Der Umbau dauerte vom Sommer bis Ende Dezember und kostete laut SBB-Sprecher Daniele Pallecchi rund eine halbe Million Franken. Auf gleichem Grundriss ist die Zahl der Kabinen und der Pissoirplätze erhöht worden. Neu ist immer eine Person anwesend, die aufpasst sowie für Unterhalt und Reinigung zuständig ist. Das Minibüro für die Angestellten (siehe Kasten) liegt im Verbindungsbau zwischen Frauen- und Männertoilette. Nach den Öffnungszeiten bis 22 Uhr (freitags und samstags bis 23 Uhr) steht im Aussenbereich neu ein Behinderten-WC rund um die Uhr zum selben Preis zur Verfügung.

Warum bieten die SBB die renovierten Toiletten nicht gratis an, wie es nach der Ankündigung des SBB-Chefs zu erwarten wäre? «Das Projekt, das Herr Meyer anspricht, ist noch nicht umsetzungsreif», sagt Pallecchi. Zurzeit prüften die SBB erst, auf welchen Bahnhöfen in der Schweiz Gratis-Toiletten infrage kämen. Trotz des frisch abgeschlossenen Umbaus sei es keineswegs sicher, dass es beim Bahnhof Stadelhofen bei der Gebührenpflicht bleibe, beschwichtigt er.

Überrissene Preise?

Wie kommen die SBB dazu, den Preis fürs Pissoir und die Kabinen bei Fr. 1.50 Franken? «Das sind marktübliche Preise», rechtfertigt der Sprecher die Tarifhöhe. «Rechtlich wären wir gar nicht verpflichtet, überhaupt Toiletten an Bahnhöfen zur Verfügung zu stellen. Wir tun das aber als Dienstleistung für unsere Fahrgäste.»

Mit dieser Erklärung lässt sich Kurt Schreiber nicht abspeisen. Der Präsident von Pro Bahn Schweiz, einem Verband, der die Interessen der öV-Kunden vertritt, findet den Pissoirtarif überrissen: «Fr.1.50 ist zu viel und nicht kundenfreundlich. Ein Franken hätte es auch getan», sagt der ehemalige EVP-Kantonsrat (Wädenswil), der sich auch über zu wenig WCs in modernen S-Bahnen ärgert. Gebühren für WC-Anlagen an Bahnhöfen zu erheben, findet er nicht grundsätzlich falsch, wenn es dafür sauber ist. Pallecchi entgegnet dem Kritiker: «Auch mit Fr. 1.50 ist der Betrieb der Anlagen bei weitem nicht kostendeckend.»

Wie viel kostet das Verrichten der Notdurft bei der Konkurrenz? Am Hauptbahnhof verlangt die private Firma McClean fürs Pissoir ebenfalls Fr. 1.50, nachdem sie 2010 trotz Protesten um 50 Rappen aufgeschlagen hatte. Für die Kabine bezahlen Männer und Frauen 2 Franken. Die Stadt Zürich hingegen ist billiger. Sie nimmt ihren Kundinnen und Kunden im Züri WC, das im abgelegeneren Teil des Shop Ville liegt, nur einen Franken ab. Einen Preisunterschied zwischen Pissoir und Kabinen macht die Stadt nicht. Zudem haben Kinder unter zwölf Jahren gratis Zutritt. Diese Ausnahme machen weder die SBB am Stadelhofen noch McClean.

Zürich subventioniert WCs

Laut dem Leiter von Züri WC, Urs Brunner, sind die städtischen Tarife ebenfalls nicht kostendeckend. Dahinter steckt Absicht: Die Stadt Zürich subventioniert günstige oder kostenlose Toiletten im öffentlichen Raum. «Um kostendeckend zu sein, müssten wir zwei Franken pro Besuch verlangen, meint Brunner. Er beziffert die tägliche Kundenfrequenz auf 700 bis 800 am Züri WC im Shop Ville, wo jeweils zwei Angestellte Dienst haben. Von McClean sind Angaben weder zur Preisgestaltung noch zur Besucherfrequenz zu erhalten. Brunner schätzt, dass McClean mindestens doppelt so viele Benutzer hat wie das Züri WC, weil sich die Anlage im zentralen und gut beschilderten Teil des Hauptbahnhofs befindet.

Den unter Harndrang leidenden Männern und Frauen am Bahnhof Stadelhofen, die Flüssiges oder Festes gratis loswerden wollen, kann Brunner bald eine nahe gelegene Alternative anbieten: Ein Züri WC mit Gratiszutritt auf dem Sechseläutenplatz im geplanten Café des neuen Parkhauses. Im kommenden Mai soll es so weit sein. So lange heisst es am Bahnhof Stadelhofen: zahlen oder verklemmen.