Arbeitslosigkeit
Neue Stellenmeldepflicht sorgt für mehr Arbeit – mit unklarem Nutzen

Seit rund drei Monaten müssen offene Stellen in Berufen mit hoher Arbeitslosigkeit zuerst den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemeldet werden. Ob die Arbeitslosigkeit dadurch im Kanton Zürich sinkt, lässt sich derzeit noch nicht sagen.

Philipp Lenherr
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Seit rund drei Monaten müssen offene Stellen in Berufen mit hoher Arbeitslosigkeit zuerst den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemeldet werden. (Symbolbild)

Seit rund drei Monaten müssen offene Stellen in Berufen mit hoher Arbeitslosigkeit zuerst den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemeldet werden. (Symbolbild)

KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Mit der per 1. Juli eingeführten Stellenmeldepflicht soll der von der Masseneinwanderungsinitiative verlangte Inländervorrang umgesetzt werden. In Berufen, bei denen die Arbeitslosigkeit mehr als acht Prozent beträgt, sollen in der Schweiz wohnhafte Arbeitslose eine Chance haben, sich auf eine freie Stelle zu bewerben, bevor der Arbeitgeber auch Bewerbungen aus dem Ausland berücksichtigen darf.

So soll die Zuwanderung aus dem Ausland sowie die Arbeitslosigkeit in der Schweiz verringert werden. Betroffen von der neuen Regelung sind beispielsweise Berufe in der Gastronomie, der Baubranche, im Marketing und in der Uhrenindustrie.

Meldezentrum geschaffen

Eine erste Zwischenbilanz rund 100 Tage nach Einführung der Stellenmeldepflicht fällt durchzogen aus: Für eine Antwort auf die Frage, ob die Meldepflicht die Arbeitslosigkeit und die Zuwanderung reduziert, ist es laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) noch zu früh, es seien noch zu wenig Daten verfügbar.

Unbestritten ist, dass die neue Regelung auf beiden Seiten für zusätzliche Arbeit sorgt. Bei den Arbeitgebern betroffener Branchen steigt der administrative Aufwand für die Besetzung von offenen Stellen. Die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren haben für die Umsetzung der Meldepflicht zusätzliches Personal einstellen müssen.

Im Kanton Zürich wurde für die Bearbeitung der meldepflichtigen Stellen ein eigenes Stellenmeldezentrum aufgebaut. «Dieses dient Arbeitgebern als zentrale Anlaufstelle und lässt diesen passgenaue Kandidatenvorschläge fristgerecht zukommen», sagt Lucie Hribal, Leiterin Kommunikation beim Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) des Kantons Zürich. 19 Personen arbeiten in dem neuen Stellenmeldezentrum.

Doppelt so viele Meldungen

Das Problem ist nur: die Zahl der tatsächlich gemeldeten Stellen übertraf die Erwartungen deutlich. Laut Hribal wurden vom 1. Juli bis Ende September über 10 000 offene Stellen gemeldet. Über 4000 davon wären von der Meldepflicht gar nicht betroffen. Laut Zahlen des Seco betrug die Zahl der offenen gemeldeten Stellen im Kanton Zürich per Ende September rund 6200. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Vorjahresmonat.

«Auch die nichtmeldepflichtigen Stellen sind relevant. Insgesamt tragen alle Stellenangebote dazu bei, dass sich die Chancen von Stellensuchenden auf einen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt verbessern dürften», sagt Hribal. Zudem benötige man zur Bewältigung der unerwartet hohen Zahl gemeldeter Stellen keine zusätzlichen Angestellten. «Dank spezifischen internen Prozessen können wir das hohe Volumen an gemeldeten Stellen gut bewältigen.»
Wie sich die meldepflichtigen Stellen auf die einzelnen Branchen verteilt gibt das AWA nicht bekannt. Betroffen ist beispielsweise die Gastronomie. Die Arbeitslosigkeit in der Berufsart Küchenpersonal lag Ende September im Schweizer Durchschnitt bei 8,4 Prozent.

Keine Rücksicht auf Regionen

Für René Kaufmann, Vorstandsmitglied beim Gastgewerbeverband des Kantons Zürich und Inhaber des Hotel & Restaurant Rössli mit rund 30 Angestellten in Illnau, bringt die neue Meldepflicht vor allem zusätzlichen Aufwand. «Die Meldung einer offenen Stelle über die Plattform im Internet funktioniert grundsätzlich gut», sagt er. Auf eine Meldung hin habe er auch zwei Bewerberdossiers erhalten. Aber damit sei es noch nicht getan. Man müsse beispielsweise auch daran denken, die Stelle auf der Plattform nach der fünftägigen Frist wieder zu löschen.

Kaufmann stört sich vor allem daran, dass die Meldepflicht keine Rücksicht auf regionale Unterschiede nimmt. Im Kanton Zürich gebe es beispielsweise eher zu wenig Köche auf dem Arbeitsmarkt. «Dass die Arbeitslosenquote für Küchenpersonal schweizweit trotzdem über der Schwelle von acht Prozent liegt, liegt an den Tourismuskantonen, wo die Beschäftigung saisonal stark schwankt», sagt Kaufmann.

Ob die neue Regelung zu einer sinkenden Arbeitslosigkeit führt, lässt sich laut Kaufmann noch nicht beurteilen. «Ein Problem ist auch, dass viele Schweizer sich gar nicht beim RAV anmelden, wenn sie die Zeit ohne Stelle anders überbrücken können». Diese Personen können dadurch natürlich auch nicht von den RAV als Kandidaten vorgeschlagen werden.

Die Stellenmeldepflicht ab einer Arbeitslosenquote von acht Prozent in einer Berufsart ist nur der erste Schritt zur Umsetzung des Inländervorrangs. Per 1. Januar 2020 ist eine deutliche Verschärfung vorgesehen: Der Schwellenwert sinkt dann auf fünf Prozent. Dadurch werden deutlich mehr Berufe von der Meldepflicht betroffen. Insgesamt betrug die Arbeitslosenquote in der Schweiz per Ende September 2,4 Prozent. Im Kanton Zürich lag der Wert mit 2,3 Prozent sogar noch etwas tiefer.