Zürich
Neue online-Plattform bringt Lebensmittelhersteller und Käufer zusammen: «So entsteht deutlich weniger Foodwaste»

Die Online-Plattform bringt regionale Lebensmittelhersteller und Käufer näher zusammen.

Lina Giusto
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Die Schwärmerei funktioniert wie ein Bauernmarkt, ausser, dass man vorgängig online seine Ware bestellt.

Die Schwärmerei funktioniert wie ein Bauernmarkt, ausser, dass man vorgängig online seine Ware bestellt.

Zur Verfügung gestellt

Der Begriff der Schwärmerei wurde ursprünglich im 11. Jahrhundert vom Schwarmverhalten der Bienen geprägt. Die ab heute eröffnete Schwärmerei am Rigiplatz im Zürcher Kreis 6 funktioniert ähnlich wie ein Bienenstock. Über die Plattform Marktschwärmer bieten regionale Hersteller – das sind Bauern, Bäcker, Käser, Gärtner, Imker, Tierhalter, Brauer oder Fischer – ihre Lebensmittel auf der Marktschwärmer-Website zum Verkauf. Dabei sind Qualität, Herkunft sowie Herstellung transparent dokumentiert. Schwärmer bestellen online die gewünschten Lebensmittel und können diese jeweils donnerstags zwischen 17 und 19 Uhr am Rigiplatz abholen. Schwärmer werden kann jeder: Weder ein Mindestbestellmenge noch eine kostenpflichtige Mitgliedschaft sind bei dieser Plattform von Nöten.

Das Prinzip der Marktschwärmerei ist simpel, wie Cäcilia Schwegler, Netzwerkkoordinatorin Marktschwärmerei Schweiz, erklärt: «Wir treffen uns, um unsere Lebensmittel frisch und direkt von den besten Produzenten aus der Region zu beziehen.» Zudem müssen diese nur gerade so viel mitbringen, wie eben auch bestellt wurde. «So entsteht deutlich weniger Foodwaste», sagt Schwegler. Als Netzwerkkoordinatorin hilft sie in der Schweiz Interessierten, einen entsprechenden Bauernmarkt aufzubauen.

Verkauft deckt Nachfrage

Gründerin und Gastgeberin der Schwärmerei am Rigiplatz ist Stéphanie Fleury. «Ich habe drei Kinder und interessiere mich für gute und gesunde Ernährung. Deshalb kaufte ich meine Lebensmittel immer in verschiedenen Hofläden ein. Die Möglichkeit, alles an einem Ort aus der Region direkt ins Quartier geliefert zu bekommen, trifft ein Bedürfnis», so Fleury.

Vor einer Woche hat sie die Bestellungen gesammelt, die heute zum ersten Mal in den Quartierladen im Kreis 6 geliefert werden. Schwegler sagt dazu: «Da die Bestellung und Bezahlung bereits abgeschlossen ist, haben die Lieferanten und Einkäufer heute Zeit, sich zu unterhalten und kennenzulernen.» Damit ist klar, welches Ziel die Marktschwärmerei verfolgt: Transparenz beim Lebensmitteleinkauf. Zudem wird nur das angeboten, was auch tatsächlich in der Region produziert wird. «Wir bieten bewusst kein Vollsortiment an, sondern nur das, was natürlicherweise, also ohne Hilfsmittel, in unseren Breitengraden zu dieser Jahreszeit wächst», sagt Schwegler.

So werden heute Blumen aus Zürich, Salat aus Niederweningen, Erdbeeren und Rhabarber aus Schöfflisdorf sowie Fleisch aus Wetzikon und Joghurt aus Meilen zum Verkauf angeboten. Helen Eberhart-Henggeler vom Eberharts-Bio-Hof aus Schöfflisdorf erklärt, warum sie zusammen mit ihrem Mann die Marktschwärmerei beliefern: «Wir haben unseren Biohof vor drei Jahren übernommen und befinden uns seither im Aufbau. Deswegen ist dieser neue Absatzkanal für uns interessant.»

Zurzeit bieten rund acht Lieferanten, die im Schnitt 16 Kilometer vom Rigiplatz entfernt liegen, über 55 regionale Lebensmittelprodukte an. Die Betreiber von Marktschwärmer wollen die Entfernungen zwischen Herstellern und den Verkaufspunkten überschaubar halten. Deshalb definieren sie das maximale Einzugsgebiet auf rund 20 bis 25 Kilometer Distanz zwischen Produzenten und den Schwärmern. Bei Feinkost-Lebensmitteln, also verarbeiteten Produkten, sind die einzelnen Zutaten entscheidend, die das Nahrungsmittel ausmachen. Die Verarbeitung muss im beschriebenen Einzugsgebiet stattfinden. Zudem müssen die Zutaten ökologischen und fairen Standards entsprechen.

Regionale Esskultur fördern

Diesen Sommer soll Zürich noch um eine weitere Schwärmerei reicher werden. Das Café du Bonheur im Kreis 4 baut den Verkauf von regionalen Lebensmitteln derzeit auf. Auch in der näheren Umgebung von Zürich, namentlich in Winterthur und Uster, sind derzeit Schwärmereien am Entstehen.

Jene, die heute zum ersten Mal in Zürich stattfindet, zählt bereits knapp 190 Mitglieder. Was Bäuerin Eberharts Einschätzung bestätigt: «In der Stadt besteht eine grössere Nachfrage nach qualitativ gutem Frischgemüse.» Für die Verkäufer ist die Plattform auch finanziell interessant: So bestimmen sie selber über die Preise und geben an Gastgeber, Zahlungsdienstleister und Plattformbetreiber insgesamt 20 Prozent des Umsatzes ab. Zum Vergleich: Bei grösseren Lebensmittelanbietern beträgt laut Schwegler die Abgabe rund 40 Prozent.

Seit 2011 sind die Marktschwärmer in Europa unterwegs. Alles begann in Frankreich, damals noch unter dem Namen «La ruche qui dit oui», und in Belgien. In der Folge weitete sich das Konzept bis 2014 auf Grossbritannien, Deutschland, Spanien und Italien aus. Seit Ende 2016 haben in der Schweiz, Dänemark und Niederlanden die ersten Marktschwärmer ihre Verkaufsorte eröffnet.