Das Amt des Unirektors in Zürich ist derzeit nicht gerade ein Traumjob. Die letzte Zeit war für die Universität geprägt von Krisen, deren Nachwehen noch nicht ausgestanden sind. Nur eine davon - allerdings die schwerwiegendste - war die «Affäre Mörgeli», die schliesslich zum Rücktritt von Rektor Andreas Fischer geführt hat. Zu diesen hausgemachten Problemen kommt nun auch noch das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative, die im Bereich der universitären Forschung mit schmerzhaften Abstrichen verbunden ist.

Vor diesem Hintergrund ist der Mann, der seit einem guten Monat auf dem Rektorenstuhl sitzt, ein wahrer Glücksfall. Denn der 47-jährige Michael Hengartner steht für das, was die Universität im Moment am dringendsten braucht: Erneuerung und Aufbruchstimmung. Der Molekularbiologe mit Schweizer Wurzeln, amerikanischer Prägung und einem leichten englischen Akzent verkörpert eine Art der Zugänglichkeit und Lockerheit, die es in der Universitätsleitung vorher so nicht gab.

Als er gestern die Medien zu einem ersten Treffen empfing, stand auf der Einladung: «Sie haben die Gelegenheit, Fragen zu allen Themen zu stellen, die Sie interessieren.» Das sind neue Töne aus dem Rektorat, wo man bisher gerade in Krisen eine defensive Kommunikationspolitik pflegte.

Es wäre falsch zu sagen, Hengartner suche das Rampenlicht. Aber er scheut es auch nicht - im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der kein Liebhaber der grossen Bühne war. Hengartner hat offensichtlich ein Sensorium dafür, wie wichtig es ist, dass sich die Universität öffentlich präsentiert und sich der Bevölkerung auch erklärt. Schliesslich leistet diese via Steuern einen grossen Beitrag ans universitäre Budget. Gleichzeitig hat der Neo-Rektor aber auch etwas von dem, was die Amerikaner «Star Quality» nennen. Nicht im Sinne oberflächlicher Selbstinszenierung, sondern von Charisma, Selbstbewusstsein und einer gewissen Coolness.

Etwas besseres hätte der Uni nicht passieren können. Es tut ihr gut, wenn sie gegen aussen weniger zwinglianischen Ernst und dafür mehr Nahbarkeit signalisiert. Wenn sie zeigt, dass unter ihrem Dach nicht graue Eminenzen und abgehobene Intellektuelle arbeiten, sondern Menschen, die mit Herzblut forschen und lehren. Menschen aber auch, die Fehler machen, wie die Vergangenheit gezeigt hat.

Auch in dieser Hinsicht ist Hengartner ein Gewinn. Er war an den Wirren der letzten Monate nicht beteiligt, er ist weder verantwortlich für den Rauswurf der Medizinhistoriker Christoph Mörgeli und Iris Ritzmann noch für die missratene Suche nach einem Nachfolger für Publizistikprofessor Heinz Bonfadelli oder den Streit um die Grossspende der UBS. Anders als sein Vorgänger kann Hengartner hier Fehler der Universitätsleitung einräumen, ohne sich dabei selbst zu diskreditieren. Und das tut er auch.

Um den ramponierten Ruf der Uni wieder herzustellen, reicht das natürlich nicht. Es stehen Reformen an, harte Verhandlungen, unbequeme Entscheide. Dass Hengartner dazu in der Lage ist - diesen Beweis muss er erst noch erbringen. Unvorbereitet geht er diese Aufgaben aber nicht an.

Die letzten Jahre sammelte er Führungserfahrung als Dekan der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät. Dort geniesst er sowohl bei Mitarbeitenden als auch bei Studierenden einen ausgesprochen guten Ruf. Er gilt als einer, der genau zuhört und klare Ansagen macht. Als einer, der seine Führungsaufgaben mit genauso viel und Fingerspitzengefühl ausübt wie die Untersuchungen unter dem Mikroskop. Das sind mehr als gute Voraussetzungen.