Integration

«Neue Gärten Zürich» hilft Flüchtlinsfrauen Wurzeln zu schlagen

Heks-Projektleiterin Lisa Moser (links) gärtnert mit Flüchtlingsfrauen in den Neuen Gärten Zürich.

Heks-Projektleiterin Lisa Moser (links) gärtnert mit Flüchtlingsfrauen in den Neuen Gärten Zürich.

Im Stadtteil Friesenberg läuft seit einem Jahr ein Integrationsprojekt mit dem Namen «Neue Gärten Zürich». In den Schrebergärten bauen Flüchtlinge und Asylsuchende ihr eigenes biologisches Gemüse an, tauschen sich aus und verbessern so ihr Deutsch.

Integration beginnt oft im Kleinen, im Alltäglichen. Ausgehend von dieser Erkenntnis hat das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (Heks) in den letzten Jahren verschiedenenorts in der Deutschschweiz und Romandie Gärten für Flüchtlinge gegründet.

In den Schrebergärten bauen anerkannte Flüchtlinge und Asylsuchende ihr eigenes biologisches Gemüse an, tauschen sich untereinander aus, verbessern ihr Deutsch und erhalten von den Betreuerinnen, die jeweils während eines Nachmittags pro Woche in den Gärten anwesend sind, nebst Hilfe beim Gärtnern auch Beratung bei Alltagsproblemen.

Gemüse und Deutschkenntnisse

Seit einem Jahr gibt es auch in Zürich ein entsprechendes Pilotprojekt. Seine Name: Neue Gärten Zürich. Projektleiterin Lisa Moser konnte diesen Frühling einen zweiten Garten im Stadtteil Friesenberg für sieben bis acht Teilnehmerinnen eröffnen. Die erste Saison in Schwamendingen sei bei den dort bis zu 17 Teilnehmerinnen auf grossen Anklang gestossen.

Die Marokkanerin Ibtissam – man duzt sich in den Gärten – ist seit März dabei. «Ich wills probieren», erklärt sie ihre Motivation, und zeigt ihr Beet: Knoblauch, Zwiebeln, Erdbeeren, Kartoffeln, Bohnen, Zucchetti, Kürbis, Salate und Gurken hat sie angepflanzt. Zum einen könne sie das Gemüse für ihre vierköpfige Familie gut brauchen. Zum anderen lerne sie während der Gartenarbeit Deutsch, wann was zu pflanzen ist – und auch für ihre Integration sei es gut, sagt sie und lockert die Erde auf.

Das Projekt in Zürich richtet sich ausschliesslich an Frauen. «Flüchtlingsfrauen sind häufig isoliert und bewegen sich oft kaum in der Öffentlichkeit», erklärt Lisa. «In unserem Projekt können sie etwas für sich machen, auch Dinge wie Rasen mähen und den Akku-Schrauber benützen, die sonst die Männer übernähmen.» Neben der Integration gehe es ein Stück weit auch um die Stärkung des Selbstvertrauens der Frauen.

An den Wochenenden und an den nicht betreuten Tagen unter der Woche sind aber auch die Männer im Garten willkommen. Zur Integrationsarbeit gehört, dass in den Gärten an den betreuten Nachmittagen konsequent Hochdeutsch gesprochen wird; dass die Flüchtlingsfrauen, die zum Teil in Asylunterkünften oder Durchgangszentren wohnen, eine Beschäftigung, eine Wochenstruktur haben. Darüber hinaus vermittelt Lisa auch einmal eine Ärztin; wie bei einer Eritreerin, die trotz starker Rückenprobleme nicht zum Arzt ging. Auch lasse sich neben der Gartenarbeit unkompliziert erklären, wo sich die Projektteilnehmerinnen Rechtsberatung holen oder Deutschkurse besuchen können.

Mit wenig Geld grosse Effekte

Astrid, die eine Ausbildung als Sozialarbeiterin macht, ist als freiwillige Helferin im Garten am Friesenberg dabei. In ihrer Diplomarbeit untersucht sie die Heks-Gartenprojekte für Flüchtlinge in der ganzen Schweiz. Ihr Fazit: «So lassen sich mit wenig Geld grosse Effekte erzielen: Die Gartenarbeit ist gesund, dient der Sozialisation, verbessert die Deutschkenntnisse und stärkt das Selbstwertgefühl.» Und: «Es ist meistens sehr fröhlich.»

Die «Absenz der schweren Themen», die Flüchtlinge ansonsten vielfach beschäftigten, spiele eine wichtige Rolle. Stattdessen würden sie sich über ihre Kinder, die im Garten dabei sein können, ebenso austauschen wie über schulische Fragen oder übers Gärtnern. «Und sie kommen in Kontakt mit den Gartennachbarn», fügt Lisa an. Ein Nachbar habe ihnen seine Schubkarre ausgeliehen, ein anderer Pflanzen gebracht. «Wir fühlen uns willkommen», sagt die Projektleiterin.

Das Pilotprojekt für Zürich ist vorerst bis Ende Jahr befristet. Doch Lisa Moser ist zuversichtlich, dass es weitergeht. Interessenten aus Winterthur, Wädenswil und Schaffhausen hätten sich bereits gemeldet. Konkrete Ausbaupläne hat die Projektleiterin derzeit aber nicht. Zuerst einmal gelte es, die Pilotphase abzuschliessen.

«Das Problem ist immer die Finanzierung», erklärt sie. Gut 100 000 Franken koste das Projekt in Zürich pro Jahr, finanziert vom Kanton, der Stadt, den Kirchen, dem HEKS, diversen Stiftungen und Privatspenden. Auch freiwillige Helferinnen seien immer gesucht.

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