Crowdfunding
Neue Formen des Crowdfundings zwingen Banken zum Umdenken

Web-Trends wie Crowdfunding dringen immer stärker in den Geschäftsbereich der Banken ein. Auch die Finma setzt sich mit dem Thema auseinander und wird mittelfristig konkrete Regelungen erlassen.

Simone Matthieu
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Wie funktioniert Crowdfunding? Eine kurze Übersicht.

Wie funktioniert Crowdfunding? Eine kurze Übersicht.

Limmattaler Zeitung

Viele Leute tragen Ideen für Projekte mit sich herum, deren Umsetzung fern aller Möglichkeiten scheint, da die Banken nie den nötigen Kredit dafür geben würden. Der Grund kann ein Mangel an Sicherheiten sein oder dass die Banken nicht an den Erfolg glauben.

Für die Verwirklichung solcher Träume sind aber nicht länger die Banken einzige Entscheidungsträger. 2003 haben Musiker damit begonnen, Geld für ihre CD-Produktionen mithilfe von Fans via Internet zusammenzukratzen. Für die meist kleinen Beiträge erhalten die Unterstützer eine der mithilfe ihres Geldes finanzierten CD oder ein Konzertticket.

Längst ist Crowdfunding, wie diese Art der Finanzierung heisst, über die Musikwelt hinausgewachsen und nimmt rasant an Tragweite zu. So gab es 2012 weltweit geschätzte 540 Plattformen, die Projekte zur Mitfinanzierung anbieten, von Software-Start-up-Unternehmen bis zu Kisten für den Transport von Mangos aus Burkina Faso. Die Benutzer entscheiden, ob sie ein Projekt für unterstützungswürdig halten.

Die USA sind führend im Trend. Doch er nimmt auch hier Fahrt auf. Die in der Schweiz erfolgreichste Plattform, wemakeit.ch aus Zürich, gibt es seit zwei Jahren. Über sie konnten in dieser Zeit 550 Kultur- und andere kreative Projekte im Wert von 4 Millionen Franken realisiert werden.

Neue Spielarten dringen weiter vor

Längst gibt es neue Spielarten von Crowdfunding, die nicht mehr auf dem ursprünglichen Konzept «Naturalien gegen Geld» basieren. Mit sogenanntem Debt- und Equity-Funding dringt der Trend immer mehr in den Bereich der klassischen Finanzinstitute vor (siehe Box). Hierzulande existieren erst drei Equity-Funding- und zwei Debt-Funding-Plattformen, während der Debt-Bereich in den USA bereits auf rund 5 Milliarden Franken anwuchs. «Das Problem in der Schweiz ist, dass nur eine kleine Menge von Leuten angesprochen und gewonnen werden kann, während in den USA eine massiv grössere Bevölkerung zur Verfügung steht», erläutert Johannes Höhener von der Zürcher Firma e-research.

Crowdfunding-Spielarten

Inzwischen haben sich aus dem klassischen Crowdfunding, heute auch Reward (Belohnung) Funding genannt, andere Zweige entwickelt: das Debt Funding (Kreditgeschäft), bei dem die Geldgeber einen bestimmten Zinssatz erhalten, der massiv niedriger ist als bei Banken. Das Equity Funding gibt Anteilsscheine an Unternehmen, meist Start-ups, aus. (sma)

Dabei geht es den Investoren um mehr, als nur darum, was sie für ihr investiertes Geld erhalten, sagt Höhener. «Genau so wichtig ist der emotionale Aspekt: der Glaube an ein Projekt und der persönliche Wert. Stellen Sie sich vor, Sie haben die Wahl, Ihr Geld dem Dorfbäcker, der einen neuen Ofen braucht, auszuleihen, oder mit Ihrer Spareinlage bei einer Bank ein anonymes, Ihnen unbekanntes Vorhaben zu finanzieren. Da gibt man das Geld doch lieber dem Bäcker, vorausgesetzt die Rückzahlung ist gesichert. Bei Crowdfunding sind Finanz und Emotion eng miteinander verbunden.» Es sei eine Win-win-Situation: Der Bäcker muss keinen teuren Kredit aufnehmen. Der Investor erhält mehr Zins als auf einem Sparkonto und hat erst noch ein gutes Gefühl dabei.

Obwohl die Crowdfunding-Plattformen Geldgeschäfte betreiben, ist es heute aber noch zu hoch gegriffen, zu sagen, dass sie damit den Banken das Wasser abgraben. Dennoch sind sich die Experten einig, dass die Banken die Entwicklung ernsthaft im Auge behalten müssen. «Weltweit verzeichnen Crowdfunding-Plattformen ein rasantes Wachstum. Dabei zeichnet sich eine Diversifikation nach Sparten, Regionen und Crowd-funding-Modellen ab», heisst es bei wemakeit. Die Bankenbranche werde sich verändern. Nicht nur Crowdfunding, auch andere Internet-Finanzphänomene begünstigen diese Entwicklung. So etwa Paypal, eine Internetzahlungsmethode via Kreditkarte, die weniger Gebühren verursacht, als wenn man mit der Kreditkarte direkt bezahlen würde. «Crowdfunding und Co. werden die Banken fordern», so Höhener. «Aber bis sie es spüren, wird es noch eine Weile gehen.»

Doch bereits interessieren sich erste Schweizer Banken für eine Zusammenarbeit mit Crowdfunding-Plattformen. E-research hat den Auftrag von diversen Banken wie der Zürcher, der Bündner und St. Galler Kantonalbank und der Banque Cantonale Vaudoise, Internet-Finanz-Trends zu verfolgen. Auch die Luzerner Kantonalbank bestätigt: «Wir verfolgen die Entwicklung konzentriert», so Sprecher Roger Müller. Eingestiegen sind die Schweizer Banken aber noch nirgends. Ausser der Migros-Bank, die eine familiäre Version von Crowdfunding betreibt: Migipig.ch hilft, Freunde, Verwandte und Bekannte für die finanzielle Unterstützung zur Verwirklichung eines Wunsches jeglicher Art zu gewinnen.

Anders sieht es neben den USA oder Australien auch in Deutschland aus. Die Berliner Volksbank hat Equity Funding in ihr Angebot genommen. «Das ist ein strategischer Entscheid», erklärt Sprecherin Nancy Mönch. «Wir verbreiten das noch nicht aktiv, sehen es aber als Geschäft mit Potenzial.» Klassisches Crowdfunding bietet die Volksbank Bühl (Baden-Württemberg) auf ihrer Website an. «Wir generieren damit keinen materiellen Gewinn, aber es bringt uns näher zu unseren Kunden, den Bewohnern von Bühl», sagt Sprecherin Anja Gempler. Hinter dem Entscheid, ins Crowdfunding einzusteigen, stehe ein genossenschaftlicher Charakter, weshalb die Bank auch nur soziale und gemeinnützige Projekte lanciere. «Ausserdem wollen wir unseren Ruf, im IT-Bereich führend zu sein, mit Innovation leben.»

Auch Finma macht sich bereit

Da Crowdfunding Geldgeschäften nachgeht, stellt sich für den Investor auch die Frage nach Sicherheit und Kontrolle. Stehen diese Plattformen unter der Aufsicht der Finma (Finanzmarktaufsicht)? Wemakeit liess seine Geschäfte prüfen und erhielt den Bescheid, unter Auflagen nicht unter Finma-Aufsicht gestellt werden zu müssen. Bei Abklärungen für Crowdfunding geht es laut Finma-Sprecher Vinzenz Mathys hauptsächlich darum, zu kontrollieren, dass keine Geldwäsche betrieben werde und ob die Plattform für ihre Geschäfte eine Banklizenz lösen muss.

Höhener erklärt: «Für den Bereich Debt Funding ist das Bundesgesetz über den Konsumkredit und die Verordnung zum Konsumkreditgesetz zu berücksichtigen. Im Bereich Equity Funding müssen das Bankengesetz, das Kollektivanlagengesetz und das Börsengesetz berücksichtigt werden.» Die Rechtslage ist jedoch nicht abschliessend geklärt. Man gehe davon aus, dass die Aufsichtsbehörde mittelfristig zum Thema Crowdfunding konkretere Regelungen erlasse, was auch die Finma selbst gegenüber der Limmattaler Zeitung in Aussicht stellt: «Das ist alles ganz neu. Deshalb wird es ein neues Gesetz geben müssen, das Crowdfunding-Firmen unter Finma-Aufsicht stellt.» In den USA ist Equity Funding unter dem «Jumpstart Our Business Startups Act» bereits staatlich reguliert.