Jugendmusik

Nervös? «Yeah, Bro!»

«Peer Gynt goes Hip Hop»: Mit dem Education-Projekt wird die Grenze zwischen Klassik und Subkultur aufgehoben.

«Peer Gynt goes Hip Hop»: Mit dem Education-Projekt wird die Grenze zwischen Klassik und Subkultur aufgehoben.

Schüler proben für ihren grossen Auftritt in der Zürcher Tonhalle.

Breakdancer räkeln sich auf dem Boden. Dumpfe Hip-Hop-Beats dröhnen aus den Boxen. Schülerinnen tanzen eine ausgeklügelte Choreografie, angeleitet von einem Hip-Hop- und Breakdance-Lehrer mit schwarzer Wollmütze und Schlabberhose. Eine bunte, gut 40-köpfige Schülerschar geigt, flötet, posaunt und trompetet dazu Musik aus Edvard Griegs «Peer Gynt Suite» — mal ergreifend orchestral, mal mit schrägen, leicht vergeigten Tönen.

Wir befinden uns im Vereinssaal der Zürcher Tonhalle, jenes Tempels der klassischen Musik, der Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Doch es ist ein Dienstagnachmittag im frühen 21. Jahrhundert. Die Kinder und Jugendlichen proben ihr Programm, das sie am Donnerstagabend im Kleinen Saal der Tonhalle aufführen werden. «Peer Gynt goes Hip Hop», verkündet die Musikschule Konservatorium Zürich (MKZ) in einer Medienmitteilung. «Wir wollen Leute abholen, die ansonsten Klassik-fern sind», sagt MKZ-Projektleiter Peter Reichen.

Er hat vor drei Jahren das Education-Projekt von Tonhalle-Orchester Zürich und MKZ mit lanciert. Es ist aus dem Klassenmusizieren hervorgegangen, bei dem derzeit rund 1600 Stadtzürcher Schulkinder aus Quartieren mit hohem Migrantenanteil im Klassenverband ein Instrument erlernen. «So kommen auch Kinder, die ansonsten das Geld für Musikunterricht nicht haben, dazu, ein Instrument zu erlernen», erklärt Reichen.

Peer Gynt goes Hip Hop

Zwei dieser Klassen erarbeiten nun im Rahmen des Education-Projekts das Peer-Gynt-Programm. Bei der Gratis-Aufführung am Donnerstagabend (18.30 Uhr) werden auch Musiker des Tonhalle-Orchesters mitwirken. Vergangenen Oktober begann für die Kinder das Üben mit den Noten. Der Zeitplan ist ambitioniert: «In vier Monaten muss das Ding stehen – und zwar auf einem Niveau, das eine Aufführung vor Publikum erlaubt», sagt Janina Kriszun. Die Musik-Vermittlerin des Tonhalle-Orchesters hat das Projekt zusammen mit Reichen entwickelt.

Es soll zum einen Kindern die Welt der Musik öffnen, zum anderen der Tonhalle neue Publikumsschichten erschliessen. Durch die Verbindung von Hip-Hop, klassischer Musik und Breakdance will Reichen zudem auch Subkultur an die Musikschule bringen.

Dahinter stecken intensive Vorarbeiten. So galt es, Griegs «Peer Gynt Suite» in einer für Bläser und Streicher im Primarschulalter leicht spielbaren Tonart zu arrangieren und elektronische Beats dazu zu programmieren. Gleichzeitig sollte das Arrangement auch den beteiligten Profi-Musikern des Tonhalle-Orchesters auf den Leib geschrieben sein.

Bei der Probe sind die Kinder konzentriert am Werk. Doch zwischendurch bricht immer wieder kindliche Freude durch. So applaudieren die Jungmusiker den Hip-Hop-Tänzerinnen nach einer Probesequenz. «Zugabe»-Rufe sind zu hören. Und als der Tanzlehrer ankündigt, jetzt seien die Breakdancer an der Reihe, erklingt ein vielstimmiges «Jaaaaaa» aus Bubenkehlen.

«Mega Spass»

Während der Pause bestürmen einige der Kinder den Journalisten, der das Geschehen vom Rande des Saals möglichst diskret verfolgte. Die Interview-Partner stehen Schlange. Noah (11) spielt Bratsche, seit den letzten Sommerferien. «Musikmachen bringt viel und ist einfach schön», sagt er. Nervös vor dem grossen Auftritt in der Tonhalle? «Yeah, Bro», sagt Noah. Nicole (fast 11) spielt seit eineinhalb Jahren Kontrabass. «Mega Spass» mache ihr das gemeinsame Musizieren, auch wenn es für sie etwas schwierig sei, da nur drei Kontrabassisten beteiligt sind: «Ich muss den Ton angeben. Wenn ich einen Fehler mache, hört man das sehr gut.» Ehe sie sich wieder ihren Klassenkameradinnen zuwendet, ruft sie noch: «Und schreiben Sie, ich bin mega glücklich – und ich komme aus Bulgarien, Serbien und der Schweiz.»

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