Zürich
Neben administrativen Problemen die wahre Bestimmung nicht vergessen

1988 wurden verschiedene Hilfswerke unter dem Label Sozialwerke Pfarrer Sieber zusammengeführt. Nicht zuletzt entlastet ihr Engagement für obdachlose, süchtige, psychisch und physisch angeschlagene Menschen auch den Staat.

Sophie Rüesch
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Der «Needle Park» am Zürcher Platzspitz vor 25 Jahren: Heute ist die Drogenszene versteckter, aber das Elend blieb bestehen.

Der «Needle Park» am Zürcher Platzspitz vor 25 Jahren: Heute ist die Drogenszene versteckter, aber das Elend blieb bestehen.

Gertrud Vogler

Wenn die Sozialwerke Pfarrer Sieber (SWS) dieses Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiern, heisst das eigentlich, dass es wenig Grund zum Feiern gibt. Dass das Hilfswerk auch heute noch so dringend gebraucht wird wie zu seiner Gründungszeit, bedeutet nämlich, dass in Zürich noch genauso viele Menschen in Not leben wie damals. Es bedeutet weiter, dass es nach wie vor private Einrichtungen braucht, die vor dem Elend die Augen nicht verschliessen.

Neue Formen der Not

«Die Not wurde nicht weniger, sie manifestiert sich heute nur auf andere Weise. Sie ist versteckter», sagt Gesamtleiter Christoph Zingg. Als die Sozialwerke 1988 gegründet wurden, war das grösste soziale Problem der Stadt noch allen ersichtlich: die offene Drogenszene am Platzspitz.

Zu dieser Zeit hatte der Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber schon mehrere Hilfsprojekte ins Rollen gebracht. Die Zusammenführung der rund zwei Dutzend Einrichtungen mit über 100 Mitarbeitern erfolgte, um Spendern und Finanzpartnern grössere Sicherheit zu bieten sowie verbindlicher zu werden.

Viele der Menschen aus der offenen Drogenszene, die es lebend in die Gegenwart geschafft haben, sind auch heute noch in den Einrichtungen der SWS anzutreffen. «Die Abhängigkeit hat diese Menschen gezeichnet. Sie haben schwere psychische Schäden davongetragen oder leiden unter Krankheiten wie Aids oder Hepatitis», so Zingg.

Die Betreuung alternder Junkies ist mittlerweile jedoch noch die berechenbarste der SWS-Aufgaben. In den letzten Jahren sah sich das Hilfswerk vermehrt mit neuen gesellschaftlichen Phänomenen konfrontiert. Mit Jugendobdachlosigkeit zum Beispiel, die laut Zingg stetig zunimmt. Oder Wanderarbeitern aus Süd- und Osteuropa, die in der Hoffnung auf Arbeit in die Schweiz kommen, wo niemand auf sie gewartet hat. Auch die mit der steigenden Lebenserwartung zunehmende Altersarmut, die «Verwahrlosung in den eigenen vier Wänden», beschäftigt die SWS.

Menschen in Not auf Augenhöhe begegnen

Doch wieso muss sich eine grossteils durch Spenden getragene Privatstiftung dieser sozialen Probleme annehmen? «Alt Stadträtin Monika Stocker hat einmal gesagt: ‹Der Staat kann nicht lieben›», führt Christoph Zingg aus. «Dort, wo Behörden Fälle sehen – auch sehen müssen – sehen wir Menschen.» Als Stiftung könnten die SWS sich die Freiheit nehmen, um einen Menschen zu ringen, ihn nicht aufzugeben, auch wenn er Vereinbarungen nicht einhält, während dem Staat strukturell Grenzen gesetzt seien.

Die kompromisslose Bereitschaft, nicht wegzuschauen und Hilfe zu bieten, wo sie nötig ist, ist bei den SWS tief im christlichen Glauben verankert. Zwar sei es weder für die Mitarbeiter noch Betreute Voraussetzung, diesen zu teilen, versichert Zingg. Doch man müsse den Menschen am Rande der Gesellschaft auf Augenhöhe begegnen können und wollen – «auch wenn wir uns dafür bücken müssen».

Sieber hat das Interesse noch lange nicht verloren

Finanziell sind die SWS heute gut aufgestellt. Im letzten Jahr betrug das Gesamtbudget gut 20 Millionen Franken, rund 9 davon stammen aus Spenden und Beiträgen Dritter. Schlanke Strukturen sorgen heute für eine möglichst effiziente Einsetzung der Mittel. Das war nicht immer so: 2004 schrammten die SWS aufgrund Misswirtschaft knapp am Konkurs vorbei, der nur dank einer Millionenspende eines anonymen Gönners verhindert werden konnte.

Die rettende Spende war jedoch an die Bedingung geknüpft, dass die Familie Sieber sich nicht mehr am operativen Geschäft beteilige. Aus Liebe zum Projekt zog sich Pfarrer Sieber zähneknirschend zurück. Als Gründer, Ehrenpräsident und Identifikationsfigur ist der
87-Jährige aber immer noch nah am Geschehen dran. «Er ist gern informiert darüber, was wir mit seinem Sozialwerk treiben», sagt Zingg.

Manchmal, wenn ihm etwas nicht passe, könne der Obdachlosenpfarrer auch ausrufen. Doch das sei auch gut so. «Wenn wir uns mit administrativen Problemen herumschlagen, erinnert er uns immer wieder daran, was unser Kerngeschäft ist: Den Schwächsten der Gesellschaft zu helfen.»