Natur
«Natur neben dem Gleis» - Die SBB sollen Lebensraum an Bahnböschungen fördern

Naturschützer kritisieren, dass die SBB zu wenig zur Förderung der Artenvielfalt an Bahnböschungen machen.

Heinz Zürcher
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Die Naturschützer Andrin Gross (links) und Manuel Frei an einer Bahnböschung bei Affoltern am Albis entlang der Linie S5. Mit Bitumenwellplatten schaffen sie Verstecke für Echsen und andere Tiere.

Die Naturschützer Andrin Gross (links) und Manuel Frei an einer Bahnböschung bei Affoltern am Albis entlang der Linie S5. Mit Bitumenwellplatten schaffen sie Verstecke für Echsen und andere Tiere.

Johanna Bossart

Einmal pro Jahr mähen die SBB sämtliche Grünflächen, die entlang ihrer Bahnlinien verlaufen. Damit der Zugbetrieb möglichst wenig beeinträchtigt wird, finden die Arbeiten meist nachts statt. Zum Einsatz kommen verschiedene Geräte, je nach Hanglage und Vegetation. Wiesen werden zu rund 60 Prozent ab der Schiene mit rollenden Mähern geschnitten. Dabei sterben Tiere oder sie werden aus ihren Lebensräumen vertrieben. Mehr noch: Durch das liegengelassene Gras verschwinden jene Pflanzen, die nebst Wasser, Sauerstoff und Wärme auch Licht zur Keimung benötigen. Mit der Folge, dass die Wiesen verfetten, die Zahl der heimischen Pflanzenarten schrumpft und stattdessen Neophyten gedeihen. Unter dem Titel «Vernachlässigte Perlen» weist Pro Natura im neusten Magazin auf die Problematik hin und wirft den SBB vor, sich um die fachgerechte Pflege zu foutieren.

Teils Naturschutzgebiete

Der Zürcher Naturschützer Andrin Gross bedauert die Vernachlässigung dieser Wiesen ebenfalls. «Die SBB schöpfen das grosse Potenzial der Bahnböschungen noch zu wenig aus», sagt Gross, der bei ZVS/BirdLife Zürich die Regionalgruppe Limmattal/Amt leitet. Die Steilhänge böten vielen typischen und selten gewordenen Pflanzen sowie Schlangen und Echsen einen wichtigen und hochwertigen Lebensraum.

Die Fachstellen der Zürcher Baudirektion sehen dies genauso: «Mit ihrer linearen Struktur sind Bahnböschungen zudem als ökologische Vernetzungsachsen prädestiniert», sagt Mediensprecher Wolfgang Bollack. Verschiedene Bahnböschungen im Kanton Zürich seien deshalb als überkommunale Naturschutzgebiete ausgewiesen. Dazu gehören unter anderem Abschnitte im Knonaueramt oder entlang der Linien Bülach-Schaffhausen und Andelfingen-Schaffhausen.

«Natur neben dem Gleis» - Lebensräume für Nattern, Echsen und Falter

Die S5-Strecke zwischen Zürich Altstetten und Knonau ist als Reptilienschutzzone ausgeschieden und eine der wenigen Standorte, wo die Schlingnatter noch anzutreffen ist. Die steilen Hänge eignen sich aber auch als Lebensraum für viele andere Tierarten. Etwa für die Ringelnatter, die Zauneidechse oder den Schachbrettfalter. Andrin Gross, bei ZVS/BirdLife Zürich Leiter für die Region Limmattal/Amt, hat deshalb das Projekt «Natur neben dem Gleis» lanciert. Ein Dutzend regionale Naturschutzvereine wirken mit. Bevor Strukturen wie etwa Steinhaufen angelegt werden , sollen zunächst die aktuellen Reptilienvorkommen entlang der Böschungen erhoben werden. Dabei helfen rund 50 ehrenamtliche Mitgliedern der lokalen Naturschutzvereine mit. Das Ökobüro Orniplan und zwei Amphibien- und Reptilien-Fachleute wurden für eine professionelle Projektplanung beigezogen. Erst nach der Auswertung werden die aufzuwertenden Flächen und Massnahmen definiert. Die Umsetzung soll Mitte 2017 starten und bis Ende 2019 dauern. Finanziert wird das Projekt von den Naturschutzvereinen. Allenfalls beteiligen sich SBB, Lotteriefonds und Gemeinden an den Kosten. (hz)

Steinhaufen, Wurzelstöcke

Besonders wertvolle Flächen im Kanton Zürich werden im Auftrag der Fachstelle Naturschutz durch Landwirte, Zivildienstleistende und kantonale Unterhaltsequipen gepflegt. Häufig übernehmen lokale Naturschutzvereine diese Aufgabe – neu zum Beispiel an mehreren Stellen entlang der S5-Strecke zwischen Zürich Altstetten und Knonau. Für die Aufwertung dieser Abschnitte hat Andrin Gross das Projekt «Natur neben dem Gleis» lanciert (siehe Kasten). Ein Dutzend Naturschutzvereine der Region tragen das Vorhaben und helfen ehrenamtlich mit, dass Strukturen wie Steinhaufen und Wurzelstöcke angelegt werden, in denen Nattern und Eidechsen ein Zuhause finden. Auf die Pläne angesprochen, hätten die SBB positiv reagiert, sagt Gross.

Für Anliegen des Naturschutzes und der Biodiversität seien die SBB grundsätzlich offen, sagt Mediensprecher Oli Dischoe. Selber würden die SBB als Verkehrsunternehmen aber keine eigentlichen Projekte zur Förderung der Artenvielfalt lancieren. Die SBB unterstützen jedoch Ersatzmassnahmen, die zumindest der Erhaltung von Tier- und Pflanzenarten dienen. Dazu zählen Magerwiesen zwischen Zürich HB und Zürich Altstetten, zwischen Birmensdorf und Bonstetten sowie beim Überwerfungsbauwerk Hürlistein nahe Effretikon.

Finanziert werden die Projekte von den SBB als Teil einer Leistungsvereinbarung mit dem Bund. Pro Jahr geben sie 13 Millionen Franken für das Schneiden der Grünflächen aus, 8 Millionen für die Pflege des Gehölzes und 2 Millionen für Schutzwälder. Den Vorwurf, sie foutierten sich um die fachgerechte Pflege entlang der Bahnlinien, weisen die SBB zurück. Die Bahn nehme ihren Auftrag wahr, sagt Oli Dischoe. «Nichtsdestotrotz gibt es sicherlich auch Potenzial für Aufwertungen.»