Glockengeläut gehört traditionell zu Kirchen – oder? Denn was für einige schön klingt, ist für andere ein bitteres Ärgernis. Besonders das Geläute in der Nacht hat sich zu einem emotionalgeladenen Streitpunkt entwickelt; Kirchen sollen den Lärm einstellen, fordern immer mehr genervte Anwohner. 

In "Talk Täglich" von "TeleZüri" liefern sich die umstrittene Aargauerin Nancy Holten, welche sich als Verwaltungsratsmitglied der Interessengemeinschaft Stiller für mehr Nachtruhe einsetzt, und Thomas Stössel, der Anwalt der reformierten Kirchengemeinde in Wädenswil, eine hitzige Diskussion über Tradition und Nachtruhe.

Die Gemeinde Wädenswil ist ein Paradebeispiel im Glockenstreit: Ein lärmgeplagtes Ehepaar, welches 200 Meter vom reformierten Kirchenturm entfernt wohnt, hatte Beschwerde gegen das nächtliche Glockengeläut eingereicht und vom Verwaltungsgericht recht bekommen. Das Urteil besagte: Kirchenglocken dürfen nachts nur noch alle Stunden schlagen – statt wie zuvor im Viertelstundentakt.

Gerichtsentscheid unverhältnismässig

Bei der Reformierten Kirchengemeinde in Wädenswil löst das Urteil Unverständnis aus. Es gebe eine breite Unterstützung von Seiten der Bevölkerung in Wädenswil, welche die Kirchenglocken gutheissen, ist Thomas Stössel überzeugt. Ausserdem: "Der Entscheid des Gerichts ist völlig unverhältnismässig."

Die Interessenabschätzung zwischen Tradition und Nachtruhe sei beim Viertelstundenschlag genau die gleiche wie beim stündlichen Läuten. Während jedoch der Stundenschlag lauter ist, wird trotzdem entschieden, den Viertelstundenschlag abzusetzen. "Das macht keinen Sinn", findet der Anwalt.

Kirchenglockengegnerin Nancy Holten widerspricht ihm nicht per se. Schliesslich verfolge die Interessengemeinschaft das Ziel einer kompletten Nachtruhe von 22 Uhr bis 7 Uhr morgens. "Sobald das Urteil vom Bundesgericht gutgeheissen wird, werden wir auch dafür kämpfen, den Stundenschlag abzustellen", kündigt sie an und rechtfertigt ihr Vorhaben mit dem Zeitgeist, der heutzutage herrsche. Sprich: Kirchenglocken seien nicht mehr populär.

Kirche als Sinnbild für Ruhe

Darüber kann Stössel nur spöttisch lachen. Die Historie der vergangenen Bundesgerichtsentscheide habe gezeigt, dass Tradition höher gewichtet werde. "Tradition?", hakt die Aargauerin nach. Traditionell würden kirchliche Veranstaltungen wie Messen, Trauungen oder Beerdigungen doch am Tag stattfinden, so ihr Argument. Eine Kirche präsentiere auch Ruhe, Besinnlichkeit und Einkehr. «In der Kirche soll man ruhig sein – dann soll sie das auch gegen aussen präsentieren.»

Moderator Hugo Bigi schlägt vor, das Geläut der Kirchenglocken zu dämpfen, um weniger Anwohner zu stören. "Die Glocken werden gar nicht als laut eingeschätzt", erwidert der Anwalt. Es sei eine grosse Minderheit, welche sich gegen die Kirchenglocken aussprechen. Diesen recht zu geben, "widerspricht dem Demokratiegedanken, welchen wir in der Schweiz haben".

Holten jedoch glaubt, der Anteil von Personen, welche sich an Kirchenglocken stören, sei viel höher als von Stössel angenommen. "Viele wollen sich nicht outen, weil sie Angst vor Reaktionen haben." Sie würde jedoch regelmässig private Zuschriften von Personen erhalten, welche sich nicht trauten, öffentlich zu ihrer Meinung zu stehen. "Wir haben schon so viel Hektik im Leben, wenigstens nachts soll doch Ruhe sein", sagt sie abschliessend.

Sehen Sie die ganze Sendung hier: 

Kirchenglocken-Geläut

Kirchenglocken-Geläut

In der Nacht sollen die Kirchenglocken schweigen – das fordern immer mehr genervte Anwohner. Bereits haben verschiedene Kirchen eingelenkt. Doch in Wädenswil wehrt sich die reformierte Kirchenpflege vehement.