Stadtführung
«Nahreisen»: Die etwas andere Führung durch die Stadt Zürich

Seit 14 Jahren bietet Grün Stadt Zürich die Führungen an. Die diesjährige «Nahreise» deckt ein Zeitraum von zwei Jahrtausenden ab und führt die Besucher nicht nur an Orte wo man sonst keinen Zutritt hat.

Michael Rüegg
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Hier flossen einst Zürichs Abwässer durch: ein «Ehgraben» bei der Schifflände in der Altstadt.

Hier flossen einst Zürichs Abwässer durch: ein «Ehgraben» bei der Schifflände in der Altstadt.

Zürich steckt voller Orte, die Geschichten und Geheimnisse bergen. Im Alltag entgehen sie meist unserer Aufmerksamkeit. Nicht vieles deutet in der modernen Stadt auf die Zeit von vor 2000 Jahren hin, als die Römer an der Limmat ihren ersten befestigten Posten errichteten. Das Mittelalter ist da optisch noch präsenter. Doch wer durch die Altstadt schlendert, ahnt in der Regel nichts von den jahrhundertealten Wandgemälden, die in Privatwohnungen oder Geschäftsräumen die Wände zieren.

Seit 14 Jahren bietet Grün Stadt Zürich zusammen mit dem Migros Kulturprozent Führungen unter dem Titel «Nahreisen» an. Die diesjährige Ausgabe deckt einen Zeitraum von nicht weniger als zwei Jahrtausenden ab. Längst nicht jede der Nahreisen führt an Orte, zu denen man normalerweise keinen Zutritt hat. So steht beispielsweise auch der Irchelpark auf dem Programm. Dort begeben sich Nahreisende mit zwei Wissenschaftern auf die Suche nach Mäusen, Molchen und Meisen.

Eigenartige Fische im Graben

Auf der diesjährigen Liste der Besichtigungen steht auch der Schanzengraben. Die Befestigung stammt aus dem 17. Jahrhundert. Unter dem Eindruck des Dreissigjährigen Krieges verschanzte sich die Stadt sprichwörtlich rundherum. Der grösste Teil der gesamtem Anlage ist heute futsch, doch der Schanzengraben überdauerte die Jahrhunderte. Und mit ihm eine in Zürich beheimatete Variante der «Nase» – eines seltenen Süsswasserfisches. Die Population unterscheidet sich genetisch stark von anderen Fischen dieser Art, wie man kürzlich feststellte.

Nichts für Nasen, zumindest nicht für feine, ist der Ausflug in die «Schîssgruob». Die sogenannten Ehgräben bildeten ein mittelalterliches Kanalisationssystem. Nicht alle Fäkalien landeten damals in der Limmat, sondern nur die flüssigen Teile. Was fest war, wurde gesammelt und diente als Dünger. Auf der Führung durch einen trockengelegten Ehgraben erfahren Interessierte, wie aus den Gräben von damals die moderne Stadtentwässerung wurde.

Einer der illustereren Touristen im Zürich des 18. Jahrhunderts war zweifellos Giacomo Casanova. Er logierte 1760 im Hotel «Schwert» am Weinplatz, wo er sich in eine «feurige Brünette mit grossen Augen» verliebt haben will. Im Rokokosaal des Zunfthauses zur Meisen liest der Schauspieler Klaus-Heiner Russius aus Casanovas Reiseberichten, inklusive der Liebesabenteuer, umgeben von zeitgenössischer Zürcher Porzellankunst und umrahmt mit einer musikalischen Darbietung.

Zu Gast bei Eschers

Auf einem «Morgenspaziergang» im Belvoir-Park macht man Bekanntschaft mit der Familie Escher. Alfred Escher, dessen Vater im Amerika des frühen 19. Jahrhunderts ein Vermögen verdient hatte, und sich danach wieder seiner alten Heimat zuwandte, ging als Eisenbahnkönig und Politiker in die Geschichte ein. Die Familie lebte auf dem Belvoirgut, wo heute die Hotelfachschule untergebracht ist.

Ein Besuch steht auch auf dem Anwesen einer anderen berühmten Zürcher Familie an: der Villa Tobler – einst ein streng klassizistisches Gebäude, das Gustav Adolf Tobler, ETH-Professor und Bankierserbe in eine pittoreske Villa umbauen liess, mit Arkaden und Türmchen. Die Kunsthistorikerin Kerstin Bitar führt durch die Räume, während die Gartendenkmalpflegerin Silvia Streeb den üppigen Park vorstellt.

Ein anderer Anlass befasst sich mit der Titanic und ihren Schweizer Passagieren: Dazu gehört die in der Textilbranche tätige Familie Frölicher, deren Tochter in New York ihren zukünftigen Gatten hätte kennenlernen sollen. Oder – weiter unten in der dritten Klasse – die Familie des Magaziners Anton Kink, die von einem besseren Leben im US-Staat Wisconsin träumte. Seine Träume versanken allerdings mit dem Schiff im Atlantik.

Den Fledermausbach entlang

In den vergangenen 25 Jahren kamen zahlreiche Bachläufe auf Zürcher Boden wieder ans Tageslicht, nachdem sie lange unter die Erde verbannt waren. Ein solcher Bach ist der Bombach, der vom Hönggerberg zur Werdinsel führt. Ihm folgen die Wasserfledermäuse auf ihrem Weg von ihren Höhlen am Berg zum Jagdgebiet an der Limmat. Und den Fledermäusen folgen am Abend die Teilnehmer der entsprechenden Nahreise, zusammen mit Hans-Peter Stutz, dem Geschäftsführer der Stiftung Fledermausschutz.

Von der Natur zurück in die Industriegeschichte: Der Name Oerlikon wurde während des Zweiten Weltkriegs Synonym für eine 20-Millimeter-Kanone aus Emil Bührles Waffenfabrik. Für seine Mitarbeiter liess Bührle ein «Wohlfahrthaus» mit einem Park zur Erholung bauen. Auch diese Anlage wird zum Ziel einer Nahreise, inklusive Erinnerung an den damaligen Bundesrat Traugott Wahlen und seine Anbauschlacht während der Kriegsjahre.

Die unter dem Titel «Nahreisen» angebotenen Führungen finden zwischen 14. Mai und 6. September statt. Sie sind kostenlos, teilweise ist eine Anmeldung erforderlich: www.nahreisen.ch