Der Umzug startete gegen 10.15 Uhr an der Lagerstrasse und führte über den Löwenplatz, die Bahnhofstrasse, das Limmatquai zum neu gestalteten Sechseläutenplatz, wo erstmals die Schlusskundgebung stattfand.

Nach Angaben von Polizei und Organisatoren nahmen rund 14'000 Personen am Umzug teil - "so viele wie schon lange nicht mehr", wie es von Seiten der Organisatoren hiess. Im offiziellen Umzug waren auch rund 300 Personen von der linksautonomen Szene dabei, wie Stadt- und Kantonspolizei mitteilten.

Auf einem grossen Transparent stand das Motto des diesjährigen Umzugs "Stürmen wir die Festung Europa", wobei Europa durchgestrichen und mit Schweiz ersetzt war.

Levrat: Kampf für Fortschritte von morgen

An der Spitze hinter dem Transparent "Gute Arbeit - Mindestlohn" marschierte unter anderen SP-Präsident Christian Levrat mit. Levrat sieht wesentliche Errungenschaften in der Schweiz durch "rückschrittliche und reaktionäre" Kräfte bedroht, wie der Hauptredner der Gewerkschaften auf dem Sechseläutenplatz sagte.

Levrat beobachtet in der Schweiz eine "Renaissance von Machotum und Autoritarismus". Diese führe zu einer Absage an die humanitäre Tradition der Schweiz, zu einer Rückkehr des Saisonnierstatuts und sie bringe die Schweiz in Europa in eine "selbstmörderische politische Isolation".

Deshalb müsse diese "rückschrittliche Schweiz" bekämpft werden. Es sei wichtig, die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte zu verteidigen. Dazu gehörten etwa der Service public, die Gleichstellung von Mann und Frau sowie die AHV.

Aber auch für die Fortschritte von morgen müsse man kämpfen "mit wachem Geist und Entschlossenheit". Als Beispiele nannte Levrat etwa den Mindestlohn sowie eine ökologisch verträgliche Wirtschaftsentwicklung.

Kritik an EU-Migrationspolitik

Für das 1.-Mai-Komitee sprach der Künstler und Politaktivist Giacomo Sferlazzo von der italienischen Insel Lampedusa. Sferlazzo ersetzte die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giuseppina Nicolini, die ihre Teilnahme wegen der angespannten Situation in ihrer Gemeinde abgesagt hatte.

Sferlazzo wies in seiner Rede auf die Unzulänglichkeiten der europäischen Migrations- und Flüchtlingspolitik hin. Am Beispiel seiner Heimatgemeinde Lampedusa zeige sich, wie die EU die Migrationspolitik missbrauche, um das Mittelmeer zu militarisieren.

Neuer Kommandant vor Ort

Der 1. Mai in Zürich verlief bis am frühen Donnerstagabend friedlich. Gegen 15 Uhr versammelten sich auf dem Helvetiaplatz über 100 Linksaktivisten. Zur antikapitalistischen Demonstration aufgerufen hatte das Revolutionäre Bündnis um Andrea Stauffacher. Die Polizei reagierte umgehend und riegelte den Platz ab. Eine Stunde später zogen sich die Demonstranten und auch die Polizei zurück.

Später am Abend mischten sich an der Langstrasse Vermummte unter tanzende Personen, die im Rahmen des Künstlerkollektivs "Bury the Jumbo" Seifenblasen in die Luft steigen liessen. Auch hier griff die Polizei schnell ein und sperrte den Bereich in der Nähe des Helvetiaplatzes ab.

Der Kommandant der Stadtpolizei Zürich, Daniel Blumer, beobachtete die Situation vor Ort. Sowohl Blumer als auch AL-Polizeivorsteher Richard Wolff waren erstmals in ihren Funktionen an einem 1. Mai im Einsatz. Das Polizeidepartement hatte im Vorfeld angekündigt, Nachdemos und Ausschreitungen nicht zu dulden. Die Polizei war mit einem Grossaufgebot präsent und setzte auch einen Helikopter ein.

1. Mai-Test: Können die SP-ler die Internationale noch?

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