Zürich
Nach zwei Jahren im Kantonsrat ist schon Schluss

Nach nur zwei Jahren im Kantonsrat beendet Karl Zweifel (56) seine Politlaufbahn. Vor drei Jahren tauchte er im Vorfeld der Zürcher Stadtratswahlen als unbeschriebenes Blatt auf - und wurde schnell als «schräger Vogel» bekannt.

Anna Wepfer
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Karl Zweifel: Der «schräge Vogel» kündigte gestern seinen Rücktritt aus dem Kantonsrat an.KEYSTONE

Karl Zweifel: Der «schräge Vogel» kündigte gestern seinen Rücktritt aus dem Kantonsrat an.KEYSTONE

Karl Zweifel ist schnell. Ein schneller Denker, in dessen Kopf sich die Ideen überschlagen. Ein schneller Redner, der seinem Gegenüber die Sätze halb fertig um die Ohren pfeffert, weil er gedanklich immer einen Schritt voraus ist. Schnell war auch Karl Zweifels Politkarriere. Als unbeschriebenes Blatt tauchte er vor drei Jahren im Vorfeld der Zürcher Stadtratswahlen auf. Schnell machte er von sich reden, wurde in Porträts als «bunter Hund», «schräger Vogel» und als «Freak» bezeichnet. Schnell ist aber auch wieder Schluss: Gestern kündigte Zweifel seinen Rücktritt aus dem Kantonsrat an.

Nächsten Montag sitzt der 56-Jährige letztmals im Ratshaus. Danach will er sich wieder auf seine berufliche Karriere konzentrieren. An der Zürcher Privatklinik Bethanien übernimmt der Mediziner die Praxis für Wirbelsäulenchirurgie. «Man hat mich angefragt, ich habe nicht danach gesucht», sagt er fast entschuldigend. Dies sei für ihn eine grosse Chance, schon vor zehn Jahren habe er sich für diese Stelle beworben, jedoch vergeblich. Mit seinem Kantonsratsmandat sei die Aufgabe aber nicht vereinbar. Er habe sich entscheiden müssen - und den Beruf gewählt.

Dabei startete Zweifel seine Politlaufbahn mit grossen Ambitionen: 2010 schickte ihn die Zürcher SVP neben Mauro Tuena in den Stadtratswahlkampf. Kaum nominiert, machte ihn eine unbedachte Äusserung schweizweit bekannt: In seiner ungestümen Art hatte er gesagt, im Mittelalter wäre Eveline Widmer Schlumpf für ihre Mithilfe bei der Abwahl Christoph Blochers aus dem Bundesrat wegen Hochverrats gevierteilt worden. Mit dieser Aussage wurde er lange in den Medien zitiert.

Zweifel war zu jenem Zeitpunkt ein erfolgreicher Chirurg. Hunderte Wirbelsäulenoperationen führte er jährlich durch und verdiente damit doppelt so viel wie ein Stadtrat. Dennoch war er bereit, mit der Politik einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Er verlasse seinen Job auf dem Karrierehöhepunkt sagte er damals. Doch am Wahltag blieb er chancenlos. Abgeschlagen landete er auf dem zwölften Platz. Dafür wurde er in den Gemeinderat gewählt. Er trat das Amt an, blieb aber nur so lange, bis ein halbes Jahr später im Kantonsrat ein Platz frei wurde. Zweifel nahm die Gelegenheit zu wechseln dankbar an, denn sein Kernthema - die Gesundheitspolitik - kam ihm auf kommunaler Ebene zu kurz. Im Kantonsrat hoffte er auf mehr Einfluss.

Genutzt hat er diesen jedoch nicht. Wie im Gemeinderat reichte er auch in den gut zwei Jahren im kantonalen Parlament keinen einzigen Vorstoss ein. «Ich habe das bewusst so gemacht. Wir brauchen nicht noch mehr Gesetze», sagt er. Und für die Mitarbeit in der Gesundheitskommission habe leider die Zeit nicht gereicht. So blieb er ein unauffälliges Mitglied der SVP, meldete sich nur selten zu Wort und sass ansonsten die Ratssitzungen geduldig ab.

Ein feuriger Philosoph

Das mag erstaunen, vor allem, wenn man schon einmal erlebt hat, wie sich Zweifel ins Feuer redet. Der Mann mit der Alt-Hippie-Frisur hat Temperament. Als junger Erwachsener kam ihm das auf dem Eisfeld zugute, als er für die Juniorennationalmannschaft Hockey spielte. Heute ist er vor allem ein engagierter Argumentierer mit stramm bürgerlichen Werten. Er ist ausgesprochen belesen, ein Kulturfreund, der gerne in die Oper geht und sich mit Leidenschaft für Philosophie interessiert. Seit Jahren werkelt Zweifel an seinem eigenen Buch. Es trägt den Titel «Weltkonzept» und soll erklären, wie eine Gesellschaft friedlich zusammenleben kann.

Gegen 300 Seiten sind schon geschrieben. Publizieren will er das Buch selbst - damit ihm kein Verleger reinredet. Dass er der Politik nun den Rücken kehrt, will Zweifel nicht als Schlussstrich verstanden wissen. Für künftige Wahlen stehe er grundsätzlich zur Verfügung sagt er. Er sieht sich ebenso als Stadt- wie auch als Regierungs-, National- oder Ständerat. Nur beim aktuellen Wahlkampf um die Nachfolge des Zürcher Stadtrats Martin Vollenwyder (FDP) hat er abgewinkt. «Die SVP hat in der Stadt Zürich derzeit keine Chance», sagt er. «Wenn man nur verlieren kann, hat es keinen Wert.»