Dietikon
Nach verpasster Nomination: Parlamentspräsident Martin Romer tritt per sofort aus der FDP aus

Die Partei bringt für die Entscheidung des Gemeinderats mit Ambitionen auf einen Stadtratsposten kein Verständnis auf

Gabriele Heigl
Merken
Drucken
Teilen
Martin Romer
5 Bilder
 Wahl zum Gemeinderatspräsidenten. Im Bild: Esther Sonderegger, Markus Erni und Martin Romer.
 Der ehemalige Hochleistungsschwimmer Martin Romer in seinem Ciné Capitol in Dietikon.
 Am Ausflugsanlass des Dietiker Gemeinderats. Dietikons Gemeindepräsident Martin Romer überraschte seine Kollegen mit einem sportlichen Ausflugsprogramm. Er bot zwei Weltmeister auf, um seine Gäste für ein Tischfussball-Turnier fit zu machen.
 Apéro des Ja-Komitees im Hotel Sommerau zur Abstimmung "Gestaltungsplan Silbern" in Dietikon im Jahr 2012. Im Bild zu sehen sind Martin Romer (FDP), Markus Erni (SVP), Thomas Wirth (EVP) und Josef Wiederkehr (CVP).

Martin Romer

Zur Verfügung gestellt

Die Medienmitteilung von Dienstag klingt nüchtern, ihr Inhalt aber ist brisant: «Martin Romer, Gemeinderatspräsident und Kantonsrat, tritt mit sofortiger Wirkung aus der FDP Dietikon aus.» Er stehe der FDP nicht mehr für die Gemeinderatsliste der kommenden Erneuerungswahlen vom 4. März zur Verfügung.

Als parteiloser Kantonsrat werde er weiterhin im kantonalen Parlament mitarbeiten, seine Tätigkeit als parteiloser Gemeinderatspräsident werde er regulär abschliessen. Ob er nun als parteiloser Kandidat bei den Stadtratswahlen antritt, gab er am Dienstag noch nicht bekannt. Dazu werde er die Öffentlichkeit zu einem späteren Zeitpunkt informieren. In der Mitteilung findet sich nicht ein einziges Wort zu seinen Motiven. Auch auf Nachfrage erklärte er am Dienstag lediglich: «Ich bin ein Mensch, der im Leben wie in der Politik mit Bodenhaftung nach praktischen Lösungen sucht und diese dann konsequent umsetzt. Die Gründe für den Austritt sind für mich Geschichte; ich schaue positiv nach vorne.»

Die «Geschichte», die in dieser Antwort anklingt, ist seine verpasste Nomination für eine Stadtratskandidatur. Vor knapp einer Woche unterlag Romer in einer Kampfabstimmung an der Mitgliederversammlung der FDP-Ortspartei Philipp Müller, dem Sohn von Stadtpräsident Otto Müller (ebenfalls FDP). Otto Müller wird nicht wieder antreten. Damit blieb Romer der mögliche Weg in die Exekutive verwehrt.

Bei seiner alten Partei zeigt man sich verständnislos. Werner Hogg, FDP-Ortsparteipräsident, meinte am Dienstag: «Bei der Nomination handelte es sich um einen fairen, transparenten und demokratischen Prozess. Ich kann Martin Romers Entscheidung nicht verstehen, und wir bedauern seinen Austritt sehr.» Ganz überraschend war dieser für Hogg aber nicht gekommen.

Der Entscheid habe sich nach der Nomination bereits angekündigt. Auch der FDP-Präsident Bezirk Dietikon Gérald Künzle brachte am Dienstag sein Bedauern zum Ausdruck; schliesslich sei Romer 16 Jahre lang ein wichtiges Mitglied der FDP gewesen. «Aber die Nomination ist fair abgelaufen und die Mehrheit für Philipp Müller war deutlich. » Auf Romers Kantonsratssitz angesprochen, meinte er: «Er bleibt selbstverständlich bis zur nächsten Wahl Kantonsrat.» Als Einzelkämpfer ohne Fraktion werde es jedoch schwierig für ihn.

Hier gehts zum Kommentar der Redaktorin:

Belustigt von Querelen

Martin Müller, der als Mitglied der DP seine letzten Runden im Dietiker Gemeinderat dreht, nimmt «die Querelen belustigt zur Kenntnis». Müller – nicht verwandt mit Philipp oder Otto Müller – kann die Reaktion Romers «gut nachvollziehen», denn auch er ist einst verärgert aus der FDP ausgetreten. Der Konflikt sei nach der Doppelkandidatur absehbar gewesen. Das hinge auch mit den «Strukturen und familiären Zusammensetzungen» in der Ortspartei zusammen, so Martin Müller. Er verweist auf die in Dietikon gut verwurzelte FDP-Familie Müller. «Romer passiert dasselbe wie mir 2010. Offenbar hat niemand in der Partei etwas gelernt.»

Fragt man Romer, ob er sich als Opfer eines Komplotts sehe, äussert er sich lakonisch: «Kein Kommentar.» Die Austrittsentscheidung sei nicht spontan gefallen, sondern sei gut überlegt und gemäss seinen «rechtschaffenen Grundsätzen» erfolgt: «Ich will mir beim Rasieren am Morgen guten Gewissens in die Augen schauen können.» Fest steht, dass er nicht Mitglied der DP wird. Ob er einer anderen Partei beitritt oder parteilos bleibt, werde die Zukunft weisen. Romer zeigte sich am Dienstag in aufgeräumter Stimmung. «Ich verfüge über eine reiche Lebenserfahrung und werde meinen Weg gehen. Ausserdem bin ich zukunftsorientiert und werde die weiteren Schritte entsprechend positiv gestimmt anpacken.» Auch mit einer mangelnden Wertschätzung durch seine alte Partei hält er sich nicht lange auf: «Da ich nicht mehr Mitglied bin, ist eine solche Grübelei obsolet.»

Gemeindepolitik Dietikon – Martin Romer ist nicht der Erste: «Tummelplatz inhaltsloser Karrieristen»

Vor sieben Jahren ging Gemeinderat Martin Müller denselben Weg, den Romer jetzt geht: Er trat aus der FDP aus, die er lange präsidierte und im Gemeinderat vertrat. Die Konstellation war ähnlich wie jetzt bei Romer. Der Austritt kam, als die FDP ihm für die Gemeinderatswahlen im 2010 keinen Listenplatz mehr gewährte. Müller trat mit seiner eigenen Gruppe Liberale Liste an, kandidierte für Gemeinderat, Stadtrat sowie fürs Stadtpräsidium – ohne Erfolg. 2011 wechselte Müller zur Demokratischen Partei (DP) und vertritt sie seit 2014 im Dietiker Parlament. Er ist als meinungsstarker Querkopf bekannt. Demnächst wird er seinen Wohnsitz wechseln und daher das Parlament verlassen. Auch Gemeinderat Ernst Joss hat Erfahrungen mit einem Parteiaustritt.

Ihm ging es, gemäss seiner damaligen Äusserungen nicht um Posten, sondern um Inhalte. Nach 30 Jahren verliess er Anfang 2007 die SP und schloss sich der neuen linken politischen Gruppierung Alternative Liste (AL) an – ein Schritt, der ihm nicht leicht gefallen sei. Aber die SP sei zu weit nach rechts ins bürgerliche Lager gerückt. Joss sprach von «nicht mehr erträglichen Verhältnissen» in der SP Dietikon, in der inhaltlich zu wenig geleistet und keine offene Personalpolitik betrieben werde. Sie sei wie andere grosse Parteien ein «Tummelplatz inhaltsloser Karrieristen» geworden. 2010 zog Joss für die AL ins Dietiker Parlament ein. Inzwischen hat man sich wieder angenähert. Joss fungiert als Fraktionspräsident von AL und SP. (GAH)