Die Zürcher Stadt- und Kantonspolizei stossen Monat für Monat auf Opfer von Menschenhändlern: «Es sind zwei bis drei Frauen pro Monat, häufig aus osteuropäischen Staaten», sagt Beat Rhyner, Chefermittler bei der Stadtpolizei Zürich, auf Anfrage. Die Zahl der Opfer ist gemäss seinen Angaben seit Jahren mehr oder weniger konstant. Sie änderte sich auch kaum, als vor zwei Jahren der Strassenstrich am Sihlquai geschlossen wurde – und die Sexboxen in Altstetten eröffnet worden sind. Die Menschenhändler, oft im Rotlichtmilieu unterwegs, sind also nach wie vor aktiv, wenn auch versteckter.

Die erste Nacht in den neuen Sexboxen in Zürich Altstetten

Die erste Nacht in den neuen Sexboxen in Zürich Altstetten (27.8.2013).

Von Zürich nach Olten

«Gemäss unseren Erkenntnissen hat seit der Sihlquai-Schliessung eine Verlagerung der Prostitution in Innenräume stattgefunden, insbesondere in grosse Etablissements und grosse Salons», sagt Rhyner. Unter Grossbetrieben versteht er Orte, wo mehr als zehn Frauen tätig sind. Beobachtet habe man auch eine Verlagerung in die Zürcher Agglomeration sowie in Kontaktbars und Zimmer, in denen die Prostituierten ihre Kunden bedienen. Zudem habe man eine Abwanderung an andere Orte der Schweiz feststellen können, zum Beispiel auf den Strassenstrich nach Olten oder ins Ausland. Das weiss die Polizei aufgrund von Gesprächen mit Leuten aus dem Milieu.

Frauenhandel in Olten: Eine Puff-Mutter erzählt

Frauenhandel in Olten: Eine Puff-Mutter erzählt

Monika B. arbeitet seit 10 Jahren am Oltener Strassenstrich. Sie betreut die Prostituierten und weiss, dass nicht alle den Job freiwillig machen. (5.6.2015)

Parallel zur räumlichen Verlagerung hat sich auch der Kampf gegen Zuhälter und Menschenhändler in Zürich verändert. Am Sihlquai zeigten sich die Ausbeuter laut Chefermittler Rhyner noch relativ offen. Opfer und Täter hätten schneller entdeckt und identifiziert werden können. «Seit der Schliessung halten sich die Täter aber mehr im Hintergrund. Sie sind diskreter und unauffälliger geworden.»

Dazu beigetragen hat laut Rhyner auch die intensivierte Arbeit von Stadt- und Kantonspolizei im Verbund mit der Staatsanwaltschaft. Aber eben: «Die Menschenhändler sind weniger sichtbar, aber immer noch genau so da wie die Opfer.» Das Aufspüren der Opfer und die Ermittlungsarbeit gegen die Täter sei deutlich anspruchsvoller geworden, weil die Frauen sich vermehrt in Etablissements und Kontaktbars aufhielten. «Es ist für die Polizei schwieriger, dort Kontakte mit den Opfern zu knüpfen und ein Vertrauensverhältnis zu erarbeiten», sagt Rhyner.

Am Sihlquai konnte die Polizei die Aktivitäten der Menschenhändler vor Ort beobachten und auf relativ einfache Art Beweise sammeln. Im Innern von Gebäuden sei das schwieriger. «Den Aussagen der Opfer in Strafverfahren kommt deshalb eine noch grössere Bedeutung als früher zu», so Rhyner. Oftmals seien diese Aussagen die einzigen Beweismittel.

Das bestätigt auch Priska Landolt, derzeit federführende Staatsanwältin im Kanton Zürich im Bereich Menschenhandel. Dass die Aussagen der Opfer oft entscheidend sind, wissen natürlich auch die Zuhälter und Menschenhändler. Das könne dazu führen, dass mit der Polizei kooperierende Opfer und deren Angehörige noch stärker als bisher von den Zuhältern unter Druck gesetzt und bedroht würden, um sie von Aussagen abzuhalten oder diese zurückzuziehen, sagen Landolt und Rhyner übereinstimmend.

Ausbeutung erkennen

Beide Polizeikorps setzen deshalb Mitarbeiterinnen ein, die auf Opferbefragung und -betreuung spezialisiert sind. Diese arbeiten mit der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration zusammen. Die Stadtpolizei Zürich verfügt zudem seit Anfang 2012 über eine spezialisierte Fahndungseinheit für die Milieu-Aufklärung. Ihre Tätigkeit umschreibt der Chefermittler so: «Diese Spezialisten schaffen eine Vertrauensbasis und knüpften Kontakte. Das gelingt ihnen deshalb besser als anderen, weil sie gleichzeitig präventiv vorgehen.»

Die Fahnder fragten also nicht danach, ob Prostituierte über sämtliche notwendigen Bewilligungen verfügen und sich im zugewiesenen Quartier aufhalten, sondern sie konzentrierten sich darauf, mögliche Ausbeutungssituationen zu erkennen.