27,6 Prozent der Kantonsbevölkerung bezeichnen sich gemäss Statistik als konfessions- oder religionslos. Diese Gruppe ist etwa gleich gross wie die beiden grössten Religionsgemeinschaften: die Reformierten (29,2 Prozent) und die Katholiken (26,8). Während die Mitgliederzahlen der Reformierten sinken und jene der Katholiken einzig wegen der Zuwanderung leicht zunehmen, wächst die Gruppe der Religionslosen seit Jahren kräftig. Gewachsen ist auch die Zahl der Muslime. Mit einem Anteil von 6,6 Prozent ist sie aber noch immer vergleichsweise tief.

Trotzdem hat der Kanton Zürich Anfang Jahr zusammen mit der Vereinigung Islamischer Organisationen (Vioz) ein Seelsorgeprojekt speziell für Muslime angestossen. Auch sie sollen in Krisensituationen – bei Unfällen, in Spitälern oder Gefängnissen – auf gut ausgebildete Seelsorger ihrer Glaubensrichtung zurückgreifen können. Für Reformierte und Katholiken ist dies schon lange selbstverständlich. Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) will vor allem die Qualität des muslimischen Seelsorgeangebots verbessern, das nicht über alle Zweifel erhaben ist. Das staatliche Gütesiegel der Absolventen soll Institutionen wie Spitälern bei der Personalauswahl helfen. Die ersten Kursteilnehmer, unter ihnen Imame, beginnen nach der theoretischen Ausbildung dieser Tage ihr Praktikum.

Keinen Gott, aber Werte

Wenn sich der Staat für das religiöse Wohl einer Minderheit wie der Muslime engagiert, dann sollte er es erst recht auch für die viel grössere Gruppe der Konfessionslosen tun. Dieser Ansicht ist die Freidenker-Vereinigung Schweiz, präsidiert vom Stadtzürcher Andreas Kyriacou, Mitglied der Grünen. In der rund 1800 Personen zählenden Vereinigung versammeln sich Personen, die an keinen Gott glauben und in der Statistik als Konfessions- oder Religionslose erscheinen. Sie halten die klassischen humanistische Werte hoch und nennen sich deshalb immer öfter einfach Humanisten. «Wie alle Leute haben auch Konfessionslose in Krisensituationen das Bedürfnis nach einem einfühlsamen und kompetenten Gesprächspartner, der gleich denkt wie sie», sagt Kyriacou. Er will das bestehende Seelsorgeangebot für Reformierte, Katholiken und bald auch Muslime auf die Religionslosen ausweiten.

Kyriacou ist der geistige Vater einer Anfrage im Kantonsrat, die Vertreter von SP und GLP kürzlich eingereicht haben. Die drei Unterzeichner Jörg Mäder, Simon Schlauri (beide GLP) und Andrew Katumba (SP), die nicht der Freidenker-Vereinigung angehören, stellen dem Regierungsrat einige Suggestivfragen. Sie wollen etwa wissen, ob der Regierungsrat nicht auch der Meinung sei, dass die rund 27 Prozent Religionslosen Anspruch auf eine Betreuung in schwierigen Situationen hätten. Weil Seelsorge ein religiös besetzter Begriff ist, vermeiden ihn die Fragesteller und sprechen lieber von «Wohlsorge». Um später den Hebel am richtigen Ort ansetzen zu können, wollen die Politiker von der Regierung vor allem erfahren, welche Voraussetzung eine Organisation im Kanton erfüllen müsste, um einen staatlichen Auftrag zur Atheistenseelsorge zu erhalten. Die Antwort steht noch aus.

Humanistische Berater

Kyriacou schwebt ein ähnliches System wie in Belgien vor. Dort gibt es seit Jahrzehnten neben den christlichen Pfarrern auch sogenannte humanistische Berater, die in Altersheimen, Gefängnissen oder in der Armee Wohlsorge für Religionslose anbieten. Nicht die einzelnen Institutionen bezahlen diese Beraterinnen und Berater, sondern der Staat. Ulrike Dausel, ausgebildete Psychologin, arbeitet seit Jahren als staatlich besoldete humanistische Beraterin in Antwerpen. Die Nachfrage nach religionslosen Gesprächsangeboten sei dort etwa gleich gross wie für christliche Seelsorge, berichtet sie. Darin spiegelt sich für sie die fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft. Dausel räumt ein, dass viele gut ausgebildete, konfessionell orientierte Seelsorger sehr wohl in der Lage seien, ein vorurteilsfreies Gespräch auch mit Atheisten zu führen. «Für die Gesprächssuchenden selber ist es aber oft wichtig, ein Gegenüber mit demselben Weltbild zu haben», sagt sie.

Kyriacou und Dausel sehen keine Alternative darin, anstelle von Seelsorgern Psychologen für solche Gespräche aufzubieten. «Es ist nicht dasselbe, jemanden zu therapieren oder mit ihm ein einfühlsames Gespräch von Mensch zu Mensch zu führen», sagt Dausel. Ein Psychologiestudium sei zwar eine gute Grundlage, befähige aber nicht automatisch dazu. Erforderlich sei eine Spezialausbildung. Kyriacou weist zudem auf administrative Hürden beim Einsatz von Psychologen hin: Die Krankenkassen zahlen nur dann, wenn der Patient von einem Arzt überwiesen worden ist.

Leute ohne Religion können schon heute sogenannte Ritualbegleiter bei Geburts-, Abschieds- oder Hochzeitsfeiern engagieren. Einen solchen Service bietet auch die Freidenker-Vereinigung an. Kyriacou verhehlt nicht, dass er seine Organisation für prädestiniert hält, den Wohlsorge-Dienst für Religionslose auf die Beine zu stellen. Bei der Ausbildung müsse man nicht bei null anfangen, sondern könne auf bestehenden Grundlagen wie etwa für die Muslimseelsorge aufbauen.

Kyriacou befürwortet die Trennung von Kirche und Staat, was die Kantonsbevölkerung letztmals in einer Steuer-Abstimmung 2014 abgelehnt hat. Statt Religionsgemeinschaften direkt zu unterstützen, sollte der Staat auch bei der Wohl- und Seelsorge mit Leistungsaufträgen arbeiten, findet er. Der Staat würde die Leistungen ausschreiben, sodass sich interessierte Anbieter bewerben könnten. Der Zuschlag ginge an den besten Anbieter. Wettbewerb auch für die Wohlsorge findet Kyriacou gut: «Denn es ist durchaus möglich, dass eine andere Organisation ein besseres Angebot macht als wir.»