Winterthur

Nach Reklamationen: Regimekritisches Tanztheater erhält Absage

Die chinesische Tanzgruppe Shen Yun trat am Freitag das vorläufig letzte Mal im Winterthurer Stadttheater auf.

Die chinesische Tanzgruppe Shen Yun trat am Freitag das vorläufig letzte Mal im Winterthurer Stadttheater auf.

Das Tanztheater Shen Yun thematisiert unter anderem die Menschenrechtsverstösse in China. Nachdem Reklamationen eingegangen sind, will das Theater Winterthur dem Programm künftig keinen Platz mehr bieten.

Stadtpräsident Michael Künzle sah die Tanzshow Shen Yun letztes Jahr und spricht von einer «farbigen, unterhaltsamen, ansprechenden Vorstellung». Und für Barack Obama, damals noch Senator, war eine Vorführung in Chicago 2007 laut «Tages-Anzeiger» ein «spezielles Ereignis», an das er sich sein Leben lang erinnern werde.

Diese Woche war das Theater von Weltruf auch in Winterthur zu Gast. Die drei Aufführungen waren ausverkauft. Jene am Freitag wird allerdings die vorerst letzte im Theater Winterthur gewesen sein. Wie am Freitag bekannt wurde, hatten chinesische Regierungsvertreter, darunter der Botschafter aus Bern, im Vorfeld eine Absage des Stücks gefordert. Laut Michael Künzle habe man aber schon vor der chinesischen Intervention entschieden, das Stadttheater künftig nicht mehr an die Organisatoren, den Verein für chinesische Kunst, zu vermieten.

Reklamation wegen Werbung

Konkrete Gründe waren am Freitag auf Anfrage nicht in Erfahrung zu bringen. Ausschlaggebend könnten Inhalte der Aufführung vor einem Jahr in Winterthur gewesen sein. Sie war zwar erfolgreich; die Organisatoren und das Stadttheater einigten sich auf einen Anschlussvertrag für die zwei Shows 2018. Allerdings brodelte es hinter den Kulissen. «Wir erhielten Reklamationen, weil am Anlass für Falun Gong missioniert worden sei», sagt Theaterleiter René Munz.

Bei Falun Gong handelt es sich um eine spirituelle Praktik, die in China seit 1999 verboten ist. Auch eine Winterthurer Sinologin behauptet: «Das Publikum wurde in die Irre geführt.» Shen Yun werde als Kunst und Kultur aus China angepriesen, aber die zweite Hälfte der Vorführung sei reine Werbung für Falun Gong gewesen.

Theaterleiter Munz bedauert, dass erst in der Vorführung, nicht aber im Vorfeld auf die Verbindungen zu Falun Gong hingewiesen worden sei. «Das war insofern ein Etikettenschwindel.» Es habe sich nicht um eine reine kulturelle Veranstaltung gehandelt.

Ein prägendes Verbot

Für den Verein für chinesische Kunst kommt die Absage äusserst überraschend. Man habe nichts davon gewusst, sagt Vertreterin Chin-Yunn Yang. «Wenn man sich zuerst eine Show ansieht und einen Anschlussvertrag unterzeichnet, finde ich es seltsam, im Nachhinein von einem Etikettenschwindel zu sprechen.»

Ein direkter Zusammenhang zu Falun Gong bestehe nicht, sagt Yang. Shen Yun behandle 5000 Jahre chinesischer Geschichte, auch aktuelle Themen würden künstlerisch umgesetzt. «Da kommt man um die Menschenrechtslage in China und damit verbunden um Falun Gong nicht herum.» Das Verbot habe den Alltag und die Gesellschaft in China sehr geprägt. «Zuvor war Falun Gong äusserst populär gewesen, und plötzlich wurden Tausende Praktizierende in Arbeitslagern inhaftiert. Es wurden sogar Menschen verfolgt, wenn ein Verwandter Falun Gong praktizierte. Diesem Aspekt trug die Show Rechnung.»

Die Künstlergruppe erarbeitet jedes Jahr ein neues Programm. Beim Publikum stösst das auf grosses Interesse. Im April gastiert Shen Yun im Musical Theater Basel, die beiden Shows sind ebenfalls ausverkauft. In Basel hatte man am Freitag keine Kenntnis von einer Intervention Chinas.

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