Zürich
Nach harscher Kritik: Im Bundesasylzentrum auf dem Duttweiler-Areal gibt es mehr «Fingerspitzengefühl»

Das Stadtzürcher Sozialdepartement fand kein Gefallen am Sicherheitsregime im neuen Zentrum in Zürich West. Nun will man die Abläufe «feinjustieren».

Fabio Lüdi
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Trotz Kritik bleibt die Ausstattung im Bundesasylzentrum karg. Dafür werden Kinder beim Einlass nicht mehr abgetastet.

Trotz Kritik bleibt die Ausstattung im Bundesasylzentrum karg. Dafür werden Kinder beim Einlass nicht mehr abgetastet.

Keystone

Noch bevor das neue Bundesasylzentrum (BAZ) auf dem Stadtzürcher Duttweiler-Areal offiziell eingeweiht war, machte es Schlagzeilen: Die Stadt, die das Gebäude gebaut hatte, ist unzufrieden mit dem Regime des Staatssekretariats für Migration (SEM), das das Zentrum betreibt.

Der Betrieb sei seit dem Start Anfang November nicht gut gelaufen. Den Bewohnern wurden beispielsweise Kugelschreiber und Kaugummis abgenommen. Dazu kamen Berichte über unnötig rigide Einlasskontrollen sowie eine spärliche Innenausstattung der Räume.

Das SEM äusserte zuerst Befremden über die Kritik. An der offiziellen Einweihung am Samstag gab es sich nun selbstkritisch, wenn auch nur bedingt: Die Ausstattung der Schlafräume mit lediglich sechs Betten und sechs Spinden sei Schweizer Standard in solchen Zentren.

Die Sicherheitsangestellten hingegen hätten ihre Aufgabe anfangs «ein wenig zu ernst» genommen, sagte Daniel Bach, Kommunikationschef des SEM. «Das haben wir korrigiert.» Die Sicherheitsleute zeigten nun mehr Fingerspitzengefühl. So würden Kinder nur noch visuell kontrolliert.

Männer werden noch immer abgetastet

Einer generellen Änderung des Sicherheitsregimes erteilte Bach allerdings eine Absage, man werde lediglich «feinjustieren». Männer würden beim Einlass nach wie vor abgetastet, vor allem jene, die neu seien. Auch wer etwa mit einem teuren Pullover auftauche, müsse dafür nach wie vor eine Quittung vorweisen.

Ein junger Afghane, der seit dem ersten Tag im neuen BAZ wohnt, kann diesem Vorgehen nichts abgewinnen, wie er sagte. Das ständige Abtasten beim Einlass gehe zu lange. «Kommen wir am Mittag von der Schule zurück, haben einige von uns nicht genug Zeit zum Essen.» Zudem erzählt er von Schlägereien im Innenhof der Anlage.

Solche habe es gegeben, bestätigt BAZ-Leiter Claudio Cotting. «Es gibt kein solches Zentrum ohne Gerangel.» Im ersten Monat habe die Polizei fünf Mal in das Asylzentrum ausrücken müssen. Aber: Im Hinblick auf die aktuelle Belegung sei das wenig. Etwa 20 verschiedene Nationalitäten fänden sich unter den 230 Bewohnern, da könne es zu Reibereien kommen.

Nirgends sind Ausgehzeiten länger als hier

Stadt und SEM klopften sich an der Einweihung jedoch trotz Meinungsverschiedenheiten gegenseitig auf die Schultern. Denn das neue Asylzentrum, und da sind sich beide Seiten einig, sei etwas ganz Besonderes. In keinem anderen BAZ der Schweiz hätten die Asylsuchenden längere Ausgangszeiten, sagte Barabara Büschi, stellvertretende SEM-Direktorin.

Die maximal 360 Bewohner dürfen das Zentrum unter der Woche von 9 Uhr bis 20 Uhr verlassen, am Wochenende ist um 22 Uhr Torschluss. Zudem werden Kinder und Jugendliche in speziellen Aufnahmeklassen unterrichtet, zusammen mit anderen Schülerinnen und Schülern aus dem Quartier.
Dieser Schulunterricht ausserhalb des Asylzentrums ist einzigartig in der Schweiz.

«Das ist eine gute Möglichkeit, rasch mit dem Zürcher Alltag in Kontakt zu kommen», sagte Büschi. Damit sich Zentrums- und Quartierbewohner nicht fremd bleiben, betreibt die Stiftung Zürcher Gemeinschaftszentren ausserdem einen Begegnungsraum.

Baukosten um 2 Millionen unterschritten

André Odermatt, SP-Stadtrat und Hochbauvorsteher, freute sich über den Neubau, der mit 21.5 Millionen Franken die budgetierten Kosten um zwei Millionen Franken unterschritt. «Es war keine einfache Aufgabe», hielt er fest. Zwar ist das Gebäude ein Modulbau, aber eben keiner «von der Stange.»

Die Anforderungen an die Wohn- und Aufenthaltsqualität sowie die Sicherheit seien komplex gewesen. Dazu kam der Ort. «Wir sind hier nicht auf der grünen Wiese, sondern in einem Quartier.» Ein neues Gebäude müsse sich einfügen. «In der Stadt gibt es zum Bauen sicher einfachere Lagen», sagte Odermatt.

Sein Stadtratskollege Raphael Golta (SP) sieht im Standort eine Chance: «Das ist kein isoliertes Zentrum. Es ist ein Teil der Stadt, ein Teil des Quartiers.» Deswegen schaue man bei dessen Betrieb auch genau hin.

Es gehe der Zürcher Bevölkerung um die Haltung, wie man geflüchteten Menschen begegne. «In diesem Sinne stelle ich fest: Das Bundesasylzentrum Duttweiler ist gebaut, aber es ist noch lange nicht fertig.»
Trotz Kritik bleibt die Ausstattung im Bundesasylzentrum karg. Dafür werden Kinder beim Einlass nicht mehr abgetastet.

Raphael Golta, Sozialvorstand Stadt Zürich (SP)

Raphael Golta, Sozialvorstand Stadt Zürich (SP)

«Das Asylzentrum Duttweiler ist gebaut, aber ei ist noch lange nicht fertig.»

Herr Golta, Sie haben den Betrieb des Bundesasylzentrums im Vorfeld öffentlich kritisiert. Sind Sie jetzt zufrieden damit, wie es läuft?

Gewisse Startschwierigkeiten konnte man beheben. Momentan führen wir Gespräche mit dem Staatssekretariat für Migration (SEM), um zu schauen, was noch möglich ist. Wo genau der Weg hinführt, kann ich noch nicht sagen.

Das SEM hat einer grundsätzlichen Änderung des Sicherheitsregimes eine Absage erteilt. Wie gross ist Ihr Spielraum?

Das werden wir sehen. Was Feinjustierungen sind und was Grundsätzliches, muss sich erst noch klären. Wir versuchen, unsere Argumente einzubringen. Das ist ein normaler Aushandlungsprozess. Entscheiden wird aber das SEM.

Hätten Sie sich nicht früher einbringen können?

Wir hätten das Thema Sicherheit schon vor Betriebsbeginn diskutieren müssen. Das lief von unserer Seite her nicht gut. Wir haben uns zu sehr auf die baulichen Fragen konzentriert, weil der Bau rechtzeitig fertig sein musste. Nun müssen wir die Diskussion in einigen Fragen nachholen. Immerhin können wir das jetzt am realen Betrieb diskutieren.