Westtangente
Nach der Verkehrsberuhigung herrscht bei der Westtangente Idylle

Die Westtangente ist nicht wiederzuerkennen. Wo sich bis 2009 ein nicht enden wollender Verkehrsstrom von der Hardbrücke quer durch Aussersihl und Wiedikon zur Sihlhochstrasse ergoss, sorgen an diversen Stellen massive Betonelemente dafür, dass der Durchgangsverkehr keine Chance mehr hat.

Alfred Borter
Drucken
Teilen
Die Bewohner dieses Hauses an der weststrasse wehren sich dagegen, dass nun die Häuser teuer saniert werden und die bisherigen Bewohner ausziehen müssen
10 Bilder
Hier rollt der Verkehr Auffahrt auf die Sihlhochstrasse, rechts der Beginn der Weststrasse
Die Tankstelle an der weststrasse wird seit der Verkerhsberuhigung nicht meh roft aufgesucht
Noch sind längst nicht alle der 300 geplanten Baumpflanzungen erfolgt (Weststrasse)
Einzelne durchaus attraktive Gebäude an der Weststrasse sind bereits saniert
An der weststrasse sind jetzt die Fussgänger König, der Autoverkehr hat massiv abgenommen
Am Bullingerplatz ist eine Bewegnungszone eingerichtet worden, Velos haben die Autos weitgehend abgelöst
Massive Betonelemente sperren die frühere Westtangente
Die Bardame im Café zum guten Glück freut sich über die Verkehrsberuhigung an der Weststrasse
Rundgang bei der Westtangente in Zürich

Die Bewohner dieses Hauses an der weststrasse wehren sich dagegen, dass nun die Häuser teuer saniert werden und die bisherigen Bewohner ausziehen müssen

Alfred Borter

Und wo Verkehr noch zugelassen ist, hat die Stadt Tempo-30-Zonen oder gar Begegnungszonen eingerichtet, wo grundsätzlich die Fussgänger Vortritt haben und Autos mindestens theoretisch nur noch mit 20 km/h fahren dürfen.

Dafür sind diverse Plätzchen entstanden, wo man gemütlich sitzen könnte – wenn denn jemand Zeit hätte. An einem ganz gewöhnlichen Donnerstagmorgen sind die Bänklein aber alle leer, nur ein Strassenarbeiter mit seiner Kehrmaschine belebt die Szenerie am neu entstandenen Anny-Klawa-Platz.

Wieder offene Fenste

Immerhin hat eine Bewohnerin an der Weststrasse Zeit für ein Schwätzchen. Wie Tag und Nacht sei es, erwähnt sie. Sie sei froh, dass sie auch während der schlimmsten Zeiten nicht weggezogen sei, denn jetzt sei es beinahe idyllisch.

Man könne auch wieder die Fenster offenlassen, der Verkehrslärm sei sehr erträglich geworden, auch müsse man nicht dauernd die Fensterscheiben putzen; früher sei immer alles rasch dreckig geworden, weil der Verkehr jeweils nonstop durchs Quartier gerauscht sei.

Anderseits findet ein Anwohner am Bullingerplatz, das nur mit einem kleinen Verkehrsschild als Begegnungszone ausgeschilderte Strassenstück sei für Kinder sehr gefährlich. «Da bremst doch keiner auf 20 Stundenkilometer ab», sagt er, und weist auf die Automobilisten hin, die tatsächlich unbekümmert forsch durchfahren.

Die Eltern kleiner Kinder wüssten das und liessen die Kinder bloss im Hinterhof spielen, erläutert der Mann, ein Chilene. Er wundert sich, dass man in der Schweiz das Gesetz nicht respektiert.

Ein paar Strassen weiter stehen zwei Polizisten, und gleich wird einer von einem Automobilisten um Auskunft gebeten, wie er jetzt sein Ziel erreichen könne, wo doch alles anders sei. Der Polizist deutet mit ausgestrecktem Zeigefinger an, welcher Umweg zu fahren ist; es scheint sich um eine komplizierte Fahrt zu handeln.

Frisch saniert

Am augenfälligsten sind die Auswirkungen der Verkehrsberuhigungsmassnahmen an der Weststrasse, wo zahlreiche Häuser frisch verputzt sind oder unter einem Schutznetz der Verschönerung harren.

Mit der Aufwertung des Quartiers haben verschiedene Bewohner billiger Wohnungen Mühe. Sie haben zu einem «(West-)Strassen-Geplauder eingeladen. «Wer wird in fünf Jahren noch hier wohnen?», lautet eine der Fragen.

Befürchtet wird, dass durch die Yuppisierung billiger Wohnraum verloren gehe, das Quartier werde sich durch den Zuzug von Personen, die sich die teuer sanierten Wohnungen noch leisten könnten, zu sehr verändern.

Alfeo Bugno, Pressesprecher und Vizepräsident des Gewerbevereins Zürich 4, bestätigt, es sei sicher so, dass sich mit der Zeit eine Umschichtung ergebe. Aus gewerblicher Sicht sei das aber nicht negativ zu sehen. Eine kaufkräftigere Schicht sei durchaus willkommen.

Auch wenn nun der Durchgangsverkehr ausbleibe und die Avia-Garage sicher weniger Kunden habe, könnten andere Gewerbetreibende durchaus davon profitieren.

Bereits haben Cafés Tische und Stühle aufs Trottoir hinausgestellt, etwa das «Gasthaus zum guten Glück». «Früher hätte es hier draussen niemand ausgehalten», sagt die Bardame, abgesehen davon, dass die Boulevardgastronomie erst dank der Trottoirverbreiterung möglich wurde.

«Zum guten Glück ist die Verkehrsberuhigung gekommen», sagt sie. Das Quartier beginne aufzuatmen. Noch sei nicht alles gut, aber Verbesserungen seien immer wieder zu konstatieren.

Blühende Geranien

Tatsächlich gibt es immer noch einige Sex-Klubs, die «Girls, Girls» anpreisen, aber es gibt neu auch Kleiderläden für schmale Geldbörsen, ein Ladenlokal ist in ein Grafik-Design-Atelier umgewandelt worden, und es gibt Wohnungen, vor denen Geranien blühen.

Martin Etter, Pressesprecher im Tiefbaudepartement, kann bestätigen, dass der Verkehr in den beruhigten Strassen stark abgenommen hat. Der Schwerverkehr sei beinahe vollständig aus den Quartierstrassen verschwunden. Die Durchgangsachsen hingegen haben etwas Mehrverkehr zu bewältigen, während der grösste Teil des früheren Durchgangsverkehrs nun die Zürcher Westumfahrung benütze.

Aktuelle Nachrichten