Platzspitz-Räumung

«Nach der Räumung begann die schlimmste Zeit»

Süchtige auf dem Platzspitz (Archiv)

Süchtige auf dem Platzspitz (Archiv)

Heute jährt sich die Räumung der offenen Drogenszene im Zürcher Platzspitzpark zum 20. Mal. Andres Oehler, damaliges Mitglied der stadträtlichen Drogendelegation, gibt im Gespräch Einblick über die damalige Situation.

Vor zwanzig Jahren waren Sie Informationsbeauftragter der stadträtlichen Drogendelegation. Wo waren Sie am 5.Februar 1992?

Andres Oehler: Ich war an diesem Tag sehr früh im Büro. Das Telefon läutete um sechs Uhr zum ersten Mal. Ein Radiojournalist aus Hongkong fragte, ob es wahr sei, dass heute der «Needle Park» geschlossen werde. Man wusste zwar, dass die Räumung bevorsteht, weil wir in einer Vorlaufzeit Zäune montiert und den Park bereits in der Nacht geschlossen hatten. Der genaue Termin war öffentlich aber nicht bekannt.

Waren Sie an diesem Tag auch vor Ort auf dem Platzspitz?

Ja, an diesem grauen, kalten Morgen spielte sich dort eine fast unwirkliche Szene ab. Die aufgebotenen Polizisten standen einigen Demonstranten gegenüber, die Steine warfen. Es waren aber nur wenige Drogensüchtige da und auch nicht sehr viele Journalisten. In Erinnerung blieb mir eine attraktive, italienische Fernsehreporterin, die vor laufender Kamera mit ein paar frierenden Junkies eine riesige Show abzog.

Hat Sie das internationale Interesse erstaunt?

Nein, denn schon vorher kamen Journalisten aus der ganzen Welt, um sich den «Needle Park» anzuschauen. Ich begleitete sie oft, um ihnen die Drogenpolitik bekannt zu machen, die sich der Stadtrat damals eigentlich gewünscht hätte. Er war in seinen Ideen nämlich weltweit gesehen ziemlich revolutionär. Er dachte schon früh an Lösungen wie etwa Methadonabgabe oder das ärztliche Verschreiben von Heroin.

Wie kam es denn überhaupt zu einer offenen Drogenszene? Explizites Dealen und Fixen im öffentlichen Raum ist heute kaum mehr vorstellbar.

Das ist schwierig zu sagen. Es existierte bereits vor dem Platzspitz eine offene Drogenszene, an der Riviera beim Bellevue zum Beispiel oder auf dem Hirschenplatz. Sie wurde immer wieder aufgelöst und bildete sich daraufhin an einem anderen Ort neu. Als sie im Platzspitzpark ankam, störte sie zum einen nicht sehr. Zum andern stand zu dieser Zeit im Stadtrat die Fürsorge höher im Kurs als die Repression.

Wieso konnte sich ausgerechnet im reichen Zürich solches Elend entwickeln?

Ein wichtiger Faktor war sicher, dass sich der Platzspitz so nahe beim Hauptbahnhof befindet. Die zentrale Lage zog die Süchtigen und in der Folge die Händler an. Stoff war dauernd verfügbar. Es gab Gemeinden in der Schweiz, die drückten ihren Süchtigen ein Billett «Zürich einfach» in die Hand. Wir wiederum sammelten die Junkies ein und führten sie zurück in ihre Heimatgemeinden. Eine Sisyphus-Arbeit, denn sie kamen immer wieder. Eines Tages gab ich die Statistik des Rückführungszentrums raus, die aufführte, woher wie viele Süchtige stammten. Der «SonntagsBlick» veröffentlichte eine grosse Schweizer Karte, die zeigte, dass die Süchtigen von überallher nach Zürich strömten. Ich glaube, das trug auch zum Verständnis bei, dass die Drogen kein zürcherisches, sondern ein schweizerisches Problem sind.

Die Platzspitzräumung wurde ja vom damaligen Statthalter angeordnet und geschah gegen den Willen des Stadtrats. War sie denn ein Fehler?

Zu diesem Zeitpunkt war sie ganz sicher nicht richtig. Wir hatten zu wenig begleitende Massnahmen wie Drogenanlaufstellen und Methadonabgabe in die Wege leiten können.

Was passierte nach der Räumung?

Die schlimmste Zeit begann erst. Die Situation auf dem Platzspitz war bereits ungesetzlich gewesen. Auf den Geleisen und im Tunnel beim stillgelegten Bahnhof Letten aber, wo sich die offene Szene nach der Platzspitzräumung mit der Zeit niederliess, vergrösserte sich das Elend nochmals enorm. Und was das Schlimmste war: Die Drogenszene dehnte sich in den Kreis 5 hinein aus und beeinträchtigte die Bevölkerung dort stark. Die Dealer bedienten ihre Kundschaft im Quartier auf offener Strasse aus ihren schnittigen Autos heraus. Die Drogenprostitution verschlimmerte sich. Schülerinnen wurden auf dem Schulweg von Freiern angemacht, Knaben von den Dealern als Kuriere angeheuert. Die Eltern hatten grosse Angst. Zu Recht.

Was hat die Stadt dagegen gemacht?

Wir versuchten, den Kontakt zwischen Bevölkerung, Politik und Verwaltung herzustellen, um den Betroffenen ihre Anliegen zu erfüllen. Und wir probierten, den Bund in unsere Drogenpolitik einzubeziehen. Erst als Ruth Dreifuss Sozialministerin wurde, nahm sie unsere Einladung an. Begleitet von drei Zivilpolizisten führte ich die Bundesrätin in der Nacht vor dem offiziellen Treffen inkognito über den Letten, mitten durch die pulsierende Drogenszene. Diese direkte Begegnung war wohl sehr wirkungsvoll, erst dann begann sich in Bern etwas zu bewegen. Vorher hiess es lediglich, die rot-grüne Regierung von Zürich habe das Problem einfach nicht im Griff.

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