Es sei eine Richtungswahl, hatte es vor dem Urnengang geheissen. Und die meisten Gewinner und Verlierer des gestrigen Tages kommentierten ihr Abschneiden mit eben diesem Hinweis auf diese «Richtungswahl».

Die Richtungswahl

Denn gewonnen haben die Grossen, während die Kleinen Federn lassen mussten oder zumindest stabil bleiben konnten. Der Wahlkampf sei nicht durch Zürcher Themen geprägt gewesen, sondern unter anderem durch die Flüchtlingskrise oder den starken Franken von aussen bestimmt worden, sagte SP-Kantonalpräsident Daniel Frei, einer der gestrigen Gewinner. Angesichts dieser Themen seien wohl jene Kräfte gestärkt worden, die etwas bewirken könnten. Frei meinte damit nicht nur die Ausrichtung der Partei, sondern vor allem auch deren Grösse, damit die Kräfte nicht verzettelt würden. Ähnlich interpretierte auch BDP-Präsident Marcel Lenggenhager, allerdings aus Sicht des Verlierers, den Wahlausgang: Wegen den grossen, internationalen Themen seien die polarisierenden Kräfte links und rechts der Mitte gestärkt worden, die von dem als Richtungswahl stilisierten Urnengang profitiert hätten. «Die vernünftige Mitte ging darob vergessen», meinte Lenggenhager.

Die Entwicklung der Parteistärken im Kanton Zürich.

Die Entwicklung der Parteistärken im Kanton Zürich.

Der Kanton Zürich, dem in der Legislatur 2015-2019 mit 35 Sitzen einer mehr als zuvor zusteht, schickt unverändert eine eher bürgerliche Delegation nach Bern. Die SVP bleibt unbestrittenermassen die wählerstärkste Partei, die gemeinsam mit der FDP fast die Hälfte der Zürcher Delegation stellt (17 der 35 Mandate). Die Zahlen und Fakten zu den Parteien.

SVP: Wähler bereinigen die Liste

Die SVP steigert ihren Wähleranteil um 0,84 auf 30,68 Prozent. Sie erobert damit einen Sitz mehr und schickt nun 12 Vertreter nach Bern. Auffallend ist dabei insbesondere, dass die von der Partei vorgelegte Liste von den Wählerinnen und Wählern in dieser Form nicht goutiert worden ist. Wie bei keiner anderen Partei ist kumuliert und panaschiert worden. Der «Weltwoche»-Verleger und Polit-Quereinsteiger Roger Köppel überholte vom tiefen 17. Listenplatz aus alle anderen SVP-Kandidaten; der Küsnachter erzielte 178 090 Stimmen, soviel wie kein anderer Politiker.

Die SVP-Wähler haben gestern aber auch zahlreiche Parteiexponenten abgestraft. Gleich drei bisherige Nationalräte sind abgewählt worden: Ernst Schibli (Otelfingen), Hans Fehr (Eglisau) und Christoph Mörgeli (Stäfa). Letzterer stürzte vom aussichtsreichen zweiten Listenplatz auf den 20. Platz ab.

Dass die Wähler die Liste derart durcheinandergeschüttelt haben und damit den Vorgaben der Partei nicht gefolgt sind, irritiert Präsident Alfred Heer nicht. «Deshalb haben wir ja auch eine Liste mit 35 Namen vorgelegt», sagt Heer. «Der Wähler soll am Ende entscheiden.» Dass mit Hans Fehr und Ernst Schibli zwei langjährige Exponenten abgewählt wurden, erstaunt den Parteipräsidenten nicht sonderlich: Bei einer langen Präsenz könne ein Bisherigen-Status von einem Bonus zu einem Malus werden.

SP: trotzt dem Negativ-Trend

Während die SP landesweit zwei Sitze verliert, legt die Partei im Kanton Zürich überraschend deutlich zu. Sie steigert ihren Wähleranteil um 2,12 auf 21,39 Prozent. Sie gewinnt damit – auch dank der Listenverbindung mit verschiedenen kleineren Parteien – zwei Sitze hinzu. Die SP schickt neu 9 Zürcher Vertreter nach Bern.

Die Partei ist angesichts der oft diskutierten «Richtungswahl» davon ausgegangen, «der Fels in der linken Brandung» zu sein, sagt Parteipräsident Daniel Frei. Ein derart gutes Ergebnis habe man aber nicht erwartet. Profitiert hat die Partei dabei offensichtlich auch von ihrem Spitzenkandidaten Daniel Jositsch. Das zeigt auch das Endergebnis: Jositsch, der gestern auch in den Ständerat gewählt wurde und deshalb das Nationalratsmandat natürlich nicht antreten wird, hat über 141 000 Stimmen erzielt. Jacqueline Badran, die bei der SP auf dem zweiten Rang folgt, hat knapp 126 000 Stimmen erzielt. Das zeigt: Jositsch holte als Zugpferd kräftig Stimmen.

FDP: der heimliche Wahlgewinner

Die Zürcher Freisinnigen haben gestern zwar nur einen zusätzlichen Sitz geholt und halten neu nun deren fünf. Aber prozentual haben sie am meisten zugelegt: Die FDP Zürich kommt neu auf einen Wähleranteil von 15,32 Prozent, was einem Plus von 3,68 Prozent entspricht. Entsprechend zufrieden reagiert die Parteispitze: Die FDP sei bei den Wählerinnen und Wählern zurück, sagt Präsident Beat Walti. «Wir werden als liberale, bürgerliche, weltoffene Kraft wahrgenommen.» Walti verweist dabei auch darauf, dass die Freisinnigen den Sitzgewinn aus eigener Kraft erzielen konnten, dass sie auf keine Listenverbindungen angewiesen waren. «Die Wähler verlassen sich auf bewährte Kräfte», sagt Walti.

GLP: «Konsolidierung» absehbar

Die Grünliberalen, die Gewinner von 2007 und 2011, haben an Schwung verloren. Die grüne Wirtschaftspartei, die vor vier Jahren nur knapp um 0,15 Prozentpunkte hinter dem Zürcher Freisinn zurücklag, hat massiv an Boden verloren. Die GLP kommt noch auf 8,16 Prozent (minus 3,33 Prozent). Von ihren vier Mandaten verliert sie eines. Parteipräsident Thomas Maier verfehlt dabei die Wiederwahl.

Wähleranteile bei der Wahl vom Sonntag.

Wähleranteile bei der Wahl vom Sonntag.

Maier zeigt sich sowohl über das persönliche Ausscheiden aus dem Nationalrat als auch vom Abschneiden seiner Partei «enttäuscht». Als Grund führt er insbesondere die «allgemeine politische Grosswetterlage» an, unter der Mitteparteien leiden würden. Er spricht aber auch davon, dass eine gewisse Konsolidierung nach den früheren Gewinnen absehbar gewesen sei.

Grüne: die Suche nach Themen

Im Wahlgang für den Ständerat haben die Zürcher Grünen mit Bastien Girod mehr als einen Achtungserfolg erzielt. Von diesem Schub konnte die Partei aber im Hinblick auf den Nationalrat nicht profitieren. Die Grünen verlieren ihren dritten Sitz; ihr Wähleranteil reduziert sich um 1,51 auf 6,89 Prozent.

Präsidentin Marionna Schlatter-Schmid führt den Sitzverlust ebenfalls auf die «Grosswetterlage» zurück. Angesichts Flüchtlingskrise und starker Franken seien grüne Themen in den Hintergrund gerückt. Und Bastien Girod weist auf den Nationalrats-Wahlkampf hin, der «eher seicht» geblieben sei. Da würden eher die Parteien profitieren, die ein grosses Wahlkampfbudget haben und sich entsprechend präsentieren könnten. Deshalb habe er auch im Ständeratswahlkampf besser abschneiden können: «Dort dominierten Themen.»

BDP: die Suche nach der Rolle

Im Kanton Zürich spielt die BDP nach wie vor nur eine kleine Rolle. Vor vier Jahren hat sie noch einen Wähleranteil von 5,28 Prozent erreicht, jetzt sind es noch 3,62. Statt zwei Politiker schickt sie noch einen nach Bern. Parteipräsident Marcel Lenggenhager begründet den Sitzverlust mit den beiden starken Polen, zwischen denen die Mitte vergessen gehe.

CVP und EVP: die Stabilen

Die CVP verliert leicht in der Wählergunst: Der Wähleranteil sinkt leicht um 0,85 auf 4,18 Prozent. Die EVP bleibt praktisch unverändert bei 3,12 Prozent (plus 0,05). Damit kommt es auch bei der Anzahl der Mandate zu keinen Veränderungen. Die Zürcher Nationalratsdelegation umfasst zwei CVP- und einen EVP-Vertreter.

Kleinstparteien: kein Ticket gelöst

Der linken Alternativen Liste (AL) sowie der rechtskonservativen Eidgenössisch-Demokratischen Union (EDU) sind im Vorfeld der Wahlen gewisse Chancen ausgerechnet worden, neu einen Sitz erobern zu können. Nach Auszählung der Wahlzettel ist aber klar – weder AL noch EDU haben ein Ticket nach Bern lösen können. Die Alternative Liste hat dabei ihren Wähleranteil auf 2,01 Prozent gesteigert (plus 0,75). Die EDU verliert marginal und kommt auf einen Anteil von 2,06 Prozent (minus 0,11).

Von den weiteren angetretenen Parteien und Splittergruppen haben die Piraten am besten abgeschnitten, die einen Wähleranteil von 0,64 Prozent erzielt haben. Die Schweizer Demokraten (0,18 Prozent) und die Unpolitischen (0,03) spielen in der Zürcher Politlandschaft keine Rolle. Auch wenn man bei der letzten Gruppierung ein Fragezeichen setzen kann; die Wahlbeteiligung für die Nationalratswahlen liegt bei 47,25 Prozent – demnach bleiben weitere 52,75 Prozent Unpolitische übrig.