Alkohol
Nach dem Mittagessen müssen die Angestellten zum Alkoholtest

Für Angestellte der Stadt Zürich gilt ein Alkoholverbot. Bei Entsorgung und Recycling wird es aber rigoros umgesetzt.

Sarah Jäggi
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Wer beim ERZ trinkt, wird suspendiert.

Wer beim ERZ trinkt, wird suspendiert.

Symbolbild Walter Schwager

Nennen wir ihn Paul. Den Mann, der bei Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) arbeitet und neulich nach dem Mittagessen von einem Vorgesetzten um ein paar Minuten Zeit gebeten wurde. Und danach, in einem separaten Raum, um einen langen, tiefen Atemzug in den Alkoholtester. Das Resultat: 0,0 Promille. So soll es sein, so muss es sein. «Als ich angestellt wurde, musste ich unterschreiben, dass ich zu solchen Tests bereit bin», sagt er. Sonderbar sei es trotzdem gewesen, als der Chef zu ihm gekommen sei und ihn wissen liess, dass das Los auf ihn gefallen sei.

Alkoholverbot seit 1978

Für Angestellte der Stadt Zürich gilt seit 1978 ein Alkoholverbot. Während andere Dienstabteilungen auf die Vernunft ihrer Angestellten setzen, geht bei ERZ Kontrolle vor: Jede Woche werden mehrere der 900 Angestellten nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und zum Alkoholtest gebeten. Ist das Resultat positiv, wird die Person von der Arbeit suspendiert. Es folgen Gespräche, Abklärungen, allenfalls auch eine Unterstützung des Mitarbeitenden in Zusammenarbeit mit der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme.

Kein Misstrauensvotum

Leta Filli, Mediensprecherin von ERZ, sieht die Stichproben nicht als Misstrauensvotum gegenüber den Mitarbeitenden, sondern als «präventive Massnahme» in einem Arbeitsumfeld, das hohen Sicherheitsanforderungen genügen muss. Als Beispiel nennt sie das Betreiben der Kläranlage und des Kehrichtheizkraftwerks, wo ein Zwischenfall zu massiven Schäden für Mensch und Umwelt führen kann. Dennoch: Warum braucht es beim ERZ diese Tests, nicht aber bei anderen städtischen Abteilungen, wo man in vergleichbarer Weise mit sicherheitsrelevanten Aufgaben betraut ist? Filli lässt die Antwort offen und weist darauf hin, dass die Alkoholtests Teil eines «konsequenten Gesundheitsmanagements» sei, mit dem ERZ nicht nur «städtische Infrastruktur schützen, sondern auch Leid von Betroffenen und Angehörigen verhindern will».

Unangemeldete Alkoholtests gehören seit zehn Jahren zum Gesundheitsmanagement beim ERZ. Bei Stellenantritt müssen Alle – egal ob sie auf einem Müllwagen fahren oder im Büro arbeiten – ihre Einwilligung für einen allfälligen Alkoholtest geben. ERZ nennt keine Zahlen, wie sich die Zahl der Angestellten, die an einem Alkoholproblem leiden, in dieser Zeit verändert hat.

Wie misst man den Erfolg dieses aufwändigen Testverfahrens? Filli verweist auf die positive Entwicklung der Absenzen bei ERZ: Waren vor zehn Jahren noch 55 Stellen dauerhaft wegen Krankheit oder Unfall unbesetzt, so sind es heute noch deren 35. «Der wirtschaftliche Nutzen wegen geringerer Ausfallzeiten entspricht einer Lohnsumme von zwei Millionen Franken. Dazu kommt die persönliche Lebensqualität von 20 gesunden Leuten», sagt Filli. Dies allein rechtfertige es, an den unangemeldeten Tests festzuhalten.

VBZ: «Ein Glas Wein über Mittag»

Nicht nur der Chauffeur eines Entsorgungsfahrzeugs muss während seiner Arbeit konzentriert und fehlerfrei arbeiten. Auch Tramchauffeure, Krankenpfleger, Rettungssanitäter, Feuerwehrmänner und Stadtpolizisten sind mit sicherheitsrelevanten Aufgaben betraut. Wie hält man es dort mit dem Alkoholverbot? Bei den Verkehrsbetrieben der Stadt Zürich (VBZ) darf, wer im Büro arbeitet, «über Mittag ein Glas Wein» trinken, wie Mediensprecher Andreas Uhl sagt. Für Chauffeure und Chauffeusen ist Alkohol gänzlich verboten. Ist ein Chauffeur in einen Unfall verwickelt, so muss er sich ab einer gewissen Schadenshöhe einem internen Alkoholtest unterziehen. Uhl schätzt, dass pro Monat «eine Handvoll» solcher interner Alkoholtests durchgeführt würden, die – je nach Resultat – zu einem Disziplinarverfahren führen.

Test bei «begründetem Verdacht»

Unangemeldete Stichproben wie bei ERZ kennt man auch bei Schutz und Rettung und bei der Zürcher Stadtpolizei nicht. Polizeikräfte werden bei «begründetem Verdacht» zu einem Alkoholtest gebeten, wie Mediensprecher Michael Wirz sagt. Dies komme selten vor. «Die Einsatzkräfte sind sich bewusst, dass der Verzicht auf Alkohol extremen sicherheitsrelevant ist.» Bei Schutz und Rettung wird jeder Fahrer, der in einen Unfall involviert ist, auf Alkohol getestet, sagt Mediensprecherin Tabea Rüdin.

Alkoholverbot hin oder her: Bei der Stadtpolizei, bei Schutz und Rettung und auch bei ERZ kann, wer etwas feiern will, auch ein Glas Wein ausschenken: mit einer Sondergenehmigung.