Betritt man den Raum, in dem Jürg Stauffer dieser Tage die letzten Schliffe an seiner Ausstellung vornimmt, sind es nicht zuerst die Fotografien, die auffallen. Es ist der Klangteppich, auf dem Stauffers Bilder aus 40 Jahren Tätigkeit als Fotograf am Zoologischen Museum der Universität Zürich ruhen. Da rattern Diakarusselle vor sich hin, weiter hinten zirpen und zwitschern Darwinfinken in die Weiten der Galápagosinseln und irgendwo ertönen Klänge eines Theremins.

Wie das alles zusammenpasst, erschliesst sich einem erst Stück für Stück. Denn der Name der Ausstellung - «Strandgut» - ist Programm: Wie zufällig Angeschwemmtes vereint sie Auftragsfotografie für das Museum mit Werken aus dem privaten Fundus des Fotografen.

Da reiht sich eine Tierbastelworkshop-Dokumentation an Nahaufnahmen von eigentümlichen Reptilien, Pendlerimpressionen an Bilder aus der marokkanischen Wüste und Fotos von in Formalin eingelegten Ferkelpräparaten an eine fotografische Anthologie von Steinbockhörnern.

Und dann ist da «Jacky», der Schimpanse, den die Nasa in den 1950er-Jahren fast ins Weltall geschickt hätte. In den für ein nie veröffentlichtes Buchprojekt geschossenen Fotos schickt Stauffer das Präparat auf inszenierte Spaziergänge durch die Dauerausstellung. «Ihm müsste man eigentlich eine eigene Ausstellung widmen», sagt Stauffer.

Von der Disco ins Museum

«Strandgut» ist eine persönliche Rückschau auf ein Schaffen, das diesen Monat sein Ende findet: Im April geht der 64-jährige Stauffer in Pension; er wird künftig nur noch in seinem privaten Atelier werken. Doch zugleich ist die Ausstellung am Zoologischen Museum - ein «gegenseitiges Abschiedsgeschenk», wie er es nennt - auch ein Blick zurück auf die Geschichte einer Institution, die im Mai seit 100 Jahren am heutigen Standort im Hauptgebäude der Universität Zürich bestehen wird.

Wie Stauffer mit Fotografien aus dem Museumsarchiv und der Verwendung originaler Gerätschaft eingängig illustriert, ist besonders die digitale Revolution nicht spurlos am Museum vorbeigegangen. Spätestens, nachdem der damalige Direktor Hans Burla in den 1970er-Jahren das «audiovisuelle Zeitalter» ausrief, verliess man sich bei der Ausstellungsgestaltung nicht mehr nur auf ausgestopfte Tiere mit Beschreibtafeln. Die Zoologie musste erlebbar, die Ausstellungen interaktiv werden - beste Voraussetzungen für den damals 26-jährigen Bewerber Stauffer, von Burla eingestellt zu werden. Hatte sich der ausgebildete Fotograf doch gerade zwei Jahre lang in der schönen neuen Multimediawelt ausgetobt, als Lichtinstallationstechniker in der Klotener Diskothek «Blackout».

Das Diktat der mehrdimensionalen Erlebbarkeit ist dem Museumswesen bis heute erhalten geblieben. Doch was 1976 zu Stauffers Beginn an der Uni noch topmodern war, dürfte heute besonders bei jüngeren Generationen eher für Verwirrung sorgen. Umso weniger will er ihnen die mittlerweile veralteten Technologien vorenthalten: «Ich will, dass es rattert und tschädderet - eben genau so, wie es früher bei Ausstellungen der Fall war», sagt er beim Vorführen eines Diakarussells, dem bis zur Eröffnung am 18. März noch ein iPad zur Seite gestellt wird.

Berührungsängste mit neuen Technologien hatte Stauffer nie, auch wenn ihm das «Hinterhergehetze» zunehmend zur Last wird. Es würde ihm schnell zum Vorteil gereichen, dass er in den frühen 1980er-Jahren «das seltsame gelbe Kästchen» - der erste museumseigene Macintosh - nicht links liegen liess, sondern sich ihm autodidaktisch annäherte. Für professionelle Nostalgie hat er wenig Verständnis, wenn ihn der Gedanke an das Abhandenkommen des fotografischen Handwerks auch manchmal schmerzt. Beim Gang durch die Stellwände plaudert er freudig über aufwendige fotografische Verfahren, «wahnsinnig spannende Arbeiten waren das». Und fast jedes Mal folgt der Satz: «Heute würde man das natürlich in zehn Minuten mit Photoshop machen.»

Einen Alltag gibt es nicht

Fotograf alleine war Stauffer am Museum nie. Die letzte Ausstellung soll denn auch zeigen, wie man sich den Beruf eines Museumsfotografen vorzustellen hat. Nur: So einfach ist das gar nicht zu erklären. Die einzige Konstanz in Stauffers Alltag war, dass es keinen solchen gab: «Jeder Tag brachte etwas Neues», sagt er. Reisen mit Forschern der Universität Zürich führten ihn nach Marokko, auf die Galápagosinseln oder auf Steinbockjagd in Graubünden. Natürlich könnte er auch über schwierige Führungspersonen oder Arbeitsverhältnisse jammern, sagt Stauffer, und auch reich werde man als Museumsfotograf nicht. Doch dann hellt sich sein Gesicht auf, als er sagt: «Allem voran war die Arbeit ein grosses Privileg.»

Ein Privileg, das nach ihm niemandem mehr zuteilwerden wird. Denn seine Stelle wird neu organisiert und nicht wie damals mit einem professionellen Fotografen besetzt. Damit passt der Einblick in Stauffers Berufsleben am Zoologischen Museum auch zu den Fossilien und «Leichen», die er hier jahrzehntelang in Szene setzte. So reiht sich der Museumsfotograf ein in die Liste der ausgestorbenen Gattungen, die im Museum für die Nachwelt erhalten bleiben sollen.

«Strandgut»: Vom 18. März bis 22. Juni im Zoologischen Museum der Universität Zürich. Führungen mit Jürg Stauffer am 30. März und 27. April um 11.30 Uhr.