Gleichstellung
Mutterschaft ist verantwortlich für Knick in Lohnentwicklung der Frauen

Die Lohnunterschiede in der Zürcher Privatwirtschaft zwischen Männern und Frauen werden in kleinen Schritten kleiner. Laut einer neuen Studie entwickeln sich die Löhne von ledigen Frauen ähnlich wie jene von Männern.

Matthias Scharrer
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Die Löhne der Mütter erholten sich gemäss der Lohnstudie des Kantons Zürich nach der Babypause nicht mehr.

Die Löhne der Mütter erholten sich gemäss der Lohnstudie des Kantons Zürich nach der Babypause nicht mehr.

Keystone

Noch immer erhalten Männer deutlich höhere Löhne als Frauen. Der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern liegt derzeit bei 1400 Franken. Das geht aus einer gestern veröffentlichten Lohnstudie des Kantons Zürich hervor.

Während Männer mit Vollzeitpensen im Mittel pro Monat 7200 Franken verdienen, sind es bei Frauen 5800 Franken. Einen kleinen Lichtblick gibt es jedoch in gleichstellungspolitischer Hinsicht: In den letzten Jahren ist die geschlechtsspezifische Lohndifferenz kontinuierlich gesunken. Im Jahr 2008 betrug sie 25 Prozent, 2012 waren es 21 Prozent, heute sind es noch 19 Prozent.

Für die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP), die die Studie in Auftrag gab, sind die Ergebnisse dennoch alles andere als ein Grund zum Jubeln: «Die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern sind ein Ärgernis. Wir machen zwar Fortschritte, aber in so kleinen Tippelschritten, dass wir alle längst unter der Erde sind, bis das Verfassungsziel der Lohngleichstellung erreicht ist.» Laut der Studie lassen sich 64 Prozent des Lohnunterschieds durch unterschiedliche Qualifikations- und Stellenstrukturen erklären. Es bleibe aber ein nicht erklärbarer Lohnunterschied: Auch bei identischen Jobs und vergleichbaren Qualifikationen würden Frauen 8,7 Prozent weniger Lohn erhalten als Männer.

Mutterschaft bringt tiefere Löhne

Besonders stark driften die Löhne in der Zeit der Familiengründungen auseinander. Während die Lohnunterschiede zwischen 20-jährigen Männern und Frauen noch vergleichsweise gering sind, nehmen sie in den darauf folgenden 25 Jahren immer stärker zu. «Ein Zusammenhang mit der Familiengründung ist evident», heisst es in der Studie. Mutterschaft wirke sich negativ auf die Lohnentwicklung aus. Dies lässt sich auch aus dem Vergleich der Löhne von Ledigen und Verheirateten schliessen: Liegt der Lohnunterschied zwischen ledigen Männern und Frauen in den meisten Altersjahren bei fünf Prozent, so steigt er bei den Verheirateten, die immer noch die überwiegende Mehrheit der Väter und Mütter sind, auf bis zu 30 Prozent.

Dabei spielen traditionelle Rollenbilder mit. So arbeiten von den verheirateten Männern nur 10 Prozent Teilzeit; bei den verheirateten Frauen sind es über 70 Prozent. Und: Laut der Studie wählen Frauen überdurchschnittlich oft Berufe, in denen Teilzeitarbeit stark verbreitet ist und die weniger hoch entlöhnt sind, etwa im Gesundheits- und Sozialwesen oder im Detailhandel. Vorwiegend von Männern besetzt sind hingegen Kaderstellen in der gut bezahlten Finanz-, Informations- und Kommunikationsbranche.

«Wir müssen uns von den alten Rollenbildern lösen», folgerte Regierungsrätin Fehr. Auch die Politik sei gefordert: Sie müsse sich stärker an der Finanzierung von Kindertagesstätten beteiligen, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern. Dies sei vor allem Sache der Gemeinden.

Aufklärungsarbeit in Sachen Lohngleichstellung wird auch im Lohnmobil geleistet, das bis 8. Juni auf dem Hechtplatz in Zürich und vom 9. bis 12. Juni auf dem Vorplatz der Archhöfe in Winterthur gastiert. Unter anderem finden in der von Gleichstellungsfachstellen gemachten Wanderausstellung Workshops für Lohngespräche statt.

Fallbeispiel: Wie die Firma Lyreco Lohngleichheit einführte

Die Revolution geschah vor gut vier Jahren», sagt Thomas Illi, CEO der Firma Lyreco Switzerland AG. Damals begann der Bürobedarfshändler mit Sitz in Dietikon, konsequent auf die Lohngleichstellung von Mann und Frau zu setzen. Dahinter steckten auch kommerzielle Interessen, wie Illi einräumt: Bei vielen Auftrags-Ausschreibungen der öffentlichen Hand seien Gleichstellungsbemühungen gefragt.

Und die öffentliche Hand sei ein wichtiger Auftraggeber. Im Zuge der Bemühungen um Lohngleichheit wurden die Personaldossiers aufdatiert und Angaben zu Ausbildungen und beruflicher Erfahrungen genauer erfasst. Lyreco stützte sich dabei auf ein Programm der Stiftung Equal Salary. In der Folge wurden die Löhne von Angestellten, die zu stark von der vorgegebenen Bandbreite abwichen, angepasst. Auch achtete die Firma vermehrt darauf, dass Frauen in den Führungsfunktionen angemessen vertreten sind. «Das war nicht immer einfach», sagt Illi. «Einige Männer mussten gehen, weil sie nicht damit zurechtkamen, eine Chefin zu haben.» Zum Teil hätten sie sich Anweisungen der ihnen vorgesetzten Frauen widersetzt. Handkehrum habe die Konzernleitung des weltweit drittgrössten Anbieters für Büro- und Arbeitsplatzlösungen einem männlichen Geschäftsleitungsmitglied von Lyreco Switzerland, das aus familiären Gründen lediglich 80 Prozent arbeitete, über Jahre eine Lohnerhöhung verweigert. Heute sind gemäss Illi von 60 Kadermitarbeitenden der Lyreco Switzerland AG 40 Prozent Frauen. Der elfköpfigen Geschäftsleitung gehören derzeit vier Frauen an. «Wir sind überzeugt, dass gemischte Teams besser sind», sagt Illi. Als bisher einziges Deutschschweizer Unternehmen wurde die Lyreco Switzerland AG letztes Jahr von der Stiftung Equal Salary für Lohngleichheit zertifiziert. Schweizweit haben bislang 17 Unternehmen das Equal-Salary-Zertifikat erhalten. (mts)