Zürich
Mutter bestreitet Kindsmisshandlung: «Der Junge ist an jenem Abend die Kellertreppe hinuntergestürzt»

Die tödlichen Verletzungen ihres vierjährigen Jungen stammen von einem Treppensturz, sagt eine 31-Jährige vor dem Bezirksgericht in Bülach. Es besteht jedoch der Verdacht, dass sie lügt. Noch liegt kein Urteil vor, dieses wird zu einem späteren Zeitpunkt gefällt.

Flavio Zwahlen
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Eine 30-jährige Frau musste sich vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten. Ihr wird vorgeworfen, ihren vierjährigen Sohn getötet zu haben. (Symbolbild)

Eine 30-jährige Frau musste sich vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten. Ihr wird vorgeworfen, ihren vierjährigen Sohn getötet zu haben. (Symbolbild)

KEYSTONE/WALTER BIERI

Die 31-jährige Kamerunerin schweigt. Eigentlich sollte sie gestern vom Bezirksgericht Bülach befragt werden. Doch noch bevor der Richter seine erste Frage stellen konnte, machte die Frau deutlich, dass ihr heute nicht zum Reden zumute ist. Die Vorwürfe, welche ihr die Staatsanwaltschaft macht, sind happig. So soll sie im Januar 2019 ihren eigenen, damals erst vier Jahre alten Sohn so schwer misshandelt haben, dass er wenig später gestorben ist. Sie habe ihm unter anderem die Haut an den Armen und Beinen verdreht – also sogenannte Brennnesseln zugefügt – und ihn mit einem zur Schlaufe geformten Elektrokabel oder Gürtel auf den Oberkörper geschlagen, heisst es unter anderem in der Anklageschrift. Die Mutter will davon nichts wissen und erzählte während des Verfahrens eine andere Geschichte.

Ihr Verteidiger versucht, das Gericht von dieser Version zu überzeugen: «Der Junge ist an jenem Abend die Kellertreppe hinuntergestürzt. Die Verletzungen des Kindes sind dort entstanden und wurden ihm nicht von der Mutter zugefügt. Anders lässt es sich nicht beweisen.» Zudem habe die Beschuldigte kein erkennbares Motiv gehabt, ihr Kind so schwer zu verletzen. Der Verteidiger fordert einen Freispruch für seine Mandantin.

Handelte die Mutter aus Rache?

Der Staatsanwalt plädiert hingegen für einen Schuldspruch wegen vorsätzlicher Tötung. Für ihn ist klar, dass nicht alle Verletzungen, die beim Kind festgestellt wurden, von einem Treppensturz stammen können. Aufgrund der Intensität und Häufigkeit der Schläge müsse zudem davon ausgegangen werden, dass die Beschuldigte bewusst und absichtlich gehandelt habe.

Der psychiatrische Gutachter kommt hingegen zum Schluss, dass die Kamerunerin an einer paranoiden Schizophrenie leidet. «Die Beschuldigte dürfte zum Tatzeitpunkt vollständig schuldunfähig gewesen sein», sagt selbst der Staatsanwalt. Deshalb beantragte er dem Gericht die Anordnung einer stationären Massnahme statt einer Freiheitsstrafe.

Die Anwältin des Ex-Mannes der Beschuldigten sieht das anders. Sie fordert einen Schuldspruch wegen Mordes und lebenslange Haft. Zudem soll die Beschuldigte dem Vater des verstorbenen Kindes 15'000 Franken Schadenersatz und 70'000 Franken Genugtuung bezahlen. Die Geschädigtenvertreterin kann sich gut vorstellen, dass die Mutter aus Rache gehandelt hat. «Sie demolierte nach der Trennung schon die ganze Wohnung, um sich an ihrem Ex-Mann zu rächen.»

Dass die Beschuldigte zum Tatzeitpunkt schuldunfähig gewesen ist, glaubt die Geschädigtenvertreterin nicht. Sie bezweifelt, dass im Gutachten die richtigen Schlüsse gezogen wurden. Auch das Gericht beschäftigte sich mit der Frage der Schuldfähigkeit und lud deshalb drei Zeugen sowie den Gutachter selbst zur Verhandlung vor.

Bei den Zeugen handelte es sich um zwei Psychologinnen und einen Sozialpädagogen. Alle drei hatten in den Wochen und Monaten vor der Tat Kontakt zur Beschuldigten. Die Psychologinnen sagten übereinstimmend aus: «Die Mutter war in Not und litt unter der Trennung von ihrem Mann.» Hinweise auf eine psychische Störung sowie auf eine Selbst- oder Fremdgefährdung habe es jedoch keine gegeben. Den Buben beschrieben die Zeugen als fröhlich und neugierig. Es habe ein klare Bindung zwischen dem Kind und seiner Mutter bestanden. «Sie war zum Teil fast ein bisschen überbehütend und streng.»

Vier Behandlungen im Kinderspital

Auffällig ist jedoch, dass das Kind in seinem noch jungen Alter bereits viermal im Kinderspital Zürich behandelt werden musste. Einmal davon wegen Verbrühungen – durch einen Tee – und ein anderes Mal wegen einer Rissquetschwunde an der Lippe – als Folge eines Sturzes im Bad. So zumindest die Erklärungen der Mutter.

Laut dem Richter besteht der hinreichende Verdacht, dass sich der Sachverhalt so zugetragen hat, wie vom Staatsanwalt geschildert. Das Gericht geht zudem davon aus, dass die Schuldunfähigkeit der 31-Jährigen aufgrund des Gutachtens erstellt ist. Dennoch wurde gestern noch kein Urteil gefällt. Der Grund: Es besteht die Möglichkeit, dass die Tat als Körperverletzung und fahrlässiger Tötung gewürdigt wird. «Nach Gesetz muss dieser Vorwurf in der Anklageschrift enthalten sein. Im vorliegenden Fall fehlt dies aber noch», sagte der Richter.

Der Staatsanwalt bekommt nun also Zeit, um das Dokument entsprechend zu ergänzen. Danach wird es wieder eine Verhandlung geben, bei der alle Parteien zu den Änderungen Stellung nehmen können. An diesem Tag kann dann auch das Urteil gesprochen werden. Bis dieses rechtskräftig ist, gilt die Unschuldsvermutung.