Zürich

Musiklehrer/innen sollen Hochschulabschluss haben — dürfte auch Gölä unterrichten?

Mit dem neuen Musikschulgesetz würden die Kantons- und Elternbeiträge an den Unterricht erhöht.

Mit dem neuen Musikschulgesetz würden die Kantons- und Elternbeiträge an den Unterricht erhöht.

Wer an einer Musikschule Kindern und Jugendlichen ein Instrument beibringt, sollte in der Regel einen Hochschulabschluss haben, findet der Zürcher Kantonsrat – und beschliesst einen Gegenvorschlag zur Volksinitiative für ein Musikschulgesetz.

Von draussen war das schräge Tröten und rumpelnde Trommeln der Guggen zu hören, die traditionsgemäss um 11.11 Uhr im Zürcher Niederdorf den musikalischen Auftakt zur Fasnacht erklingen liessen. Drinnen im Rathaus debattierte gestern derweil der Kantonsrat über das neue Musikschulgesetz. Konkret ging es um die Frage, welche Anforderungen Lehrer an kantonal anerkannten Musikschulen zu erfüllen haben. Resultat: In der Regel sollten sie einen Hochschulabschluss mitbringen.

Noch vor drei Wochen hatte der Rat diese Anforderung aus dem neuen Musikschulgesetz herausgestrichen. Unter Androhung eines Referendums zog die SVP, die vor einer unnötigen und teuren Akademisierung der Musikschulen warnte, die Grünen damals auf ihre Seite; zusammen mit der FDP brachten sie eine hauchdünne Mehrheit zu Stande.

Doch gestern wendete sich das Blatt. Die Grünen hatten es sich noch einmal überlegt. Sie brachten nun den Rückkommensantrag ein, wonach Lehrpersonen an staatlich anerkannten Musikschulen in der Regel einen Hochschulabschluss oder eine als gleichwertig anerkannte Ausbildung brauchen. Das sei bewährte Praxis und seit 1998 in der Musikschulverordnung verankert, sagte Karin Fehr Thoma (Grüne, Uster). Zudem hätten schon heute 95 Prozent der Unterrichtenden an den Musikschulen ein entsprechendes Diplom. Und mit der Formulierung «in der Regel» seien Ausnahmen ja weiterhin möglich.

Die SVP blieb jedoch skeptisch und brachte ebenfalls einen Rückkommensantrag ein. Er beinhaltete die gleichen Anforderungen an Musikschul-Lehrer wie jener der Grünen – jedoch mit einer Ergänzung: Kein Hochschuldiplom oder dergleichen bräuchte es für den Einsteigerunterricht in den ersten Unterrichtsjahren, für Musikausbildung im Vereinswesen oder fürs Erteilen von Unterricht in traditionell schweizerischen oder seltenen Musikinstrumenten. «Die Musikvereine in den Dörfern tragen viel zur Musikbildung bei. Wenn wir Hürden schaffen, wird die Ausbildung unverhältnismässig teuer und unsere traditionellen Instrumente werden aussterben», warnte Paul von Euw (SVP, Bauma). «Wir lassen nur noch Akademiker auf unsere Kinder los. Das ist keine gute Entwicklung», fügte Marc Bourgeois (FDP, Zürich) an.

Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) versuchte, die Einwände zu entkräften: «Wir sprechen hier über die Musikschulen, nicht über Musikvereine», sagte die Regierungsrätin. Zudem werde schon jetzt Volksmusik und Schwyzerörgeli an den Fachhochschulen als Studienfach angeboten. Die neue gesetzliche Regelung widerspiegele lediglich die heutige Praxis, wonach 95 Prozent der Musikschullehrer das künftig «in der Regel» nötige Diplom bereits haben.
Schützenhilfe erhielt Steiner von den Mitte-links-Parteien: «Eltern bleiben frei, ihre Kinder anzuvertrauen, wem sie wollen», sagte Markus Späth-Walter (SP, Feuerthalen). Und: Gerade beim Anfängerunterricht brauche es qualifizierte Lehrpersonen. Die Formulierung «in der Regel» bedeute, Ausnahmen seien möglich, fügte Kathrin Wydler (CVP, Wallisellen) an: «Profilierte Musiklehrer ohne Hochschulausbildung sollen weiterhin unterrichten dürfen.»
Auch der Rockmusiker Gölä, dessen Ausbildung aus einer Malerlehre bestehe, könnte aufgrund seiner langjährigen Musiker-Praxis als Musikschullehrer angestellt werden, meinte Judith Stofer (AL, Zürich); «er müsste aber wohl noch den Nachweis seiner pädagogischen Fähigkeiten erbringen».

Ob es zur Volksabstimmung kommt, ist offen

Damit waren alle Argumente erklungen, und der Antrag der Grünen obsiegte. Gleichzeitig verabschiedete der Kantonsrat das Musikschulgesetz als Gegenvorschlag zur Volksinitiative «für ein Musikschulgesetz». Diese war vom Verband Zürcher Musikschulen (VZM) eingebracht worden. Sie verlangt höhere Kantonsbeiträge an den Musikschulunterricht. Laut der Initiative soll der Kanton statt der heutigen 3 Prozent künftig 20 Prozent der Kosten übernehmen; die Erziehungsberechtigten müssten demnach bis zu 40 Prozent der Kosten tragen; heute sind es durchschnittlich 38 Prozent, wobei es je nach Gemeinde erhebliche Unterschiede gibt. Den Rest müssten die Gemeinden bezahlen.

Der Gegenvorschlag des Kantonsrats sieht nun einen Kantonsbeitrag von 10 Prozent und Beiträge der Erziehungsberechtigten von bis zu 50 Prozent der Unterrichtskosten vor.
VZM-Präsidentin Susanne Gilg bezeichnete den kantonsrätlichen Gegenvorschlag gestern auf Anfrage als «guten Kompromiss». Ob die Volksinitiative zurückgezogen werde, entscheide das Initiativkomitee bis spätestens Weihnachten. Dann träte der Gegenvorschlag in Kraft, sofern nicht noch ein Referendum dagegen durchkäme. Ob die SVP das Referendum ergreife, sei offen, sagte SVP-Fraktionschef Martin Hübscher gestern auf Anfrage.

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