Zürich

Museum für Gestaltung zeigt 300 nationale und internationale Protest-Plakate

Die Ausstellung «Protest! Widerstand im Plakat» auf dem Toni-Areal in Zürich beleuchtet die Wirkung der plakativen Kommunikationsmittel.

Kritische Intervention: Das ist die Funktion eines Protest-Plakates. Seine Wirkung aber hat sich im Zuge der Digitalisierung verändert. Waren Protest-Plakate in den 70er- und 80er-Jahren ein beliebtes Medium, um politische Mahnungen im öffentlichen Raum zu platzieren, finden sie sich heute mehrheitlich im virtuellen Raum. 50 Jahre nach 1968 – Auftakt weltweiter Rebellion gegen den Kapitalismus, von Friedensbewegungen und gesellschaftlichen Forderungen nach Demokratie – zeigt das Museum für Gestaltung in Zürich während knapp fünf Monaten rund 300 nationale und internationale Protest-Plakate.

Zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung und Auflehnung gegen die Obrigkeit ruft auch ein Zürcher Plakat aus dem Jahr 1968 auf. Es zeigt ein Kind auf dem Töpfchen sitzend. Darunter steht in roten, teilweise gefetteten und nicht gefetteten Lettern: «Schon in der sogenannten Analphase begann bei diesem Zürcher Bub durch Triebregulierung und Schuldgefühle seine gesellschaftliche Anpassung und die Unterdrückung zum pünktlichen, ordentlichen Untertanen.» Das Plakat stammt aus der Feder des Autonomen Jugendzentrums. «Bei der Gestaltung dieses Plakates hat man sich an der Bildsprache der Plakate des Pariser Mai 1968 orientiert», sagt Bettina Richter, Kuratorin der Ausstellung «Protest! Widerstand im Plakat».

Aufklären und wachrütteln

Das Plakat des Autonomen Jugendzentrums rief im Nachgang der Zürcher Globuskrawalle, die Ende Juni 1968 zwischen der Zürcher Jugend und der Stadtpolizei stattfanden, zu einer kritischen und permanenten Diskussion auf. Dieser Aufruf mündete schliesslich in der sechstägigen Marathondiskussion im Centre Le Corbusier in Zürich. Organisiert wurden die Diskussionsrunden, die täglich von 12 Uhr mittags bis abends dauerten, vom Zürcher Manifest. Das waren etwa 20 Zürcher Persönlichkeiten, die zwischen den damaligen Konfliktparteien in Zürich zu vermitteln versuchten. Sie riefen deshalb die Bevölkerung und die Beteiligten des Jugendhauskonfliktes dazu auf, die Vorfälle in Zürich nicht lediglich als mangelhafte Gesellschaftsstrukturen abzustempeln, sondern auch die Auseinandersetzungen im Ausland zu dieser Zeit zu berücksichtigen.

Die von den täglich zwischen 200 und 600 Besuchern im Centre Le Corbusier diskutieren Fragen handelten vom Unrecht im Rechtsstaat, von Erziehung und Sexualität, von der Rolle der Gewerkschaften und von Alternativen zur Kultur und Scheinkultur. Dies berichtete damals die «Neue Zürcher Zeitung». Die gewonnenen Erkenntnisse werden im Zürcher-Manifest-Plakat festgehalten, welches derzeit ebenfalls im Museum für Gestaltung gezeigt wird.

Die Ausstellung beleuchtet laut Richter Bildrhetorik und Argumentationsstrategien, die besonders wirksam sind: «Mit dem Bild eines toten Kindes wird vor allem an die Gefühle appelliert, eine rationale Sprache wählt man dann, wenn aufgeklärt und zum Nachdenken angeregt werden soll.» Zudem nennt Richter weitere visuelle Konzepte wie Feindbilder und Idole, utopische und dystopische Darstellungen: «Trump, Obama oder Che Guevara, sie alle sind Chiffren für eine bestimmte politische Haltung, ein Weltbild», so Richter. Mit dystopischen Sujets werde gemahnt, mit Utopien würden Hoffnungen geschürt.

Wirkung abgebaut

Auch Zeichen und Symbole sind beliebte Stilmittel von Protest-Plakaten. Beispielhaft dafür steht ein Plakat zum 1. Mai 2014, auf dem neben einer geballten Faust der Satz «Mit einer geballten Faust kann man keinen Händedruck wechseln». Richter sagt dazu: «Eine Faust oder eine Friedenstaube sind universell verständlich. Sie müssen aber sorgfältig kontextualisiert werden, damit sie auch über eine lange Zeit lebendig bleiben.»

Auch wenn die Wirkung von Protest-Plakaten in der westlichen Welt und sicher auch in Zürich abgenommen hat, ist Richter überzeugt, dass Plakate durchaus wieder einen höheren Stellenwert erhalten können: «Man muss dieses Kommunikationsmittel nur bewusster einsetzen.» Als Beispiele gelten dabei Demonstrationsbanner und politische Plakate im Vorfeld von Abstimmungen.

Dass die Wirkung von Protest-Plakaten abgenommen hat, liegt laut Richter daran, dass die Informationsflut und die Konkurrenz der sozialen Netze gestiegen ist. «Die Proteste in den
70er- und 80er-Jahren haben Themen transportiert, die eine gewisse Nachhaltigkeit hatten. Wohl auch, weil bereits die Kommunikation der Inhalte und die Netzwerkbildung anspruchsvoller und aufwendige waren», so Richter. So seien heutige Protestbewegungen schnelllebiger und kurzatmiger, gleichzeitig aber auch integrativer und flexibler.

In der Ausstellung sind deshalb auch Plakate aus den 90er-Jahren und noch später zu sehen – wie der Aufruf zur Demonstration am Hechtplatz 1993 in der Folge der Räumung des besetzten Wohlgroth-Areals beim Zürcher Hauptbahnhof oder das Plakat der «Wochenzeitung» zur Entrechtungsinitiative im Jahr 2016. Plakate sind «visuelles Gedächtnis sowie Appell an die Notwendigkeit des Widerstands heute und belegen die Aktualität und Universalität der Themen», wie im Ausstellungsbeschrieb festgehalten ist.

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