Herr Adıgüzel, Ihr Verein «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe» wurde vor einem Jahr gegründet. Wie viele Mitglieder sind Sie heute?

Kerem Adıgüzel: Wir sind 22 Aktiv- und Passivmitglieder. Über die Hälfte kommt aus Deutschland. Erwartet hatten wir zwischen 50 und 100. Vielleicht ist es auch ein Segen, dass wir klein sind und nicht überfordert mit organisatorischem Aufwand. Aber mehr Mitglieder wären ein Vorteil, um Räumlichkeiten zu finden.

Sie haben noch kein fixes Lokal?

Derzeit mieten wir einmal pro Woche einen Raum in Schlieren, wo wir uns treffen für Lesungen, Meditation und ein Gemeinschaftsgebet. Nach der grossen Medienpräsenz dachten wir, dass es einfacher wird, etwas zu finden, weil man uns kennt. Dem war aber nicht so. Die Vorbehalte gegenüber religiösen Organisationen ist gross. In Aarau hat man uns zwar für 2000 Franken im Monat 200 Quadratmeter zur Miete angeboten. Das hätten wir aber nicht unabhängig finanzieren können. 

Die Idee einer Moschee könnte auch potenzielle Mitglieder abschrecken – wer in die Moschee geht, ist in einer verwurzelt. Die anderen suchen auch keine Moschee.

Wir wollen uns eigentlich nicht Moschee nennen, haben aber noch keinen besseren Begriff gefunden, der das koranische Konzept der Moschee auf Deutsch besser wiedergibt.  Wer genug hat von traditionellen Angeboten, der will in erster Linie nichts. So war das früher auch bei mir. Wir wollen dennoch Alternativen zur Verfügung stellen. Dafür brauchen wir einen langen Atem.

Nicht nur der Begriff Moschee passt Ihnen nicht, auch liberal wollen Sie nicht sein. Warum?

Begriffe wie liberal oder konservativ greifen zu kurz. Liberal kann sogar als Beleidigung missbraucht werden, wenn man es als beliebig versteht.

Welche Bezeichnung passt?

Wir sind inklusiv, offen, reflektiert und auf den Koran zentriert. Die Hadithen, die Aussprüche, die dem Propheten zugeschrieben werden, sind für uns auf religiöser Ebene nicht relevant.  Man kann es wohl am ehesten mit der reformierten Idee sola scriptura vergleichen. Demnach gilt nur die Bibel und es braucht keine kirchlichen Ergänzungen. Viele haben Mühe damit, dass wir vieles, das sie als natürlich kennengelernt haben, nicht als Teil der Religion ansehen. Uns fragen sogar Sympathisanten, ob wir das so strikt durchziehen wollen.

Der Verein öffnet sich bewusst für Homosexuelle, es gibt Vorbeterinnen, auch Christen wurden schon Passivmitglieder. Sie haben sogar eine Muslimin und einen Christen getraut.

Ich bin einer von wenigen, der das macht, weil es für mich nicht um Bezeichnungen geht, sondern um eine innere Haltung. Wer sich koranisch trauen lassen will, muss sich an einige wenige Prinzipien halten. Es gibt Wartezeiten, etwa bis man sich scheiden darf. Vor der Ehe bekommt die Frau eine Mitgift. Sie verlangen, dass der Partner ein Haus, ein Auto und einen Job hat, das kann aber auch symbolisch sein. Sie darf aber nicht darauf verzichten, und er darf sie nicht dahingehend unter Druck setzen.

Wo zieht Ihr Verein die Grenzen?

Es ist nicht möglich, Mitglied zu werden, wenn man schon Mitglied einer islamischen Dachorganisation ist. Funktionäre sind nicht willkommen. Wenn wir jemanden nicht kennen, ist momentan nur die Passivmitgliedschaft möglich. Obwohl wir grundsätzlich offen sind gegenüber Organisationen mit religiösem oder gesellschaftlichem Hintergrund, würden wir mit dem Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) nicht zusammenarbeiten oder mit ähnlich extremen Evangelikalen oder Ultraorthodoxen.

Haben Sie nach Ihrer Medienpräsenz Drohungen erhalten aus extremistischen Kreisen?

Verbale Drohungen habe ich immer wieder mal erhalten. Ich denke aber, das sind emotionale Ausbrüche. Die meisten verhalten sich relativ friedlich.

Dennoch geben Sie die Adresse des Lokals in Schlieren erst nach der Anmeldung bekannt.

Aus Selbstschutz. Wir wollen nicht missioniert oder interviewt werden. Es soll ein offener, geschützter spiritueller Raum sein.

Was planen Sie noch neben den wöchentlichen Treffen?

Ich konnte bereits Vorträge halten in der Schweiz und Deutschland sowie an Diskussionen und interreligiösen Gebeten teilnehmen, etwa im katholischen Jenseits im Viadukt in Zürich. Wir wollen zudem Workshops und Seminare anbieten, etwa zum Thema Menschenrechte. Spannend fände ich auch die Frage nach einer gottergeben motivierten Ethik in Bezug auf Technik und Androiden – die typischen Themen wie Kopftuch und Burka kann ich langsam nicht mehr hören. Zudem führen wir Beratungen durch wie man nach dem Koran lebt. Vermutlich wird  die Suche nach Räumlichkeiten in den Hintergrund treten. Der Bedarf nach Aufklärung scheint derzeit grösser zu sein als der Bedarf nach Gemeinschaft. 

Sie haben sich ein schwieriges Unterfangen aufgehalst. Warum braucht es den Verein trotzdem?

Wir bieten Alternativen, die nicht nur auf Vernunftebene wirken, sondern auch emotional. Ohne die Zwangsjacke, die man sonst in einer Moschee hat. Gesellschaftlich ist es wichtig, weil es wenig Ansprechpartner gibt, die diese Richtung vertreten. Kulturell ist es für mich der einzige Weg, der überleben wird. Alle anderen führen zum Atheismus oder zum Extremismus. Man muss aber auch den Kritikern und Extremisten zuhören, um zu wissen, in welche Richtung sie gehen. Wir versuchen, diesen Spagat zu machen.