Zürich

Mörgeli hatte doch recht: Uni ist an der Zerrüttung schuld

Christoph Mörgeli.

Christoph Mörgeli.

Fall Mörgeli: formelle und materielle Fehler bei der Kündigung – Verwaltungsgericht kritisiert die Universität und nimmt den früheren Konservator des Medizinhistorischen Museums in Schutz. Seinen Job ist Mörgeli trotzdem los.

Für die Universität Zürich stellt das gestern veröffentlichte Urteil des Zürcher Verwaltungsgerichts eine Schlappe sondergleichen dar: Die Kündigung ihres langjährigen Angestellten Christoph Mörgeli war unrechtmässig. Die Uni muss – sofern das Urteil nicht an das Bundesgericht weitergezogen und damit rechtskräftig wird – ihrem früheren Oberassistenten und Konservator des Medizinhistorischen Instituts und Museums deshalb eine Entschädigung von fünf Monatslöhnen entrichten.

Und da «die Eskalation des Konflikts am Arbeitsplatz nicht vornehmlich auf das Verhalten» von Christoph Mörgeli zurückzuführen und damit die Auflösung des Dienstverhältnisses nicht von ihm verschuldet worden sei, muss ihm die Uni im Weiteren auch eine Abfindung von zwölf Monatslöhnen überweisen. Diese insgesamt 17 Monatslöhne dürfte die Universität fast 140 000 Franken kosten (Mörgeli hatte ein
80-Prozent-Pensum).

Das Vorspiel

Christoph Mörgeli, seit 1985 ständiger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Medizinhistorischen Institut, hatte im Februar 2011 einen neuen Chef erhalten. Dieser kritisierte Mörgelis Leistung in der Folge (verstaubtes Museum; Vorlesungen ohne Studenten).

Im Februar 2012 bewertete der Neue den Altgedienten in einer Mitarbeiterbeurteilung schlecht. Die beiden vereinbarten Leistungsziele und hielten fest, dass bei einer zweiten ungenügenden Bewertung vor der Kündigung eine letzte Bewährungsfrist von einem halben Jahr gewährt werde.

Am 11. September 2012 machte der «Tages-Anzeiger» die Kritik publik und zitierte dabei auch aus einem bislang nicht veröffentlichten Bericht über Mörgelis Wirken, den die Uni in Auftrag gegeben hatte.

Am 21. September wurde Mörgeli von der Uni in Kenntnis gesetzt, dass das Arbeitsverhältnis wegen «unbefriedigenden Verhaltens» und «mangelhafter Leistungen» aufgelöst werden soll. Der (damalige) SVP-Nationalrat, der eine politische Verschwörung witterte, erhielt eine Woche Zeit, um Stellung zu beziehen. Am 28. September kündigte der damalige Uni-Rektor das Anstellungsverhältnis auf und stellte Mörgeli per sofort frei.

Der Falsche kündigt falsch

Das Verwaltungsgericht gibt nun Christoph Mörgeli Recht: Die Kündigung weise sowohl formelle als auch materielle Mängel auf.

So war der Rektor «für den Erlass der Kündigungsverfügung nicht zuständig», diese Verfügung erweise sich somit als fehlerhaft, hält das Gericht fest. Zudem geht das Gericht auch davon aus, dass die Uni ihrem Angestellten nur noch pro forma die Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt habe.

Das reicht rechtlich nicht aus: Das Recht auf Gehör beinhaltet nicht nur die Möglichkeit, dass sich eine Person äussern kann – die Behörde muss deren Argumente auch sorgfältig und ernsthaft prüfen. Das war im Fall Mörgeli nicht der Fall, glaubt das Verwaltungsgericht: So hatte die Uni in einer Medienmitteilung am 21. September, also eine Woche vor der Kündigung, festgehalten, dass eine Rückkehr von Mörgeli an seinen Arbeitsplatz angesichts dessen schwerer Loyalitätspflichtverletzungen «nicht mehr denkbar» sei.

Vor diesem Hintergrund müsse angenommen werden, dass der Rektor den Kündigungsentscheid bereits gefällt hatte, schreibt das Gericht. Damit sei Mörgelis Gehöranspruch verletzt worden, ein formeller Fehler. Schliesslich hätte vor der Kündigung auch, da dies explizit vereinbart worden war, eine sechsmonatige Bewährungsfrist angesetzt werden müssen (materieller Fehler).

Nachvollziehbare Theorien

Die Uni warf Christoph Mörgeli insbesondere «schwere Loyalitätspflichtverletzungen vor», weil der SVP-Politiker als Reaktion auf die Kritik an seiner Arbeit in den Medien gegen seinen neuen Vorgesetzten und die Uni wetterte.

Er sprach von Mobbing und einem politischen Komplott. Das Verwaltungsgericht hält grundsätzlich fest, dass dem arg kritisierten Mörgeli «ein gewisses Mass an Emotionalität und pointierte Reaktion zuzugestehen» sei. Zumal dessen Theorien durchaus «nachvollziehbar» seien.

«Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer (Mörgeli) den gegen ihn erhobenen Vorwürfen weitgehend in adäquater oder zumindest vertretbarer Weise begegnete». Die Kündigung erweise sich damit als «unverhältnismässig».

Keine Unterstützung der Uni

Das Verwaltungsgericht kritisiert im Weiteren, dass Christoph Mörgeli von seinen Vorgesetzten nach dem ersten kritischen Medienbericht nicht unterstützt worden ist. So hatte der heute 55-Jährige seinen neuen Chef um ein Gespräch gebeten.

Dass dieser ihm klar zu verstehen gegeben habe, dass er vorerst nicht gesprächsbereit sei und ihm auch keinerlei anderweitige Unterstützung angeboten oder vermittelt habe, «muss als gravierende Verletzung der Fürsorgepflicht gewertet werden».

Das Gericht hält auch fest, dass es gerade diese Fürsorgepflichtverletzungen waren, die zur Zerrüttung des Arbeits- und Vertrauensverhältnisses geführt hätten. Das Dienstverhältnis sei ohne massgebliches Verschulden von Christoph Mörgeli aufgelöst worden.

Aber nicht nichtig

Das Verwaltungsgericht Zürich sagt, dass die Kündigung unrechtmässig war. Im Urteil hält es auch fest: «Die Kündigungsverfügung ist fehlerbehaftet, jedoch nicht nichtig.» Einen Anspruch auf Wiederanstellung verneint das Gericht damit.

Christoph Mörgeli war gestern für diese Zeitung nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Bei der Universität Zürich hiess es, dass das Urteil nun analysiert und zu einem späteren Zeitpunkt über einen Weiterzug ans Bundesgericht entschieden werden soll.

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