Am 1. Juli 2002, kurz nach 23.30 Uhr, stiessen bei Überlingen am Bodensee, in einer Höhe von rund 11'000 Metern, eine Passagier- und eine Frachtmaschine zusammen. Sämtliche 71 Menschen in beiden Maschinen kamen ums Leben. Die meisten waren Kinder, unterwegs in die Ferien nach Spanien.

Unter den Opfern waren auch eine Frau aus der russischen Teilrepublik Nordossetien im Kaukasus und ihre zwei vier- und zehnjährigen Kinder. Sie wollten ihren Ehemann und Vater besuchen, der als Bauingenieur in Spanien arbeitete: Witali Kalojew.

Nach dem Unglück verlor sich der Mann in seiner Trauer. Sein ganzes Leben drehte sich nur noch um den Verlust von Frau, Sohn und Tochter. Er arbeitete nicht mehr, liess sich einen struppigen Bart wachsen.

Er errichtete einen imposanten Gedenkstein und verbrachte täglich Stunden auf dem Friedhof. Zu Hause richtete er ein Zimmer als Gedenkstätte für seine verlorenen Lieben ein. Stets trug er ein braunes Kuvert mit Fotos der Toten in ihren Särgen bei sich.

Kein Vertrauen in Justiz

Kalojew wartete auf eine Entschuldigung von Skyguide. Aber die kam nicht. Für ihn war klar: Hauptschuldiger war Skyguide-Chef Alain Rossier, der unmittelbar Verantwortliche für den Zusammenstoss aber der damals diensthabende Fluglotse. Zudem war der Kaukasier überzeugt, dass die Schweizer Justiz niemanden zur Rechenschaft ziehen würde.

Nach anderthalb Jahren verlor Kalojew die Geduld. Er reiste nach Kloten ZH, wo der Fluglotse mit seiner Familie wohnte. Am frühen Abend des 24. Februar 2004 ging er zur Wohnung des 36-jährigen Dänen, in der Manteltasche das braune Kuvert - und ein Taschenmesser.

Monate später, vor dem Zürcher Obergericht, schilderte er, wie er auf dem Gartensitzplatz wartete, bis der Fluglotse herauskam. Als er nach seinem Anliegen fragte, hielt Kalojew ihm das braune Kuvert hin. Er habe erreichen wollen, dass der andere die Fotos ansehe, dass er um Verzeihung bitte, sagte er.

Aber der Däne fühlte sich bedroht von dem bärtigen, finsteren Unbekannten. Er stiess dessen Hand weg, die Fotos fielen zu Boden. Da rastete Kalojew aus. Er stach auf den Vater von drei kleinen Kindern ein und tötete ihn.

Zu Hause ein Held

Das Obergericht verurteilte ihn im Oktober 2005 wegen vorsätzlicher Tötung zu einer achtjährigen Freiheitsstrafe. Es hielt ihm eine heftige Gemütsbewegung zu Gute. Auf Geheiss des Kassationsgerichts reduzierte das Obergericht 2007 das Strafmass auf 5 1/4 Jahre unter Berücksichtigung einer schweren Verminderung der Schuldfähigkeit aufgrund des Traumas des Verlusts.

Das Bundesgericht bestätigte dieses Urteil und ordnete die sofortige Freilassung Kalojews an, der seit seiner Festnahme am Tag nach dem Tötungsdelikt im Gefängnis sass. Der Russe flog umgehend in seine Heimat, wo man ihn als Helden empfing, der Rache geübt habe. Einige Monate später wurde er zum Vizebauminister ernannt.

In der strafrechtlichen Aufarbeitung wurde klar, dass die Kollision Folge einer fatalen Verkettung von Mängeln und Pannen war: Der Fluglotse war zum Zeitpunkt des Unglücks allein am Radar - ein damals üblicher Zustand - , wegen Wartungsarbeiten war das Warnsystem ausser Betrieb, zudem funktionierte das Telefon nicht.

Bedingte Freiheitsstrafen und Freisprüche

Das Bezirksgericht Bülach ZH verurteilte 2007 vier damalige Skyguide-Kader wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung zu bedingten Freiheitsstrafen von zwölf Monaten. Vier Beschuldigte wurden freigesprochen. Laut Gericht hätte das Unglück wohl vermieden werden können, wären zwei Fluglotsen anwesend gewesen.

Die Hinterbliebenen der Opfer des Zusammenstosses erhielten insgesamt rund 2,3 Millionen Franken Entschädigungsgelder. Skyguide veranlasste seit dem Unglück verschiedene Verbesserungen.

Kalojew hat sich wieder gefangen, wie der Zürcher Flughafenpfarrer Walter Meier zur Nachrichtenagentur sda sagte. 2012 habe er an der Zehnjahres-Gedenkfeier des Unglücks teilgenommen. Und er habe wieder geheiratet.

Die Witwe des getöteten Fluglotsen kehrte kurz nach der Tat in ihre Heimat Dänemark zurück. Auch ihr und den Kindern gehe es heute gut, sagte Meier.