Rickenbach

«Möchten Sie den Segen ausdrucken?»: Bewohner können sich von einem Roboter segnen lassen

Dank technischen Innovationen wie etwa dem Buchdruck sei die Reformation überhaupt erst möglich gewesen.

Dank technischen Innovationen wie etwa dem Buchdruck sei die Reformation überhaupt erst möglich gewesen.

«Gott segne dich und behüte dich», sagt eine freundliche Stimme mit Zürcher Dialekt in der reformierten Kirche Rickenbach. Sie stammt nicht etwa von der Pfarrerin, sondern von einer Art grossem Bancomaten mit lächelndem Gesicht. Er wackelt mit den Augenbrauen, hebt seine Hände, die plötzlich zu leuchten beginnen, und spricht den Segen zu Ende.

Bis Ende Oktober steht in Rickenbach der Segensroboter BlessU-2. Dafür verantwortlich ist Pfarrerin Elke Räbiger. Sie ist seit einem Jahr in Rickenbach und hat es sich zur Aufgabe gemacht, mehr Leute zwischen 30 und 60 Jahren anzusprechen. «Senioren und Jugendliche wie Konfirmanden sind oft im Gottesdienst», sagt Räbiger. Die mittlere Generation habe hingegen nur wenig Zeit und sei selten in der Kirche anzutreffen. «Mit ihr wollen wir den Dialog suchen – zum Beispiel über den Roboter.»

Ausgangspunkt für Diskussionen

Der Roboter soll in erster Linie Neugierde wecken: «Er ist wie ein Lockangebot, damit wir mit den Leuten ins Gespräch kommen.» Das würden sie mit den normalen Gottesdiensten sonst einfach nicht erreichen können, so Räbiger. «Es ist auch in Ordnung, wenn Leute darüber schimpfen.» Aber es solle ein Austausch stattfinden, von Mensch zu Mensch. Der Segensautomat kann dabei als Anstoss für diverse Diskussionen dienen: «Wie verändert Technik, Digitalisierung und künstliche Intelligenz unser Leben?» Das seien alles Themen, über die man auch in der Kirche reden müsse, sagt Räbiger. «Alles, was in unserer Gesellschaft passiert, hat auch in der Kirche einen Platz.» Während das Gerät in der Gemeinde ist, finden passende Anlässe wie Diskussionspanels zum Roboter und zur Digitalisierung statt.

Die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) gab den Segensroboter BlessU-2 für das Jubiläumsjahr der Reformation 2017 in Auftrag. Vom technischen Fortschritt sei die Reformierte Kirche schon immer ­abhängig gewesen: «Der Buchdruck, eine technische Inno­vation, hat die Reformation überhaupt erst ermöglicht», sagt Räber. Jetzt werde es spannend, zu sehen, was die Digitalisierung mit der Kirche mache. Viele Senioren würden etwa die Gottesdienste nur noch im Fernsehen schauen, sagt die Pfarrerin. «In der Dorfkirche haben wir einfach nicht gleich viele Gestaltungsmöglichkeiten.» Doch der Lockdown habe wie in anderen Bereichen auch hier ein Umdenken angestossen. «Wir haben gemerkt, dass es den Leuten wirklich wichtig ist, sich im analogen Leben zu treffen», sagt Räbiger.

Segen vom Roboter erhalten

BlessU-2 sorgt aber auch für Auseinandersetzungen mit rein kirchlichen Themen. Die Pfarrerin erzählt: «Ich habe mit dem Roboter die Erfahrung gemacht, dass man überhaupt erst über Segen oder den Glauben an sich redet.» Das käme sonst viel zu kurz. «Er lässt uns hinterfragen: Was bedeutet Segen für mich?» Von einem Roboter den Segen erhalten – geht das überhaupt? «Es wird von vielen als richtiger Segen wahrgenommen», bestätigt Räbiger. Es seien ja auch biblische Worte und eine menschliche Stimme. «Vergleichbar mit dem Segen im Fernsehen.» Wem das nicht zusage, könne natürlich auch weiterhin von ihr den Segen erhalten.

Vom 21. Oktober bis zum 31. Oktober ist BlessU-2 in Rickenbach zu Gast, nachher zieht er weiter in die Stadtkirche Winterthur und nach Wülflingen, bevor er fix in Bonn stationiert wird. Für seinen Aufenthalt im Kanton Zürich wurde er extra auf Zürichdeutsch besprochen. So wird er Besucher künftig auf Mundart fragen: «Möchten Sie den Segen ausdrucken?»

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