Interview
Moderatorin Sandra Studer: «Ich werde vor der Kamera älter – und stehe dazu»

Sandra Studer über Feminismus und ihre Rolle im Musical «Supermarkt-Ladies»

Philippa Schmidt
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Moderatorin Sandra Studer vor einem Weinberg in ihrer Wohngemeinde Meilen.

Moderatorin Sandra Studer vor einem Weinberg in ihrer Wohngemeinde Meilen.

Michael Trost, Tamedia AG

Sandra Studer, derzeit spielen Sie im Musical «Supermarkt-Ladies» eine Verkäuferin. Erledigen Sie Ihre Einkäufe jetzt mit einem anderen Blick?

Sandra Studer: Nein, ich gehe schon anders einkaufen, seit ich selbst im Supermarkt an der Kasse gearbeitet habe, und das ist schon sehr lange her. Das war in einer der ersten Semesterferien meines Studiums. Ich muss ungefähr 19 gewesen sein. Es war ein Ferienjob, der etwa fünf oder sechs Wochen gedauert und mich sehr geprägt hat. Es gibt keinen Tag, an dem ich beim Einkaufen nicht daran denke, dass ich auch einmal auf diesem Stuhl sass.

Das Stück ist typisch schweizerisch: Die Zuschauer können mehrfach darüber abstimmen, wie die Handlung weitergehen soll. Haben Sie schon Unerwartetes erlebt?

Eigentlich sind wir auf alles vorbereitet, aber es gibt eine Abstimmung im Stück, in der das Publikum entscheidet, wo der Supermarkt-Chef aufgetaut wird – wir, die Supermarkt-Ladies, hatten ihn eingefroren. Zur Auswahl stehen ein Hammam oder eine Backstube. Und es kommt immer der Hammam, weil dabei noch gefragt wird, ob das Publikum wolle, dass wir uns alle ausziehen, um in den Hammam zu gehen. Dann ist der Entscheid natürlich klar. Einmal wurde das mit dem Ausziehen nicht erwähnt, und prompt hat die Backstube gewonnen. Da kommt man dann wirklich kurz ins Schwitzen, ob man den Song noch kann. Man darf nicht bequem werden.

Vor kurzem wurden Sie 50. Was bedeutet Ihnen diese Zahl?

Nichts. Ich musste ein bisschen lachen, weil es ein Thema in den Medien war. Und ich wurde viel darauf angesprochen. Irgendwie fand ich das komisch. Es ist ja keine Leistung, 50 zu werden. Ich bin voller Dankbarkeit, dass ich meinen Geburtstag gesund begehen konnte. Im Moment geht es mir wirklich gut. Andere haben in diesem Alter schon Schlimmes durchgemacht. Ich habe ein Riesenglück, dass ich eine Familie habe und nach bald 30 Jahren immer noch meinen Job machen darf. Und ich weiss, dass die Lebenszeit in Zukunft noch ein wenig kostbarer wird.

Es gibt ja immer wieder Frauen, die ihr richtiges Alter nicht öffentlich nennen wollen. Haben Sie damit keine Mühe?

Wie soll ich das denn verstecken? Es steht auf Wikipedia und in jedem Artikel über mich. Das Wichtigste bei uns scheint das Alter zu sein. Man wird extrem darüber definiert. Kürzlich habe ich eine Frau kennen gelernt, die ihr Alter nicht preisgibt. Im ersten Moment fand ich das doof. Dann hat sie es mir erklärt, und ich musste ihr recht geben. Als Frau wird man in eine Schublade gesteckt: Ab einem gewissen Alter wird erwartet, dass du Kinder bekommst. Dann heisst es: Was, du hast noch keine Kinder? Und später geht es um die Frage, ob man Probleme mit dem Älterwerden hat, dann, ob man sich schon botoxen lässt. Sie hat mir gesagt, dass sie keine Lust darauf hätte. Ich kann mich diesem Schubladendenken auch nicht entziehen, aber ein bisschen dagegenhalten kann ich schon, indem ich vor der Kamera älter werde. Und dazu stehe.

Was hätte Ihr Teenager-Ich zur heutigen Sandra Studer gesagt?

Das würde gar nichts sagen, das wäre so befremdet. Ich glaube, ich hätte mich nicht erkannt. Als Teenager war ich ziemlich komplexbeladen. So im Alter gegen 20 wurde ich ein wenig selbstbewusster. Ich hätte aber den Gedanken, dass ich so in der Öffentlichkeit stehe, wie es jetzt der Fall ist, sehr komisch gefunden. Es hat mich nie dorthin getrieben oder wenn dann eher als Tänzerin, Schauspielerin und Sängerin. Aber dass ich dereinst moderieren würde, das hätte ich mir gar nicht vorstellen können.

Sie haben 1991 die Schweiz am Grand Prix Eurovision de la Chanson vertreten. Waren Sie auch damals noch schüchtern?

Das war meine Transformationsphase. Als Teenager habe ich sehr gerne gesungen. Ich durfte im Tonstudio eines Freundes in Küsnacht immer wieder Aufnahmen machen. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich selbstbewusster wurde. Die Eurovision war für mich wie eine Mutprobe: Traue ich mich, vor so vielen Leuten zu singen?

Der Grand Prix war für Sie der Durchbruch zu mehr Selbstbewusstsein?

Nein, das geht natürlich nicht durch ein einziges Erlebnis. Und der Prozess ist ein stetiger. Ich denke, mangelndes Selbstbewusstsein ist ein sehr weibliches Thema. Wir hinterfragen uns aus meiner Erfahrung mehr als Männer. Das hat viel Gutes, aber manchmal würde ich mir schon gerne eine Scheibe von den Männern abschneiden und mir mal selber auf die Schulter klopfen. Eines Tages werde ich im Altersheim sitzen und mir sagen: Gopferteckel, Sandra, jetzt hast du doch früher Samstagabendsendungen gestemmt und immer noch an dir gezweifelt.

Sie haben das Zweifeln an sich selbst als weibliches Thema bezeichnet. Wie ermutigen Sie Ihre drei Töchter, damit diese Selbstbewusstsein entwickeln?

Ich erkenne viele Muster wieder, die auch in mir stecken. Ich versuche, meinen Mädchen ihre Stärken aufzuzeigen und sie darin zu unterstützen, diese auch einzusetzen. Und manchmal sollte man auch Dinge wagen, von denen man noch nicht sicher ist, ob man sie wirklich kann. Da sage ich meinen Töchtern schon, dass man im Leben auch ein bisschen bluffen muss, um weiterzukommen. Die Männer machen uns das vor. Manchmal geht es mir auf den Wecker, und manchmal denke ich: Ihr Schlitzohren, aber ihr macht das schon gut.

Würden Sie sich denn als Feministin bezeichnen?

Ich kann mit diesem Wort nicht so viel anfangen. Als sogenannte Feministin hat man sofort eine Fahne in der Hand und will missionieren. Das bin ich nicht. Aber wenn man unter einer Feministin jemanden versteht, der sich Gedanken darüber macht, was wir Frauen anders machen sollten oder was unsere Rechte sind, dann bin ich eine. Es muss noch sehr viel passieren, und auf der Welt gibt es nach wie vor eine haarsträubende Ungerechtigkeit.

Sie sind in Zollikerberg aufgewachsen und wohnen nun in Meilen. Was bedeutet es Ihnen, am See zu Hause zu sein?

Das bedeutet mir sehr viel. Ich hatte den See ja nicht vor der Nase, als ich aufgewachsen bin. Ich bin ein Waldkind, wohnte ich doch am Waldrand. Den See gab es für mich als Kind nicht. Zollikon und Zollikerberg, das sind zwei total verschiedene Welten. Später hat es mich eher zufälligerweise nach Meilen verschlagen. Ich habe einen Zuger geheiratet, der mich am liebsten nach Zug verfrachtet hätte. Ich musste ihn ein bisschen dazu überreden, in Zürich zu bleiben und in die Nähe der Fähre zu ziehen, damit sein Arbeitsweg machbar ist. Das hat zum Glück geklappt. Unterdessen arbeitet mein Mann fast mehr in Zürich als in Zug. Es ist perfekt so. Ich habe mich extrem in diesen See verliebt. Für mich ist der Zürichsee das Grösste. Bei jedem Wetter ist er eine Augenweide.