Fast ein Drittel der Doktorierenden, die an der Umfrage teilnahmen, kritisiert, dass ihr Professor seine Mentorenaufgabe nicht richtig wahrnehme. Die Rede ist von zu wenig zeitlicher Präsenz, oder dass sich der Professor inhaltlich kaum engagiert. Jeder zwölfte Befragte kreuzte in der Umfrage an, dass ihm gar niemand helfe.

Knapp ein Viertel der Umfrageteilnehmer gab sogar an, dass ihr Vorgesetzter das Machtgefälle ihnen gegenüber schon in missbräuchlicher Weise ausgenutzt habe. Die Befragten klagen über Demütigungen, fehlenden Respekt und emotionalen Druck. Häufig genannt wurden auch Lohn als Druckmittel, häufige Wochenendarbeit und eine nicht verlässliche Ferienplanung.

Die Mittelbauvereinigung AVETH befragte alle der momentan 4100 Doktorierenden, 37 Prozent gaben Auskunft. Die ETH veröffentlichte die Ergebnisse dieser Umfrage, über die am Freitag auch der "Tages-Anzeiger", der "Blick" und "Neue Zürcher Zeitung" berichteten, auf ihrer Website.

Machtgefälle "nicht mehr zeitgemäss"

Die ETH nehme die geäusserten Defizite in der Betreuung sehr ernst, wird ETH-Rektorin Sarah Springman in einer Mitteilung zitiert. Ein konstruktiver und respektvoller Umgang miteinander und das bewusste Fördern der Doktorierenden sei zentral für herausragende Leistungen.

Sie betont aber auch, dass der Wissenschaftsbetrieb anspruchsvoll und zuweilen hart sei. "Junge Forscherinnen und Forscher müssen lernen, mit Druck umzugehen." Untätig blieben will die ETH trotzdem nicht. Bereits im November 2017 wurde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um eine "motivierende Führungskultur" zu etablieren.

Leiter der Arbeitsgruppe ist Antonio Togni, Prorektor für das Doktorat und ETH-Chemieprofessor. Seiner Meinung nach sollte es das Ziel sein, das nicht mehr zeitgemässe Machtgefälle durch eine "Learning Alliance" abzulösen. Die Vorgesetzten hätten darin nicht mehr die Rolle derer, die alles wissen und bestimmen. "Sie sollten vielmehr eine Mentorenrolle einnehmen", wird Togni zitiert.

Sein Arbeitsgruppe schlägt vor, dass Professoren einen Kurs besuchen müssen, in dem sie lernen, wie Doktorierende richtig betreut werden. Denkbar sei auch, den Doktorierenden eine weitere Betreuungsperson zur Seite zu stellen oder regelmässige schriftliche Feedbacks für obligatorisch zu erklären.

Schikane bei den Astronomen

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die ETH mit solchen Vorwürfen konfrontiert sieht. Im Februar 2017 wurde die Schulleitung über Mobbing im Institut für Astronomie informiert. Eine Professorin, die zusammen mit ihrem Ehemann das Institut aufbaute, soll über zehn Jahre lang Doktoranden schikaniert haben.

Die Professorin wurde freigestellt, die ETH leitete eine Untersuchung ein. Die Ergebnisse liegen noch nicht vor. Das Institut wurde geschlossen.