Klosteralltag
Mitten in der Stadt Zürich steht ein Kloster des Schweizer Kapuzinerordens

Manchmal, an dunklen Wintermorgen, dringt Licht aus dem Keller an der Seebacherstrasse; bunt, wie es aus Kirchenfenstern scheint. Abgesehen davon deutet nichts darauf hin, dass das schmucklose Einfamilienhaus zwischen Zürichs Innenstadt und dem Flughafen ein kleines Kloster beherbergt.

Michael Rüegg
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Rechts das unscheinbare Kleinkloster, in Blickweite zur Kirche.

Rechts das unscheinbare Kleinkloster, in Blickweite zur Kirche.

MIR

Das Kloster ist eine Niederlassung des Kapuzinerordens, der auf den heiligen Franz von Assisi zurückgeht. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts legte er den Grundstein für einen Bettelorden, und die Legende besagt, dass Franziskus auch den Fischen und den Vögeln gepredigt haben soll.

Seit 24 Jahren in der Männer-WG zuhause

Ohne Kapuze und Kutte öffnet Willi Anderau die Tür zur Männer-WG, die seit 24 Jahren sein Zuhause ist. Hierhin geführt hat ihn seine Aufgabe. Jeden Kapuziner führt seine Aufgabe dorthin, wo er wirkt. Willis – wir verzichten auf die Anrede «Bruder», weil sie nicht so recht passen will – Aufgabe war die des bischöflich Beauftragten für Radio und Fernsehen.

Während 17 Jahren amtete er als Verbindungsmann zwischen der Schweizerischen Bischofskonferenz und der SRG, zuständig für das Wort zum Sonntag, für Radiopredigten und im Radio und Fernsehen übertragene Gottesdienste. Die Stelle war ursprünglich eine Art Wachhund der Bischöfe, um sicher zu stellen, dass das Fernsehen nicht über die Stränge schlägt. In Willis Brust pocht das Herz eines aufgeklärten Journalisten.

Ab und zu nahm auch die Öffentlichkeit Notiz davon. Wie 2010, als er in der «Tagesschau» auf SF1 die Aussagen eines ranghohen Kardinals kritisierte, der die Recherchen von Journalisten zum Missbrauchsskandal in der Kirche als «dummes Geschwätz» abgetan hatte.

Zweimal drei Jahre, dann muss ein Oberer zurücktreten

Willi führt den Besucher durchs Haus. Es ist alles da, was ein Kloster braucht: Zimmer, Bibliothek, Gesprächsräume, Kapelle, Küche und ein Weinkeller. Während sechs Jahren war das Haus auch Sitz des Ordensoberen der Kapuziner. Der Obere war Willi selbst, nachdem er von seinen Brüdern in dieses Amt gewählt worden war. Fortan widmete er sich seiner neuen Tätigkeit – seiner Aufgabe. Zweimal drei Jahre übte er das Amt aus, danach muss ein Oberer zurücktreten.

Die Gästezimmer des Hauses sind keine Klosterzellen. Sie sind gerade mal so gemütlich, dass man sich darin einigermassen wohl fühlt. Die Zweckmässigkeit obsiegt gegen den Luxus. Besuch kam früher mehr als heute.

Die Brüder danken es ihm mit Gastfreundschaft

Einer, der immer wieder mit Koffern vor dem Haus steht, ist der Bischof von Arabien, Paul Hinder, auch er ein Ordensbruder. Dass Kapuziner in der römischen Kirche Karriere machen, ist selten. «Und wenn doch, dann landen sie in unbeliebten Bistümern, wie eben Arabien.», so Willi.

Während seiner Reisen nach Rom mache der Bischof jeweils Halt in Zürich-Seebach – meist mit einer Flasche Whisky im Gepäck, die er im Duty-Free-Shop in Dubai gekauft hat. Die Brüder danken es ihm mit Gastfreundschaft und einer kleinen Bischofsmütze an der Zimmertür, mehr Ehre geniesst ein Bischof hier nicht.

Ende der Achtzigerjahre, als Willi einzog, lebten hier sieben Ordensmänner. Heute sind es noch deren drei. Willi selbst, Bruder Haimo, der gerade in den Ferien weilt, und Bruder Hildegar. der sich zu uns an den Esszimmertisch gesellt. Er erzählt wenig, antwortet aber geduldig auf die Fragen des neugierigen Besuchers.

1956 tritt Hildegar in den Orden ein, aus tiefer religiöser Überzeugung und dem Wunsch heraus, in einer Gemeinschaft zu leben. Es folgen Studien der Theologie und Philosophie, Priesterweihe, ein Doktorat in Fribourg. Hildegar arbeitet als Dozent im ordenseigenen Seminar in Solothurn.

Dann wird er «Guardian», Vorsteher eines Klosters, später Pfarrer in Landquart. 2007 zieht er in Seebach ein. Im Moment bleibt er meist zu Hause und wartet auf ein neues Hüftgelenk. Seine Schäfchen in Pfäffikon ZH, wo er zu 40 Prozent als Pfarrer amtet, müssen sich gedulden.

Bruder Haimo pflegt den Garten

800 Kapuziner zählte der Schweizer Orden damals, als Willi und Hildegar junge Männer waren. Mittlerweile sind es 180. Der Jüngste ist gerade mal 30 Jahre alt, mit stattlicher Distanz zum Nächstälteren. «Das Durchschnittsalter liegt bei ungefähr 75 Jahren.»

Willi spricht die Realität an; das Alter fordert seinen Tribut. In den übrig gebliebenen Klöstern wurden Pflegestationen für die eigenen Brüder eingerichtet, wo betagte Kapuziner auf ihre letzte Reise warten. Derweil spriesst draussen auf dem Balkon des Zürcher Kleinstklosters zarte Kapuzinerkresse. «Damit versuchen wir unser Nachwuchsproblem in den Griff zu bekommen», witzelt Willi.

Die Kapuzinerkresse gehört zum Reich von Bruder Haimo, der den Garten pflegt. Viele Jahre war er Missionar in Tansania. Haimos Mitbrüder sind froh, wenn er der Küche nicht zu nahe kommt, sein kulinarisches Talent beschränkt sich auf das Öffnen von Konserven. In der Küche steht darum meist Willi, die Wäsche und den Rest des Haushalts teilen sich die drei auf. Doch wovon leben Ordensmänner?

«Das ist wie im Kommunismus»

«Das ist wie im Kommunismus», beschreibt Willi das System, nach dem der Orden seit Jahrhunderten wirtschaftet. Viele Kapuziner sind als Lehrer, Seelsorger oder in anderen Berufen tätig. Der Lohn, den sie erhalten, fliesst in die Gemeinschaftskasse.

Was man nicht braucht, geht an den Schweizer Orden, der die Krankenkassenprämien bezahlt und für alle Brüder eine Pensionskasse führt. Was von dort übrig bleibt, spenden die Kapuziner für wohltätige Projekte, vor allem in der Dritten Welt. Vermögen und Ländereien kennt der Bettelorden nicht. Jeder Bruder bedient sich aus der Kasse, wenn er etwas braucht. Und was macht man, wenn einer zu viel für sich nimmt? «Dann spricht man mit ihm. Aber das kommt praktisch nicht vor. Jeder von uns ist ein mündiger Mensch», sagt Willi.

Die Katze hört nicht zu

Nachdem Hildegar sich zurückgezogen hat, wirft Willi den Grill an, holt Bratwürste aus dem Kühlschrank und zaubert eine Schüssel Kartoffelsalat auf den Balkontisch. Bei einem Glas Wein erfährt man, was ihn an der Kirche stört, wie kritisch er dem Personenkult um Päpste gegenübersteht.

Und dass es auch schon Brüder gab, die nach Jahren die Gemeinschaft verliessen, weil sie sich verliebt hatten. «Mir ist das nie passiert», sagt Willi, und ein Hauch von Erleichterung schwingt mit.

Eine Katze marschiert durch den Garten. Warum hält er ihr keine Predigt, wie damals der heilige Franziskus, als er den Vögeln das Wort Gottes verkündete? «Ich habe es versucht, doch sie hört nicht zu», meint Willi lapidar.