Lieferdienste

Mit schnellem Essen machen sie Geld – doch nicht alle halten sich an die Vorschriften

Der Food-Lieferdienst «Mosi’s» verzeichnete in den letzten Jahren ein Wachstum im zweistelligen Prozentbereich, obwohl die Konkurrenz immer grösser wird.

Der Food-Lieferdienst «Mosi’s» verzeichnete in den letzten Jahren ein Wachstum im zweistelligen Prozentbereich, obwohl die Konkurrenz immer grösser wird.

In Zürich drängen immer mehr Food-Kuriere auf den Markt – manche entziehen sich den Vorschriften. Inoffizielle Lieferdienste bereiten Gastro-Zürich-Präsidenten Ernst Bachmann Sorgen.

Sie sind schnell und kaum zu übersehen: Essens-Lieferdienste schiessen in der Stadt wie Pilze aus dem Boden. Längst vergeht in zentral gelegenen Wohnquartieren am Abend keine Minute mehr, ohne dass einem ein Kurier auf dem Velo, Roller oder im Auto um die Ohren fährt. Der «European Food Trend Report» des Gottlieb-Duttweiler-Instituts spricht bereits von einer «Uberisierung der Foodbranche». Eine Entwicklung mit Folgen, die über die Gastrobranche hinausgehen.

Einer, der die Lieferdienst-Branche kennt wie seine Westentasche, ist Patrick Bircher. Der CEO des Pizza-Imperiums Dieci gehört mit seiner Firma auch nach 20 Jahren noch zu den Marktführern. Er bestätigt, dass in Zürich in der letzten Dekade sehr viele neue Food-Kuriere auf den Markt gedrängt sind. Umsatzmässig habe Dieci das aber kaum gespürt, sagt Bircher: «Es wollen zwar immer mehr Marktteilnehmer etwas vom Kuchen, doch dieser wird auch immer grösser und breiter.» Im Vergleich zu den Neunzigerjahren sei die Essenspalette der Anbieter vielfältiger; besonders asiatische Kuriere hätten derzeit Aufwind. Dazu komme, dass sich Arbeitstätige fürs Essen am Mittag weniger Zeit lassen, und bereit seien, stattdessen Geld für geliefertes Menüs auszugeben, so der Dieci-CEO.

Sichtbarkeit hilft Konkurrenz

Drei Viertel ihres Umsatzes macht seine Firma, die von St. Gallen bis nach Bern tätig ist und allein in der Stadt Zürich vier Filialen hat, nach wie vor am Abend. Und auch hier steigen die Umsätze. Angst hat Bircher daher keine vor der neuen Konkurrenz – im Gegenteil: «Je mehr Lieferdienste man auf den Strassen sieht, desto eher kommen die Kunden auf die Idee, sich etwas zu bestellen. Wir müssen einfach besser sein als die anderen.»

Was bedeutet das für die traditionellen Restaurants? Ernst Bachmann, Präsident des kantonalen Gastgewerbeverbands Gastro Zürich, sagt, unter den gut sichtbaren Food-Kurieren würden die traditionellen Gastro-Betriebe nicht leiden: «Wer ins Restaurant geht, sucht etwas anderes. Dabei geht es um einen feierlichen Anlass, um Kameradschaft, um Diskussionen und das Erlebnis, bewirtet zu werden. Wer sich Essen liefern lässt, hat das meist nicht.»

Zusatzgeschäft für alle Restaurants

Sorgen bereiten dem Gastro-Zürich-Präsidenten aber die inoffiziellen Lieferdienste, die in der Stadt derzeit vermehrt auftauchen und ihre Kunden über Social Media anziehen: «Die liefern aus privaten Wohnungen und entziehen sich so gesetzlichen Auflagen wie Hygienevorschriften, die andere Restaurants erfüllen müssen», sagt Bachmann. Er fordert die Behörden dazu auf, auf dem Zürcher Markt wieder für gleich lange Spiesse für alle zu sorgen. Angesichts des veränderten Konsumverhaltens rät Gastro Zürich seinen Mitgliedern, flexibel zu bleiben, um auf die veränderten Bedürfnisse der Kunden eingehen zu können. Dazu gehöre es je nach Klientel oder Standort auch, Essenslieferungen anzubieten, so Bachmann.

Einer, der diesen Nachholbedarf klassischer Gastrobetriebe nutzt, ist der Restaurant-Kurier «Mosi’s». Er präsentiert das Angebot von traditionellen Restaurants auf seiner Online-Plattform, über die Kunden ihre Menüs bestellen können. «Mosi’s» kauft den Restaurants deren Essen ab und bringt es gegen eine Lieferpauschale zum Kunden nach Hause. Die Partner-Restaurants selbst bezahlen eine Kommission, profitieren aber vom Zusatzgeschäft und können auf eine eigene Logistik verzichten. «Immer mehr Gastronomen merken, dass ein Teil ihrer potenziellen Kunden nicht mehr aus dem Haus will, um ein gutes Menü zu geniessen», sagt der Gründer Martin Mosimann.

Wachstum schon seit 18 Jahren

Genaue Zahlen will Mosimann zwar nicht nennen. Seine Firma sei in den 18 Jahren ihres Bestehens aber kontinuierlich gewachsen, in den letzten Jahren gar im zweistelligen Prozentbereich, sagt er. Die Gründe für das steigende Interesse an geliefertem Essen liegen für Mosimann auf der Hand: «Die Leute arbeiten viel. Das heisst, sie haben weniger Zeit fürs Einkaufen, Kochen und Abwaschen. Da ist es komfortabler, sich etwas liefern zu lassen.»

Jörg Rössel, Soziologe an der Uni Zürich, sieht im gesteigerten Stressgefühl nur einen von mehreren Gründen für den Food-Liefer-Boom. Er verortet dieses Phänomen vor allem in den Städten. Dies deshalb, weil sich die städtische Bevölkerung durch viele nicht-traditionelle Lebensformen wie WGs, arbeitstätige oder alleinerziehende Eltern auszeichnet. «Hier gibt es – im Gegensatz zu klassischen Familien-Konstellationen – oft keine Person mehr, die sich immer um die Mahlzeiten kümmert», sagt Rössel. Zwar koche noch immer ein grosser Teil der Bevölkerung gerne, aber eher für spezielle Anlässe und weniger im Alltag.

Für Werktage bieten Lieferdienste daher vielen eine willkommene Alternative. Der Stadtsoziologe vermutet aber auch, dass das immer breitere Angebot von Pizzas über asiatische bis hin zu vollbiologischen Mahlzeiten, eine zusätzliche Nachfrage geweckt hat. «Viele der gelieferten Menüs können sich nur die wenigsten in der gleichen Qualität selbst zubereiten. Und die breite Palette befriedigt sehr viele Geschmäcker», sagt Rössel.

Welche Folgen hat das für die Gesellschaft? Droht uns die soziale Verarmung, weil wir immer weniger einkaufen oder ins Restaurant gehen? Rössel winkt ab. «Für Städter ist der sozial relevante Raum die ganze Stadt. Die Nachbarschaft und damit etwa der Einkauf im Quartierversorger ist höchstens für ältere Menschen als soziale Kontaktmöglichkeit wichtig.» Der grossen Masse in den Städten aber verschafften Lieferdienste und der damit verbundene Zeitgewinn eher einen erweiterten Handlungsspielraum, in dem sie ihre sozialen Netzwerke pflegen könnten, ist Rössel überzeugt.

Autor

Florian Niedermann

Florian Niedermann

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