Bux-App
Mit Max Frisch durch Zürich spazieren

Der digitale Stadtführer macht Literatur auf 11 Routen zu Fuss erlebbar.

Lina Giusto
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Die App "Bux" führt auf elf Touren durch das literarische Zürich. Wir haben uns mit "Heimat - Eine Hassliebe" auf Max Frischs Spuren begeben. Virtueller Tourguide ist der Zürcher Rapper Skor.
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Die Tour beginnt am Schauspielhaus, wo man sich auch von draussen wie eine Theaterbesucherin fühlen kann - dank Augmented-Reality-Elementen der App.
Beim Schauspielhaus gibt es nicht nur eine 360-Grad-Innenansicht des Saals zu sehen: Plötzlich erscheint da auch Max Frisch auf der Leinwand und hält eine Rede.
Was heisst "Heimat" für dich? Am Hirschengraben erwartet einen ein kleines Quiz.
Grossmünster. Das Geläut der Glocken hat auch in den Werken von Frisch einen grossen Wiederhall.
Auf der Münsterbrücke wurde Frisch von einem Passanten gefragt: "Sir, wo möchten Sie leben?" - Rapper Skor befragt deshalb heute Passanten nach ihrem "Heimatbegriff".
Mit der Bux App auf Max Frischs Spuren in Zürich
...während Skor eine Passage aus dem Tagebuch vorliest, die im Stadthaus spielt.
Um die unpolitische Jugend geht es beim Brunnen am Bürkliplatz.
Auf der Quaibrücke kann man dann ein Selfie mit ins Bild geflickter Max-Frisch-Pfeife machen.
Wer mag, soll hier eine Pause einlegen: In den Cafés Odeon und Terrasse habe sich Frisch häufig aufgehalten, weiss die App...
...ebenso wie in der Kronenhalle.
"Hier wo das Wasser um die Ufersteine spielt", hat Frisch gern sein Velo abgestellt und sich eine Zigarette erlaubt, schreibt er im Tagebuch 1946-49.
Zum Abschied rappt Tourguide Skor über Frischs "Montauk".

Die App "Bux" führt auf elf Touren durch das literarische Zürich. Wir haben uns mit "Heimat - Eine Hassliebe" auf Max Frischs Spuren begeben. Virtueller Tourguide ist der Zürcher Rapper Skor.

Sophie Rüesch

Die Bux-App ist ein digitaler Stadtführer, der auf 11 Routen dem Spaziergänger die Zürcher Literatur näherbringt. Die App wurde gestern von der Universität St. Gallen, der Zürcher Hochschule der Künste, von Zürich Tourismus und der Agentur Dreipol vorgestellt. Aus der Zusammenarbeit entstand ein innovatives Projekt an der Schnittstelle zwischen Forschung und Praxis.

Ein Spaziergang ist dem Schriftsteller Max Frisch gewidmet. Am Heimplatz begrüsst der Zürcher Rapper Skor den literarischen Fussgänger über die Bux-App. Das Thema dieser Route ist «Heimat – eine Hassliebe».

«Die Idee stammt von der Kulturgeografin Clarissa Höhener. Ziel der App ist, Literatur auf eine neue Art zu erleben. Dabei verschmelzen die analoge und digitale Welt miteinander», sagt Stephanie Grubenmann, Verantwortliche des Projektes Bux. Nach der Begrüssung führt Skor zur ersten Station – dem Schauspielhaus. Mit einem 360-Grad-Video kann der App-Nutzer sich das Gebäude von innen ansehen, während er draussen steht. Auf der Bühne des Theaters hat Max Frisch 1974 – anlässlich der Schiller-Preisverleihung – über das Thema Heimat referiert. «Eine Ehrung aus der Heimat, weckt vor allem die Frage, was eigentlich unter Heimat zu verstehen ist», fragt Frisch in der nun eingespielten Rede.

Durch die Geschichte reisen

Danach geht es zum Hirschengraben. Mittlerweile hat das Handy bereits über 30 Prozent des Akkus eingebüsst. Grubenmann sagt auf Anfrage: «Die App-Nutzung ist vergleichsweise energieintensiv. Vor allem wegen den 360-Grad-Videos.» Dennoch sollte ein halb voller Akku für den rund einstündigen Spaziergang ausreichen.

Eine Frauenstimme fordert den Spaziergänger dazu auf, kurz innezuhalten, und fragt: «Was bezeichnest du als Heimat?» Es folgt ein Quiz zum Thema. Der Fragebogen wurde aus Frischs Tagebüchern abgekupfert. Der Schriftsteller hat sich über Jahre hinweg intensiv mit eben solchen Fragen befasst. Die nächste Station ist das Grossmünster. Das Geläut aus den Türmen hallt auch in den Werken von Max Frisch wieder. Ein Video gibt Einblick in das Innenleben der Türme. Währenddessen liest Rapper Skor den passenden Auszug aus Frischs Tagebüchern vor.

Der Bildschirm wird schwarz. Der Akku ist leer. Für iPhones mit schwacher Batterie empfiehlt sich, vor Beginn des Spaziergangs auf den Energiespar- oder Flugmodus umzustellen. Android-Telefonierer sind derzeit noch vom Spaziergang ausgeschlossen. Laut Grubenmann ist diese geplant, jedoch deren Finanzierung noch nicht geregelt. Mit voll aufgeladenem Handy geht es weiter zur Münsterbrücke. Dort wurde Max Frisch einst von einem fremden Mann mit der Frage angesprochen: «Sir, wo möchten Sie denn leben?» Heute stellt Musiker Skor den Passanten diese Frage. Wie die Antworten zeigen, sind der Begriff und das Verständnis von Heimat vielfältig. Sie ist Geborgenheit, Sicherheit, Rückkehr, Weltoffenheit und Familie zugleich.

Beim Stadthaus wird der Spaziergänger dank der in der App integrierten Augmented-Reality-Funktionen auf eine Zeitreise mitgenommen. Ein 360-Grad-Bild zeigt das berühmte Gebäude vor 50 Jahren. Max Frisch selber erinnert sich in seinen Tagebüchern an die 1930er-Jahre in Zürich. Damals holte er im Stadthaus seinen Heimatschein und erhielt dabei zugleich und ungefragt einen amtlichen Arierausweis. Die Unterlagen benötigte er, weil er – eine Studentin aus Berlin, Jüdin – heiraten wollte. Es werden Parallelen zu seinem Werk «Homo Faber», das 1957 erschien, deutlich. Beim Stierbändiger Brunnen auf dem Bürkliplatz nimmt Max Frisch in einer Rede die unpolitische Schweizer Jugend in die Pflicht. Skor geht im anschliessenden Video sogar noch einen Schritt weiter und übt Weltkritik.

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Auf Kritik folgt Idylle. In der Mitte der Quaibrücke geniesst der Spaziergänger die Aussicht in Richtung des Sees oder aber flussabwärts zum Stadtzentrum hin. Ganz touristisch darf hier ein Schnappschuss nicht fehlen. Auch diese Funktion bietet die App – ein Selfie, das die Tabakpfeife von Max Frisch ins Bild schneidet. Wem die einzelnen Schritte in der App zu schnell gehen, der wischt einfach vom rechten oberen Bildrand über den Bildschirm nach unten, um zur vorherigen Passage des Spaziergangs zu gelangen. Audio- und Videospuren können mehrmals abgespielt werden.

Und auf Idylle folgt Genuss. Wie man in der App erfährt, hat sich der Schriftsteller gerne im Café Oden oder dem traditionellen Restaurant Kronenhalle am Bellevue verköstigen lassen. Im gegenüberliegenden Restaurant Terrasse habe er gar einen Grossteil seiner
Tagebücher geschrieben. Zeit für eine Pause.

Frisch gestärkt führt der Spaziergang über den Sechseläutenplatz zum Quai. Die Stimme von Max Frisch fragt dabei: «Und wie verhält es sich währenddessen mit der Heimatliebe?» Keine einfache Frage. Während der Blick über den Zürichsee schweift und die Gedanken im Takt der kleinen Wellen plätschern, beantwortet Musiker Skor die Frage für sich. Die Audiostimme fordert, noch einen Moment innezuhalten und den Ausblick auf den Zürichsee zu geniessen. Wohl an diesem Ort hat Max Frisch seine Gedanken darüber festgehalten, was das Glitzern des blauen Sees in ihm auslöste.

Das Ende des Spaziergangs ist der Beginn für eine der restlichen 10 Routen durch das literarische Zürich. Das soll aber noch nicht alles sein. Die Macher der Bux-App planen bereits Erweiterungen: «Es gibt zwei Richtungen, die App weiterzuentwickeln: Entweder man nimmt weitere Städte in die Liste auf oder aber ergänzt die Spaziergänge um Themen wie Architektur, Musik oder der Geschichte der Stadt. Die App lässt sich auch gut in den Schulunterricht einbauen», so Grubenmann.