Hochwasserschutz
Mit Entlastungsstollen Stadt Zürich vor Milliardenschäden schützen

Mit einem 130 Millionen Franken teuren Entlastungsstollen von der Sihl in den Zürichsee will der Zürcher Regierungsrat die Stadt Zürich vor Schäden in Milliardenhöhe schützen, die bei einem Extremhochwasser drohen. Er hat einen Variantenentscheid gefällt, wie er am Freitag vor den Medien bekanntgab.

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Das Wasser soll in Thalwil aus dem Stollen in den Zürichsee fliessen. Kosten des Projekts: rund 130 Millionen Franken.

Das Wasser soll in Thalwil aus dem Stollen in den Zürichsee fliessen. Kosten des Projekts: rund 130 Millionen Franken.

Keystone

Weiterprojektiert wird nun ein zwei Kilometer langer Stollen von Langnau am Albis nach Thalwil, der Hochwasserspitzen von der Sihl in den Zürichsee überleiten kann. Frühestens 2023 wird er fertiggestellt sein.

Projektleiter Matthias Oplatka rechnet damit, dass er alle 10 bis 15 Jahre zum Einsatz kommen wird. Er würde aber auch grosse Schäden durch ein Extremhochwasser, das nur alle 500 Jahre erwartet wird, verhindern.

2005 Zürcher Innenstadt beinahe überflutet

Auslöser des Jahrhundertprojekts "Hochwasserschutz an Sihl, Zürichsee und Limmat" war das Hochwasser im Sommer 2005. Die Stadt Zürich entging damals nur knapp grossen Hochwasserschäden.

"Purer Zufall" sei es gewesen, dass die Stadt verschont blieb, sagte Baudirektor Markus Kägi (SVP). Nur noch 3 Zentimeter hätten beim Durchfluss der Sihl unter dem Hauptbahnhof gefehlt. "Es ist nur eine Frage der Zeit, dass das nächste ganz grosse Hochwasser auch den Kanton Zürich heimsucht".

Wäre am 21. August 2005 das Niederschlagszentrum der damaligen Unwetter über dem Einzugsgebiet der Sihl gelegen, wäre es zu einer grossflächigen Überflutung der Zürcher Innenstadt und des Hauptbahnhofs gekommen, wie Computersimulationen zeigen.

Neue Erhebungen der kantonalen Gebäudeversicherungen haben laut Kägi gezeigt, dass das Schadenpotenzial noch grösser ist als bisher angenommen. Ein Jahrhunderthochwasser könnte im unteren Sihltal und in der Stadt Zürich Schäden von 6,7 Milliarden Franken anrichten.

Besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis

Die Planung zum langfristigen Hochwasserschutz führte zu zwei möglichen Konzepten. Fallengelassen wurde nun die Variante "Kombilösung Energie", die eine Hochwasserableitung aus dem Sihlsee in den oberen Zürichsee durch die Druckleitung des Etzel-Pumpspeicherkraftwerks der SBB vorsah.

Der Regierungsrat entschied sich für den Entlastungsstollen nach Thalwil, weil er das Kosten-Nutzen-Verhältnis als besser einschätzt. Für dieses Projekt spreche auch die hohe Zuverlässigkeit durch die Unabhängigkeit von Wettervorhersagen.

Zudem müsse mit geringeren ökologischen Auswirkungen gerechnet werden und der Kanton Zürich könne das Bauwerk unabhängig von anderen Planungen zügig realisieren. Die jährlichen Betriebskosten des Stollens sind laut Kägi "vergleichsweise gering".

Zürichseespiegel steigt um 5 Zentimeter

Der Einlauf des Entlastungsstollens bei Langnau am Albis würde unterhalb des riesigen Schwemmholzrechens liegen, der in diesem Jahr eingeweiht wurde. In den unteren Zürichsee fliessen würde das Wasser direkt neben der Abwasserreinigungsanlage in Thalwil.

Die Umleitung von extremen Sihl-Hochwasserspitzen in den Zürichsee würde laut Oplatka nur zu einem geringen zusätzlichen Anstieg des Seespiegels von rund fünf Zentimetern führen. Dieser könnte ausgeglichen werden durch die Erhöhung der Abflusskapazität der Limmat bei der Münster- und der Rathausbrücke in Zürich.

Entsprechende Anpassungen sind bereits in Planung. Erneuert werden soll auch das in die Jahre gekommene Platzspitzwehr, damit die Regulierung des Zürichsees verbessert werden kann.

Kantonsrat entscheidet frühestens 2020

Zur Projektierung des Entlastungsstollens Thalwil hatte der Regierungsrat 2015 4,65 Millionen Franken bewilligt. Für die Weiterprojektierung sprach er nun weitere 2,5 Millionen Franken. An den gesamten Projektierungskosten beteiligt sich der Bund voraussichtlich mit 35 bis 40 Prozent.

Den Kredit von rund 130 Millionen Franken für den Bau des Stollens wird der Kantonsrat laut Baudirektor Kägi im besten Fall 2020 genehmigen. Die Bauzeit beträgt etwa zweieinhalb Jahre.