Der fatalen Attacke ging ein Zwischenfall mit einem Vierjährigen voraus. Der Bub spielte in Zürich nahe der Hafenanlage Riesbach auf einer Wiese mit einer Rassel, als sich ihm der Beschuldigte näherte, das Instrument aus der Hand nahm und dem Kleinen eine geöffnete Bierdose in die Finger drückte. Ein heute 55-jähriger Chilene, das spätere Opfer, sah die Szene und intervenierte, worauf ihm der 62-jährige Mexikaner die Faust ins Gesicht schlug. Bevor sich der Geschädigte revanchieren konnte, gingen Dritte dazwischen und verhinderten eine Eskalation – vorerst.

Ein paar Stunden später, gegen 21 Uhr, als sich der Chilene auf dem Heimweg befand, folgte ihm der Mexikaner. Nahe einer Tramhaltestelle attackierte er ihn. Mit einem Holzstock schlug er ihm von hinten mehrfach auf den Rücken, und als sich dieser umdrehte, gegen Brust und Kopf.
Am schwersten verletzte er ihn mit einem Bambusstock, den er in der Nähe fand. Zwei, drei Mal stiess er damit in Richtung Kopf des Chilenen, davon einmal ins linke Auge. Trotz des stark blutenden Auges gelang es dem Opfer, einen Pfefferspray aus seinem Rucksack zu holen und mit Sprühstössen den Angreifer in die Flucht zu schlagen. Seit jenem Abend im August 2015 ist der Geschädigte auf dem linken Auge blind und traumatisiert.

Mit Gurt zur Wehr gesetzt

Sein Auge träne zudem stark, sagte sein Anwalt an der gestrigen Verhandlung vor dem Zürcher Obergericht. Er ging nach dem erstinstanzlichen Urteil in Berufung. Statt der 25 000 Franken, die ihm das Bezirksgericht Zürich als Genugtuung zugesprochen hatte, forderte er 60 000 Franken. Der Staatsanwalt seinerseits verlangte für die schwere Körperverletzung eine sechsjährige statt der vierjährigen Freiheitsstrafe.

Der Verteidiger des Mexikaners plädierte auf Freispruch. Sein Mandant sitzt seit 20 Monaten in Haft. Davor bestritt der Mexikaner als Küchengehilfe und später als Hauswart den bescheidenen Lebensunterhalt.

Mit durchgestrecktem Kreuz und erhobenen Hauptes betrat der kleingewachsene Mann den Saal. Obwohl seit 1992 in der Schweiz, liess er die Fragen des Richters übersetzen und führte seine Version des Tathergangs auf Spanisch aus. Darin bezeichnete er den Chilenen als Aggressor. Diesen habe er nur auf den vorherigen Streit ansprechen wollen. Dabei habe sein Gegenüber aggressiv reagiert. Als dieser darauf in die Hosentasche griff, habe er befürchtet, er zücke ein Stellmesser. Deshalb habe er seinen Gurt aus der Hose gezogen und sich zur Wehr gesetzt.

In der Folge sei der Chilene mit einem Pfefferspray auf ihn losgegangen. Benebelt und in Panik habe er schliesslich nach einem Gegenstand getastet, den besagten Bambusstock in die Finger bekommen und aus Notwehr in Richtung seines Angreifers gestossen.

«Widersprüche, Ausflüchte»

Die Richter konnten dieser Version nichts abgewinnen. Aus ihrer Sicht fühlte sich der Mexikaner nach dem Bierdosen-Streit gekränkt und wollte sich rächen. «Ihre Aussagen sind gespickt von Ungereimtheiten, Widersprüchen und Ausflüchten», sagte der Gerichtspräsident. Die Schilderungen des Geschädigten seien dagegen detailreich, in sich stimmig und einleuchtend.

Das Obergericht erhöhte die vorinstanzliche Freiheitsstrafe von vier Jahren auf fünf. Die Genugtuung setzte es neu auf 45 000 Franken fest. Die Schadenersatz-Höhe belässt es bei 2135 Franken.