Kunsthaus
Mit Ehrfurcht an die Restauration eines Hodler-Gemäldes

Die Herausforderung ist gross: Vor Viola Möckel, Restauratorin am Kunsthaus Zürich, liegt ein grossformatiges Bild, das von keinem Geringeren als Ferdinand Hodler 1902 gemalt worden ist. Hodler nannte das Bild «Die Wahrheit».

Alfred Borter
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5 Bilder
Mehrmonatige Restauration eines Hodler-Gemäldes in Angriff genommen

Heike Grasser

Das Bild zeigt eine als Lichtgestalt gemalte nackte Frau, umgeben von verhüllten Männergestalten, die sich von ihr abwenden. Das Bild hat einen Millionenwert; für die letzten drei bestbezahlten Hodler-Gemälde wurden bei Christie’s und Sotheby’s zwischen 5 und 10 Millionen Franken bezahlt.

Viola Möckel hat die Aufgabe, das Bild, das sich seit 1929 im Besitz des Kunsthauses befindet, sorgfältig zu restaurieren; es ist in einem schlechten Zustand und konnte, um es zu schonen, nicht ausgeliehen werden, sondern wurde nur im Kunsthaus selber gezeigt.

«Es ist immer eine Herausforderung»

Geht die Restauratorin mit einer besonderen Ehrfurcht an ihre Aufgabe heran? «Das ist jedes Mal der Fall», entgegnet sie, es sei immer eine Herausforderung, einem Gemälde sein ursprüngliches Aussehen zurückzugeben.

Hier geht es darum, zunächst einmal zu analysieren, welches Bindemittel Hodler in seinen Ölfarben verwendet hat. Die chemische Analyse erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft. Die Hauptarbeit besteht dann darin, die Farbe, die zum Teil splittrig geworden ist und abpudert, wieder mit dem Untergrund zu verbinden. Hodler hat darauf verzichtet, eine Grundierung aufzubringen, was dazu geführt hat, dass das Bindemittel der Farbe zum Teil von der Leinwand aufgesaugt worden ist. Welches Festigungsmittel sich für die Reparaturarbeit am besten eignet, muss man noch herausfinden.

Zuerst die Analyse

Viola Möckel ist im Augenblick daran, das Gesicht der «Wahrheit» mithilfe eines Stereomikroskops Punkt für Punkt anzuschauen, später folgen die anderen Teile des Werks, mit dem Ziel, auf der Analyse aufbauend das weitere Vorgehen festzulegen.

Das Bild ist auch von Staub und anderen Verschmutzungen zu reinigen, zudem wird versucht, die Stellen, wo die Farbe bereits abgebröckelt ist, zu retouchieren und Korrekturen an älteren, nicht stimmigen Retuschen und Übermalungen vorzunehmen.

Die Arbeit steht unter der Verantwortung des Chefrestaurators des Kunsthauses, Hanspeter Marty. Er ist froh, dass er die Möglichkeit hat, Viola Möckel vollzeitlich für die Restaurierung des Hodler-Gemäldes einzusetzen. «Ich hätte dessen Restaurierung schon längst an die Hand nehmen wollen», sagt er, handle es sich doch um ein wichtiges Werk Hodlers, doch seine Restauratoren könnten sich in der Regel kaum die Zeit nehmen, sich fast ein Jahr lang um ein einziges Objekt zu kümmern.

Fünfjähriges Studium

Viola Möckel hat sich während ihres fünfjährigen Studiums in Dresden an der Hochschule für Bildende Künste zur Restauratorin ausbilden lassen und nachher für verschiedene Museen gearbeitet. Faszinierend in ihrem Beruf sei die Vielfalt, erklärt sie. Man brauche viel theoretisches Wissen, könne aber auch handwerklich arbeiten und sehe das Resultat der Arbeit. «Es ist auch spannend, herauszufinden, wie ein Maler bei seinem Werk vorgegangen ist», sagt sie.

Im Jahr 1903 hat Hodler das Su-
jet nochmals aufgenommen; diese «Wahrheit» hat er für eine Ausstellung in Wien geschaffen. Immerhin hat er auch die Version von 1902 signiert und damit zum Ausdruck gebracht, dass er das Bild nicht einfach als Studie betrachtet hat. Inwieweit dieses Werk als direkte Vorlage für das Bild von 1903 gedient hat, gilt es noch herauszufinden.

Spannender Vergleich

Dieses zweite Werk befindet sich ebenfalls im Kunsthaus, und zwar als Dauerleihgabe der Stadt Zürich, die es besitzt. Dieses Bild ist gut erhalten, Hodler hat sich hier an die bekannten Maltechniken gehalten und weniger experimentiert, wie Hanspeter Marty anmerkt. Es werde spannend sein, beide Versionen nebeneinander auszustellen, was geplant ist vom 15. Januar bis 17. März 2013. Dann werde man feststellen können, wie unkonventionell Hodler bei der ersten Fassung vorgegangen sei: «Es ist abstrakter gemalt mit matteren Farben.»

Die Figur der Wahrheit trete hier viel direkter dem Betrachter entgegen als in der zweiten Version. Ausserdem werde man den Betrachtern natürlich auch einige Skizzen zeigen, das Kunsthaus verfüge ja über nicht weniger als 1500 Zeichnungen aus Hodlers Nachlass. Er jedenfalls freue sich auf diese Ausstellung sehr.