Die Tafeln sind nicht zu übersehen: «Tramführer gesucht» heisst es derzeit gross an den Haltestellen der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ). «Wir brauchen neue Mitarbeitende», erklärt Personalchef Jörg Buckmann. Nur: Willkommen ist bei den VBZ längst nicht jeder. Insbesondere stark übergewichtige Personen haben keine Chance im Rennen um einen Platz im Führerstand. Wer ein bestimmtes Gewicht überschreitet, werde bei der Jobvergabe nicht berücksichtigt, bestätigt Buckmann.

Bei den Personalverbänden sorgt das seit Jahren für Unmut. Sie richtet sich aber laut VBZ nach den Vorgaben des Bundes. Tatsächlich hat das Bundesamt für Verkehr (BAV) 2008 eine Richtlinie erlassen, wonach Chauffeure mit einem Body Mass Index (BMI) über 35 aus medizinischen Gründen nicht eingestellt werden dürfen. Der BMI ist eine verbreitete Grösse zur Bestimmung des Idealgewichts (siehe Kasten). «Ein so hoher Wert ist sehr oft mit Tagesschläfrigkeit verbunden», sagt BAV-Sprecherin Florence Pictet.

Grenzwert zusätzlich gesenkt

Doch die VBZ gehen noch einen Schritt weiter. Sie haben den Grenzwert für Neuanstellungen in Eigenregie zusätzlich gesenkt – von BMI 35 auf 30. Das entspricht einer Gewichtsdifferenz von rund 15 Kilogramm. Der Bund lässt die VBZ gewähren, weil die Anpassung «nicht unverhältnismässig» sei, wie Sprecherin Pictet sagt.

Personalchef Buckmann bezeichnet den tieferen Wert als Vorsichtsmassnahme. Denn: «Die Erfahrung zeigt, dass viele, die bei uns einsteigen, in den ersten Monaten zunehmen, weil sie sich den Schichtbetrieb mit den unregelmässigen Essenszeiten nicht gewohnt sind.» Man wolle keine Anfänger, die schon zu Beginn am BMI-Limit von 35 seien. Buckmann räumt zwar ein, dass die befürchtete Zunahme nicht bei allen eintreffen müsse und ein Bewerber mit Anfangs-BMI 30 auch Jahre später noch im grünen Bereich sein könne. «Wir gehen aber lieber das Risiko ein, dass uns aufgrund der Gewichtsgrenze ein tauglicher Bewerber durch die Lappen geht, als dass er später gesundheitliche Probleme bekommt, die ihm und uns schaden.»

Schon im ersten Bewerbungsformular müssen Job-Anwärter Grösse und Gewicht eintragen. Bringt beispielsweise eine 175 Zentimeter grosse Person mehr als 90 Kilo auf die Waage, erhält sie eine Absage – unabhängig von ihren Qualifikationen. Jährlich besetzen die VBZ zwischen 50 und 70 Chauffeurstellen. Wie viele Bewerber wegen des zu hohen BMI ausscheiden, kann der Personalchef nicht sagen. Eine Statistik gibt es nicht. «Wo das Gewicht der Grund für eine Absage ist, machen wir das aber transparent. Wir wollen fair sein», so Buckmann.

«Das ist Diskriminierung»

Diese Handhabe sei sehr heikel, findet Ernst Danner. Der Jurist und Ex-EVP-Gemeinderat war während zehn Jahren Chef der Personalrechtsabteilung beim Kanton. Laut Danner müsste der Arbeitgeber medizinisch hieb- und stichfest begründen können, warum er einen übergewichtigen Bewerber ablehnt. Als reine Vorsichtsmassnahme sei die Praxis der VBZ fragwürdig.

Noch weiter geht Adrian von Kaenel, Spezialist für Arbeits- und Personalrecht einer Wetziker Anwaltskanzlei. Die VBZ verstiessen gegen das allgemeine Diskriminierungsverbot, das in der Bundesverfassung verankert ist, sagt er. Auch im Zürcher Personalrecht heisst es, die Stadt müsse ihr Personal vor Diskriminierung aufgrund von Persönlichkeitsmerkmalen schützen. «Eine Abweisung des Gewichts wegen ist nur dann zulässig, wenn der Betrieb nachweisen kann, dass der Bewerber aufgrund der Körperfülle nicht arbeitstauglich ist», so von Kaenel.

Das ist bei den VBZ aber nicht der Fall, zumal der negative Entscheid lediglich aufgrund einer Zahl gefällt wird. «Eine Person mit BMI 30 kann durchaus fit sein, sofern sie einen gesunden Lebensstil hat und körperlich und geistig aktiv ist», sagt Kaspar Berneis, Leitender Arzt für Klinische Ernährung am Universitätsspital Zürich. Um zu entscheiden, ob jemand als Zugführer oder Buschauffeur tauge, müsse man «eine sachgemässe, professionelle Beurteilung durchführen». Da eine solche nicht stattfinde, sei die Limite von BMI 30 rechtlich nicht haltbar, sagt Jurist von Kaenel. Bewerber, die aus Gewichtsgründen abgewiesen würden, hätten Chancen, ihr Recht auf Aufnahme ins Bewerbungsverfahren einzuklagen. Das habe bis jetzt niemand versucht, sagt Duri Beer, von der Gewerkschaft VPOD. Darum sei die Rechtslage auch noch unklar.

Der zuständige Stadtrat Andres Türler (FDP) will sich zum Gewichtsknatsch nicht äussern. Er sei kein Personalrechtsexperte, die VBZ regle solche Fragen eigenständig, sagt er. Für VPOD-Mann Beer ist die Sache klar: «Mein Bauchgefühl sagt: Das ist Diskriminierung.» Gewissheit könne aber nur ein Gerichtsentscheid bringen. Bis dahin heisst es weiter: «Tramführer gesucht» – aber nur die schlanken.