Zürcher Start-up

Mit dieser App werden Ohrhörer zum Hörgerät

Über eine App kann die Hörverstärkung über die kabellosen Kopfhörer individuell eingestellt werden.

Über eine App kann die Hörverstärkung über die kabellosen Kopfhörer individuell eingestellt werden.

Eine App verleiht Menschen mit Hörverlust eine bessere Geräuschwahrnehmung – benötigt werden dafür lediglich kabellose Kopfhörer.

Sie verwandelt kabellose Kopfhörer der Firma Apple in ein Hörgerät. Die vom Zürcher Start-up Fennex entwickelte App führt mit dem Nutzer zuerst einen dreiminütigen Hörtest durch. Anhand der Ergebnisse stellt die App die Hörverstärkung dann individuell ein. Die für kabellose Apple-Kopfhörer entwickelte Software kann derzeit kostenlos im App-Store heruntergeladen werden. Für Android-Geräte ist Fennex nicht erhältlich. Wie Firmengründer Alessandro Mari sagt, werde die Android-Software von einer Vielzahl von Herstellern verwendet, was für die Fennex-App laufende Anpassungen bedeuten würde. Zum anderen würde die Audio-Verarbeitung bei Apple-Geräten gut funktionieren.

Die im Mai lancierte iPhone-Hörhilfe befindet sich laut Mari aber noch am Anfang. Er bezeichnet es deshalb auch als «billiges Hörgerät». Dies weil sich die App derzeit nur für Menschen mit leichtem oder moderatem Hörverlust eignet. Solche Hörschwierigkeiten äussern sich darin, dass man bei starken Umgebungsgeräuschen Mühe hat, einem Gespräch zu folgen.
Damit richtet sich die App mehrheitlich an Nutzer, die situativ besser hören wollen. Die Zielgruppe der Hörgerät-App bewegt sich im Alter zwischen 40 und 45 Jahren. «Fennex soll professionelle Hörgeräte nicht ersetzen, sondern eine innovative Zusatzlösung für Menschen sein, die eine leicht Höreinschränkung haben», so Mari.

Dass die App in lauten Umgebungen oder während Vorträgen gerne genutzt wird, belegen laut dem Jungunternehmen die Downloadzahlen. Innerhalb von drei Monaten ist sie über 30 000 Mal heruntergeladen worden. Im Schnitt wird sie weltweit alle 4,6 Minuten verwendet. Dreiviertel der Nutzer stammen aus den Vereinigten Staaten, etwa zehn Prozent aus Grossbritannien. Lediglich 500 Mal wurde die App in der Schweiz heruntergeladen. «Wir hoffen, dass sich das ändert, sobald wir die App auf Deutsch herausbringen», so der Fennex-Chef.

Auch die Investoren scheinen an den Erfolg der Firma aus Stäfa zu glauben. Erst vor wenigen Wochen bekam die Firma in einer zweiten Finanzierungsrunde eine halbe Million Franken gesprochen. Der grösste Investor stammt laut Mari aus der Schweiz und will ungenannt bleiben.

Noch in den Kinderschuhen

Kostenpflichtige Zusatzfunktionen, die unerwünschte Geräusche oder Feedbackeffekte ausfiltern, befinden sich derzeit in Planung, so Mari. Zudem soll die App auch für die Apple-Uhr programmiert werden.

Derzeit kämpft die App noch mit einer Hörverzögerung von rund 0,1 Sekunden. Was minimal erscheint, ist für den Verarbeitungsprozess des Gehörten jedoch immens wichtig. In Maris Worten: «Das Zuhören funktioniert, einem lebhaften Gespräch zu folgen, wäre jedoch schwierig.» Die Verzögerung entsteht, weil die Geräuschaufnahmen zur Verstärkung zuerst ans Smartphone geschickt werden, bevor sie nach der Verarbeitung in die Ohrhörer gelangen.

Fennex als Firma betritt mit der Verstärkung von Gehörtem in Kombination mit kabellosen Kopfhörern ein neues Terrain. Zwar haben Hörgerätehersteller wie Siemens Signia, Phonak, Resound oder Amplifon das Smartphone ebenfalls entdeckt. Ihre Hörgeräte lassen sich über Handys einstellen und bedienen, kosten aber zum Teil mehrere tausend Franken. Dagegen ist das Hörgerät mit kabellosen Kopfhörern und einem Smartphone deutlich billiger. Dass diese eine vergleichbare Qualität zu individuell angepassten Hörgeräten bieten können, glaubt Christian Rutishauser, Präsident des Verbandes Hörakustik Schweiz, aber nicht: «Die Situation ist vergleichbar mit der Brille als Lesehilfe aus dem Supermarkt und jener, die vom Optiker präzis auf den Betroffenen zugeschnitten ist.»

Eigene Ohrhörer produzieren – wie dies die Entwickler der Apps Here One und Pretralex in Amerika bereits tun – will die Zürcher Firma nicht. Mari sagt: «Unser Fokus liegt auf der kabellosen Verbindung.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1