Schlieremer Start-up
Mit diesem Melkschemel sitzt man überall gut - Ohne Schnickschnack und elektronische Bauteile

Erfindung des Start-ups Noonee stösst in der Automobilbranche auf Interesse.

Thomas Mathis
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CEO Keith Gunura präsentiert den modernen Melkschemel ...

CEO Keith Gunura präsentiert den modernen Melkschemel ...

Alex Spichale

Mit dem tragbaren Hilfsmittel des Schlieremer Unternehmens Noonee AG hat man die Sitzgelegenheit immer bei sich. Der portable Stuhl lässt sich wie ein Rucksack anziehen. Die beiden künstlichen Plastikbeine, die an den Trägern hängen, werden am Oberschenkel und an den Füssen fixiert und schon ist das Gerät einsatzbereit. Wer sich setzen möchte, geht in die Knie, bis sich die künstlichen Kniegelenke nicht weiter biegen lassen. Es fühlt sich an, als sässe man auf einem gewöhnlichen Stuhl. Auch die Höhe lässt sich wie bei einem Bürostuhl über einen Hebel einstellen. Auf Schnickschnack und elektronische Bauteile wurde verzichtet.

... ein von ihm entwickeltes Produkt.    

... ein von ihm entwickeltes Produkt.    

Alex Spichale

«Rund 100 solche Geräte sind derzeit im Einsatz», sagt CEO Keith Gunura anlässlich eines Gesprächs. Er ist soeben von der Hannover Messe zurückgekommen, einer weltweit bekannten Ausstellung für Industrie und Technik. Dort war sein Start-up als eines von fünf Unternehmen für den prestigeträchtigen Hermes Award nominiert. Das ist der jüngste Erfolg des Start-ups, das Gunura zusammen mit Olga Motovilova 2014 gegründet hat. «Wir haben Innovationsverantwortliche von grossen Unternehmen angeschrieben, um ihnen unsere Idee zu präsentieren», erzählt Gunura. Bei den Autoherstellern BMW und Audi wurden sie fündig.

In einem Monat zum Prototyp

«Als sich BMW telefonisch meldete, hatten wir noch keinen Prototyp», sagt der CEO. Innerhalb eines Monats hätten sie eine erste Version des Geräts entwickelt, die am Abend vor der Präsentation bei BMW funktionstüchtig war. An der Demonstration hatten die Jungunternehmer dann aber mit dem Vorführeffekt zu kämpfen. «Es ist erstaunlich, dass wir trotz der Panne ins Geschäft gekommen sind», sagt Gunura.

Heute gehören zahlreiche Grosskonzerne, die in der Automobil- und Elektroindustrie sowie in der Logistik tätig sind, zu den Kunden des vierköpfigen Unternehmens. Die Eigenentwicklung mit dem Namen Chairless Chair (stuhlloser Stuhl) wird hauptsächlich an Produktionslinien eingesetzt, wo Mitarbeiter gebückt oder stehend arbeiten müssen und keinen Stuhl zur Hand haben. In der Schweiz setzt bisher noch keine Firma das Produkt ein. «Wir haben aber einige interessierte Unternehmen», sagt Gunura, der in Simbabwe aufgewachsen ist. In Deutschland, China oder Brasilien hingegen stehen schon Geräte im Einsatz.

«Wir wurden belächelt»

Als Gunura 2012 im Kontext seiner Anstellung im Bereich Robotik an der ETH Zürich mit der Entwicklung des tragbaren Geräts startete, waren noch keine vergleichbaren Produkte auf dem Markt. Nur im Bereich der Rehabilitationstechnik gab es ähnliche Ansätze. Dieser Markt biete aber nicht genügend Wachstumspotenzial. «Wir haben deshalb auf die Industrie gesetzt und wurden dafür belächelt», sagt er. Später nahmen andere Unternehmen ihre Idee auf. «Im Vergleich zu Konkurrenzprodukten bieten unsere Geräte mehr Komfort», sagt Gunura.

Für den geschäftlichen Teil des Start-ups ist die Russin Olga Motovilova zuständig. Sie hat Wirtschaft studiert und erarbeitete 2014 den Geschäftsplan. Finanziert wird das Start-up hauptsächlich von Investoren. Durch die frühen Industriepartnerschaften mit BMW und Audi konnten die Jungunternehmer diese für sich gewinnen. Für die Teilnahme an der Hannover Messe haben der Nationalfonds und die Kommission für Technologie und Innovation Unterstützung geboten.

Nach dem Abschluss der Entwicklungsphase geht das Produkt nun in die Massenproduktion. Zwischen Computern und Flipcharts liegen in Kisten abgepackt bereits 250 Exemplare im Büro bereit. Für die Zukunft sieht Gunura viel Potenzial. «Ergonomie am Arbeitsplatz liegt im Trend, unter anderem wegen der Vorgaben der Europäischen Union», sagt er. Denkbar wäre auch, mit dem Gerät Daten für die Prozessoptimierung oder die Arbeitsgesundheit zu erheben. Vorerst möchte er sich aber ganz auf den Verkauf konzentrieren.