Zürich

Mit der offenen Drogenszene verschwand auch die Solidarität für Betroffene

Seit den 90er Jahren nimmt die Solidarität für Betroffene ab.

Seit den 90er Jahren nimmt die Solidarität für Betroffene ab.

Vor 25 Jahren verschwand die offene Zürcher Drogenszene und damit das Bewusstsein für die Suchtpolitik, kritisiert die Arud. Zum Jubiläum macht die Organisation nun Lösungsvorschläge im Umgang mit Sucht.

Heute vor 25 Jahren schloss sich eine handvoll Ärzte zu einer weltweiten Pionierorganisation zusammen. Sie gründeten die Arbeitsgemeinschaft für einen risikoarmen Umgang mit Drogen. Heute heissen sie Arud Zentren für Suchtmedizin. Auslöser war der weltweit bekannte «Needle Park» – die offene Zürcher Drogenszene auf dem Platzspitz. Das Zentrum führte nach der Schliessung des Zürcher Parks die methadon- und heroingestützte Behandlung für Heroinabhängige ein – 1992 ein Novum in der Schweiz.


Ein Vierteljahrhundert später ist aber die Suchtarbeit keineswegs dort wo sie sein sollte. Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie und Mitglied der Arud-Geschäftsleitung, wird in der Jubiläums-Mitteilung wie folgt zitiert: «Es muss wieder Bewegung in die Schweizer Suchtpolitik kommen.» Durch das Verschwinden der offenen Drogenszene sei das öffentliche Strassenbild weniger konfrontativ geworden.

Die Süchte mit ihren Folgen seien entsprechend aus dem Sorgenbarometer der Bevölkerung verschwunden, sagt Philip Bruggmann, Chefarzt Innere Medizin und Mitglied der Arud-Geschäftsleitung, auf Anfrage. «Man hat die Haltung dass jeder selber verantwortlich ist und für sich schauen muss.» Die Arud möchte denn auch ein ganzheitliches Bild vom Thema Sucht vermitteln.


Pionierarbeit weiterführen


Konkret kritisiert die Organisation die «besorgniserregende Hepatitisversorgung im Kanton Zürich». Die Bevölkerung, die Behörden, aber auch die Ärzte wüssten zu wenig über Hepatitis C. «Erhebungen zeigen, dass weniger als die Hälfte der Betroffenen von Hepatitis C überhaupt getestet, respektive einen Zugang zu einer Therapie bekommen», sagt Bruggmann.

Dabei handelt es sich um die häufigste chronische Erkrankung bei Drogenkonsumenten. Und sie führt in der Schweiz fünf Mal häufiger zum Tod als HIV. Deshalb fordert Bruggmann: «Was wir brauchen ist eine Kampagne der öffentlichen Hand.»

Von politischer Seite – namentlich den kantonalen Sparmassnahmen – steige der Druck auf die Hilfseinrichtungen und das Solidaritätsprinzip im Gesundheitswesen. Auch deshalb fordert die Arud weniger Verbote. Als Vorbild nennen die Zentren für Suchtmedizin beispielsweise die Länder Uruguay, Portugal und die US-Bundesstaaten wie Washington und Colorado.

Alle diese Länder haben in den vergangenen Jahren den Konsum, den Besitz, die Produktion und den Handel von Cannabis liberalisiert. Die Arud fordert entsprechend eine adäquate Regulierung aller Substanzen, sowie eine verstärkte Qualitäts- und Informationskontrolle. Und das versuchen sie mit den neu formulierten zwölf Leitgedanken voranzutreiben. Deshalb soll die einst wegweisende Viersäulenpolitik des Bundes – Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression – weiterentwickelt werden. Für Bruggmann ist klar: «Es braucht wieder mehr Anerkennung für Suchtkrankheiten.»


Mehr noch als Aufklärung bildet die Arud seit Jahren Fachleute, Arbeitgebende und Interessierte zum Thema Sucht weiter. Derweil haben sie auch eine kostenlose Konsumtagebuch-App lanciert. Diese wird im Rahmen von Therapien eingesetzt und hilft den Betroffenen einen Überblick über den täglichen Konsum zu erlangen und wird zudem für die Formulierung von Therapiezielen genutzt. Die App ist aber auch an all jene Personen gerichtet, die sich für eine bewusste Einschätzung ihres Konsumverhaltens – sei dies im Umgang mit Alkohol oder der Zeit vor dem Computer – interessieren.

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