Endlager-Entscheid
Mit der Idylle ist es im Zürcher Weinland vorbei

Regierungsrat Markus Kägi ärgert sich und lässt die Nagra-Unterlagen von Fachleuten analysieren.

Markus Brupbacher
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Die Gemeinde Rheinau mit ihrem malerischen Kloster ist vom Nagra-Entscheid direkt betroffen. Das «Tor zum Endlager» würde unmittelbar neben der Hauptstrasse nach Marthalen gebaut. Keystone

Die Gemeinde Rheinau mit ihrem malerischen Kloster ist vom Nagra-Entscheid direkt betroffen. Das «Tor zum Endlager» würde unmittelbar neben der Hauptstrasse nach Marthalen gebaut. Keystone

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Das Zürcher Weinland ist eine idyllische Gegend. Ruhe liegt für gewöhnlich über der Landschaft. Doch seit gestern schallt der Ruf des Widerstands durch die Rebberge.

Zum Beispiel in Marthalen, der am stärksten vom Nagra-Vorschlag betroffenen Gemeinde. Weil dort das oberirdische «Tor zum Endlager» gebaut würde. Der Gemeinderat ist über die «schnelle Einengung auf nur noch zwei Regionen erstaunt», wie er in einer Mitteilung schreibt. Dieses Vorgehen lasse den Eindruck aufkommen, dass für die weiteren Schritte der finanziell günstigste Weg gesucht werde. Der Gemeinderat erwartet hingegen, dass die vertieften Untersuchungen im Weinland und im Bözberg «seriös und absolut gleichwertig» durchgeführt werden. Um die bestmögliche Vergleichbarkeit zwischen den beiden Regionen sicherzustellen, prüft der Marthaler Gemeinderat sogar die Einsitznahme in den bestehenden Gremien in der Endlager-Region Bözberg.

Die ebenfalls direkt betroffene Gemeinde Rheinau wird in den kommenden Wochen Stellung beziehen, wie sie in einer Mitteilung schreibt. Das «Tor zum Endlager» würde unmittelbar neben der Hauptstrasse Marthalen–Rheinau gebaut. Und auch der Winterthurer Stadtrat verlangt, «endlich in den Entscheidungsprozess miteinbezogen zu werden».

Kritik an der Nagra übt schliesslich der Zürcher Regierungsrat. Er hält es «für verfrüht», dass bereits in der jetzigen Phase der Standortsuche nur noch zwei Regionen verbleiben. Laut den Vorgaben des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) dürfe ein Standortgebiet nur dann ausgeschlossen werden, wenn sicher sei, dass es gegenüber den anderen Gebieten eindeutige Nachteile aufweist. Die Analyse der Nagra-Unterlagen vermittle jedoch nicht den Eindruck, dass die sechs Standortgebiete transparent und nachvollziehbar bewertet worden seien.

Regierungsrat Markus Kägi hat deshalb Fachleute damit beauftragt, die umfangreichen Unterlagen zu studieren. Noch in diesem Jahr soll ein Bericht Auskunft geben, «ob die frühe Eingrenzung auf nur noch zwei Standortgebiete gerechtfertigt ist». In seiner Medienmitteilung hält der Regierungsrat fest, dass das Endlager zwar am sichersten Ort in der Schweiz gebaut werden müsse – er es auf Kantonsgebiet aber «nach wie vor ablehnt».

«Das noch zulässige Mass»

Zum Nagra-Vorschlag geäussert hat sich schliesslich auch Martin Kistler, Landrat des Landkreises Waldshut. Er sei überrascht, dass die Nagra die Endlagersuche «auf das gerade noch zulässige Mass eingeengt» habe. Erleichtert ist er hingegen, dass die grenznahe Endlager-Region Nördlich Lägern (Zürcher Unterland) zurückgestellt worden ist. Klar sei nun aber, dass sämtliche radioaktive Abfälle grenznah entsorgt werden sollen. Der deutsche Nachbar wird deshalb die Gründe, weshalb die grenzfernen Standorte ausgeschieden sind, «sehr genau prüfen».