Staatsbesuch 

Mit dem Car von Rikon an die Demo in Bern

Zwei Demonstrationen fanden anlässlich des chinesischen Staatsbesuchs statt. Nur eine davon war bewilligt.

Zwei Demonstrationen fanden anlässlich des chinesischen Staatsbesuchs statt. Nur eine davon war bewilligt.

Rinzin Lang ist aktiv in einer tibetischen Gemeinschaft und erzählt, wie er den Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping in Bern erlebt hat.

Herr Lang, Sie haben am Sonntag in Bern demonstriert. Wie haben Sie den Tag in Erinnerung?

Rinzin Lang: Meine Frau und ich sind zusammen mit anderen Demonstranten in einem Car nach Bern gefahren. Der Bus ist in der Tibeter-Siedlung in Rikon gestartet, wir sind in Winterthur zugestiegen. Kurz nach dem Gubrist-Tunnel haben alle angefangen, zu beten, und erst wieder aufgehört, als wir kurz vor Bern waren.

Als wir kurz vor zehn Uhr angekommen sind, war der Waisenhausplatz schon abgesperrt und voll mit Leuten. Mit Tibeterfahnen und Free-Tibet-Transparenten ausgerüstet haben wir dann unsere Parolen geschrien: ‹Lang lebe der Dalai Lama› oder ‹Menschenrechte in Tibet›. Am Mittag war Schluss und es wurde nochmals gebetet. Die Veranstaltung verlief sehr friedlich.

Während der Demonstration kam es zu einem Zwischenfall: Ein junger Tibeter hat versucht, sich selbst anzuzünden.

Ich habe davon gehört, es aber nicht selber gesehen. Eigentlich sollte man so etwas als gläubiger Buddhist nicht machen, aber es zeigt, wie gross die Verzweiflung ist. Als 2009 Tibeter zum ersten Mal zu solchen Mitteln griffen, war die mediale Aufmerksamkeit noch gross. Inzwischen ist das aber abgeflacht.

Rinzin Lang

Rinzin Lang

Nach der offiziellen Demonstration protestierten einige Aktivistinnen und Aktivisten ohne Bewilligung auf dem Bärenplatz. Was halten Sie von dieser Nachdemo?

Ich habe vorher nichts davon gewusst und finde es auch nicht gut. Auf diese Art gewinnt man keine Sympathie. Aber ich bin auch schon 60 Jahre alt, die meisten Aktivisten sind natürlich jünger. Ich gebe es nicht gerne zu, aber die Jungen sind radikaler. Insbesondere diejenigen, die gerade aus Tibet geflüchtet sind. Ich bin als Pflegekind in einer Schweizer Familie aufgewachsen und sehe das Ganze deshalb mit ganz anderen Augen.

Wie sehen Sie es denn?

Erstens sollte China die Menschenrechte respektieren. Und zweitens fordern wir einen Dialog. Der Dalai Lama hat schon 1985 gesagt, dass man den Chinesen die Aussenpolitik und die Verteidigung überlassen könne, in allen anderen Bereichen sollte Tibet aber selbständig sein. Und auch China hat beim Einmarsch zugesichert, dass man über Autonomie diskutieren könne. Allerdings haben wir seither nie mehr etwas davon gehört.

Die Schweiz hat ein Freihandelsabkommen mit China abgeschlossen. Was bedeutet das für die Tibeter?

Das ist für mich ein zweischneidiges Schwert. Ich bin hier aufgewachsen und gönne der Schweiz gute wirtschaftliche Beziehungen. Allerdings könnte man die Menschenrechtssituation schon auch deutlicher anprangern.

Die bewilligte Kundgebung war zu Ende, bevor Xi Jinping beim Bundeshaus ankam. Wie soll das offizielle China ihren Appell überhaupt vernehmen?

Dass die Bewilligung nur bis zwölf Uhr galt, war eine bittere Pille. Es gilt zwar die Meinungsfreiheit, aber nur zu Randzeiten und einem Randort. Trotzdem sind wir sicher, dass die verlängerten Ohren der Kommunistischen Partei uns hören. Schliesslich haben wir während der Demo auch den einen oder anderen Mitarbeiter der chinesischen Botschaft gesehen. Interview: Manuel Frick

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