Zürich
Mit 4,19 Promille im Blut in die Ausnüchterungszelle

Mit der Ausnüchterungsstelle in der städtischen Polizeihauptwache Urania haben an den ersten 28 Wochenenden 366 Personen Bekanntschaft gemacht. Die am stärksten alkoholisierte Person wies im Blut einen Alkoholgehalt von 4,19 Promille auf.

Alfred Borter
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Ausnüchterungszelle

Ausnüchterungszelle

Limmattaler Zeitung

Die Ausnüchterungsstelle entspricht einem Bedürfnis. Dieses Fazit zog Projektleiter Beat A.Käch vom Polizeidepartement nach dem ersten halben Betriebsjahr. 316 Männer und 50 Frauen sind an den bisher 28Wochenenden von der Polizei eingeliefert worden. Der jüngste Klient war gerade mal 15Jahre alt, der älteste 69. Die höchste gemessene Promillezahl liegt bei 4,19; wie viele Klienten auch unter Drogeneinfluss standen, wurde nicht erhoben.

42 Prozent stammen aus Zürich selber, 31 Prozent aus dem übrigen Kantonsgebiet, 18 Prozent aus anderen Kantonen und 9 Prozent haben ihren Wohnsitz im Ausland oder sie verfügen über keinen festen Wohnsitz.

Keine Jagd

Wie Käch betonte, waren die anfänglich herumgebotenen Befürchtungen, die Polizei mache nun in den Trendquartieren Jagd auf Alkoholsünder, völlig aus der Luft gegriffen. Wer friedlich sein Bierchen konsumiere, riskiere nichts; mitgenommen würden bloss schwer berauschte Leute, die randalierten und sich oder andere gefährdeten. In 70 Prozent der Fälle werde die Polizei von Drittpersonen gerufen, etwa wenn jemand stockbetrunken auf der Strasse liege.

Handschellen obligatorisch

Die aber werden in Gewahrsam genommen, und das heisst: mit Handschellen gefesselt, damit sie weder den Polizisten noch sich selbst Gewalt antun können. Das Aggressionspotenzial sei nämlich zum Teil ganz erheblich, und es komme immer wieder vor, dass die Beamten auch angespuckt würden, einmal wurde eine Beamtin gebissen.

Die Einrichtung in den Zellen sei zwar an sich vandalensicher. Man habe ihm versichert, die WC-Schüsseln könnten auch von drei Kranzschwingern nicht aus der Verankerung gerissen werden, und doch sei genau das einem eher schmächtigen Mann gelungen. Er habe sie gegen die Panzerglasverschalung geworfen, und diese sei so stark beschädigt worden, dass man die Hand habe durch die Scheibe hindurchstrecken können.

Insgesamt stehen 12 Zellen zur Verfügung. Eine davon ist die Pink-Zelle – in einer Farbe angestrichen, welche beruhigend wirken soll. Aufgrund der Eingangskontrolle wurden 22Personen in ein Spital gebracht, weil sie offensichtlich an Wunden oder anderen medizinischen Problemen litten.

Die übrigen wurden so lange zurückbehalten und auch medizinisch versorgt, bis man sie wieder guten Gewissens entlassen konnte. Nüchtern mussten sie nicht sein, aber wenigstens auf den eigenen Beinen stehen können. Am meisten zu tun gab es am Wochenende des «Züri-Fäschts», als man 25Eintritte zählte. Im Minimum gab es 4Einweisungen. Durchschnittlich waren es 13.

Hohe Kosten

Die Verursacher haben ansehnliche Kosten zu tragen: Wer nach weniger als einer Stunde entlassen werden kann, kommt noch gratis weg, zwischen einer und drei Stunden kostet der Aufenthalt 600 Franken, wer länger als drei Stunden einbehalten wird, hat 950Franken zu zahlen. Verunreinigt jemand die Zelle stark und muss eine Spezialreinigung angeordnet werden, kostet das zusätzlich 350 Franken. Die Zahlungsmoral sei nicht überaus gut, meinte Käch, bisher habe man für 250000Franken Rechnung gestellt, und 90000Franken seien eingetroffen.

Manchmal müsse man eben zweimal mahnen, bis die Zahlung eingehe. Auch habe man schon Hand geboten zu Abzahlungsverträgen, etwa wenn eine Mutter aus erzieherischen Gründen fand, ihr Sohn solle die Kosten aus seinem Lehrlingslohn «abstottern».

Wollte man die ganzen Kosten den Klienten überwälzen, müsste man übrigens 1600Franken pro Fall verlangen. Übrigens findet auch eine Nachberatung statt, wenn das für sinnvoll erachtet wird. Der Zürcher Pilotversuch, eine Gemeinschaftsarbeit der Polizei und der Gesundheitsdienste der Stadt Zürich, findet auch ausserhalb Zürichs Beachtung. So hätten sich schon Lausanne, Bern oder Burgdorf für die Erfahrungen interessiert; allerdings stelle sich auch die Frage, ob die rechtlichen Grundlagen gegeben seien. In Zürich stützt man sich auf das Polizeigesetz.

Wenn der Pilotversuch nach einem Jahr ausläuft, fasst man eine Zusammenlegung mit dem Vermittlungs- und Rückführungszentrum in der alten Kaserne ins Auge. Die Standortsuche gestalte sich allerdings nicht einfach, erwähnte Käch.