Kantonsrat
Mit 10 Fraktionen ist der neue Kantonsrat zersplittert wie noch nie

Das im April für vier Jahre neu gewählte Zürcher Kantonsparlament hat gestern erstmals getagt. Die FDP verdrängt die CVP auf die linke Ratsseite. Neue höchste Zürcherin für ein Jahr ist Theresia Weber-Gachnang (SVP).

Thomas Marth
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Theres Weber-Gachnang (SVP, Uetikon am See) übergibt dem neuen Vize-Präsidenten Rolf Steiner (SP, Dietikon) Blumen.

Theres Weber-Gachnang (SVP, Uetikon am See) übergibt dem neuen Vize-Präsidenten Rolf Steiner (SP, Dietikon) Blumen.

KEYSTONE

Nicht gerade ein Glanzresultat, aber doch ein klares: Mit 130 Stimmen wird Theresia Weber-Gachnang (SVP, Uetikon am See) zur neuen Ratspräsidentin für das kommende Amtsjahr gewählt. Bis auf zwei Plätze war der Saal besetzt, 29 Ratsmitglieder legten leer ein, eine Stimme war ungültig. Brigitta Johner (FDP, Urdorf), die ein Jahr zuvor höchste Zürcherin wurde, hatte mit 169 von 173 Stimmen das beste Resultat seit dem Jahr 1940 erzielt.

Johner, die nicht mehr zur Wiederwahl antrat, verfolgt das Geschehen als frisch gebackene alt Kantonsrätin von der Tribüne aus. Ein anderer, eher ungewöhnlicher Gast ist ebendort: FCZ-Spieler Gilles Yapi Yapo. Eingeladen worden ist er von der EDU, nachdem er sich «als bekennender Christ geoutet hat», wie Hans Peter Häring (EDU, Wettswil am Albis) auf Anfrage erklärt. Eine Geste der Freundlichkeit ohne weitere Absichten, wie er anfügt. Der Gast von der Elfenbeinküste findet das Gebotene interessant. Spätestens als es um die Wahl der Kommissionen geht, zieht er es aber vor, sich ins Foyer zu begeben, um sich dort in den Sportteil des «Blick» zu vertiefen.

Kommission unnötig

In keiner Kommission mehr vertreten ist Gabi Petri (Grüne, Zürich). Dies nicht zuletzt auf Druck aus der eigenen Partei. Sie will sich deswegen nicht aufregen. Sie könne auch so Einfluss nehmen, sagt sie mit der Gelassenheit des dienstältesten Mitglieds im Zürcher Parlament, dem sie seit 1991 angehört. Sie sei gut vernetzt und habe Freunde in allen Fraktionen. «Keine Angst», sagt sie gut gelaunt, «Petri bleibt Petri.»

Ratsältester mit Jahrgang 1945 ist Hansruedi Bär (SVP, Zürich). Als solcher darf er die Sitzung eröffnen. Er beginnt seine Rede mit einem Bonmot: Wer glaubt, Volksvertreter vertreten das Volk, glaubt auch, Zitronenfalter falten Zitronen – und ruft dazu auf, Lügen zu strafen, wer solches sagt. Politisiere man mit Kopf, Herz und Hand gemäss Pestalozzis pädagogischem Credo gelinge es, ist er überzeugt. Die Meinungsvielfalt respektieren, doch auch die Mehrheitsmeinung ernstnehmen, mahnt er – und wird dann konkret: Neben dem öV brauche es halt auch den motorisierten Verkehr. «Seien Sie froh, dass der Maler mit seinen Farbkübeln nicht auch noch im Tram sitzt.» Im Geiste Eschers auch der Jüngste erhält einen prominenten Auftritt. Auch er kommt aus der SVP, womit der Ratslinken der bürgerliche Wahltriumph vom 12. April umso schmerzhafter vor Augen geführt wird. Benjamin Fischer (1991) aus Volketswil eröffnet seine Rede mit dem Hinweis, dass er 2056 pensioniert wird, und rhetorisch elegant lässt er sie auch in dem Jahr enden. Er beschwört den Geist Alfred Eschers, damit Zürich auch ihm als Pensionär noch Freude machen wird. Im Übrigen gemahnen seine Worte an Kennedy («Don’t ask what your country can do for you . . .»). Auf Zürichdeutsch heisst das: «Ich söll» ist besser als «Mer söll.» «Kein Wohlfühlparlament.»

Die neue Ratspräsidentin Weber-Gachnang weist darauf hin, dass mit nun zehn Fraktionen – die AL als jüngste – der Rat zersplittert ist wie noch nie in seiner Geschichte. «Wir werden kein Wohlfühlparlament sein», sagt sie voraus. Gleichwohl wolle sie eine Präsidentin für alle sein. Als erster Vize an ihre Seite gewählt wird Rolf Steiner (SP, Dietikon); der Chemiker erhält 141 Stimmen. Zweite Vizepräsidentin wird Karin Egli (SVP, Elgg); die Polizistin macht 145 Stimmen. Ratspräsidentin Weber-Gachnang ist dreifache Mutter, macht das Büro im eigenen Landwirtschaftsbetrieb und ist unter anderem Präsidentin der Zürcher Landfrauen. In ihrer Rede lässt sie die Mottos ihrer Vorgänger Revue passieren, zum Beispiel: «Zeichen setzen» – «zu oberflächlich», findet sie. Oder: «Den Menschen in den Mittelpunkt stellen» – «wen sonst?», fragt sie und kommt zum Schluss: «Es braucht kein Motto, der Amtseid gibt die Richtung vor.» Just diesen Termin verpassen dann gleich mehrere Parlamentarier, weil dazu die Ratstür geschlossen wird und sie vom Foyer nicht mehr zurück in den Saal können. Sie werden den Eid in geeigneter Form nachholen.

Zurück am alten Platz

Die Verschiebung der Wählerstärken hat auch Einfluss auf die Sitzordnung. Die FDP nimmt wieder fast die ganze hintere rechte Ratsecke in Beschlag. Sie verdrängt damit die CVP auf die linke Saalseite. Dort ist durch die Verluste von Grünen und Grünliberalen Platz freigeworden. Die Christdemokraten können damit leben. Sie sind jetzt wieder dort, von wo sie vor vier Jahren verscheucht worden sind.