Bastien Girod steht in der Regel um sieben Uhr auf. Oder um sechs. Oder dann, wenn ihn seine kleine Tochter weckt. Einen einzigen typischen Tag gibt es beim 34-Jährigen nicht; es gibt mindestens drei – den Büro-Tag, den Politik-Tag und den Papi-Tag.

Dennoch, auch wenn die Tage an sich verschieden sind, beinhalten sie viele ähnliche Elemente. «Ich liebe Rituale», sagt Girod. Am Morgen gehört als Erstes ein Müesli dazu. An einem Büro-Tag kauft er, der mit seiner Frau Ellen und seiner Tochter in einer Eigentumswohnung im Trendquartier Zürich West wohnt, bei einer Bäckerei um die Ecke ein Müesli. Ist Session angesagt, freut er sich auf eines, das er sich im Sprüngli am HB kauft. Was aber nicht immer klappt. Denn das Geschäft öffnet um 6.45 Uhr, Girods Zug nach Bern fährt um 6.49 Uhr ab. Da sei er immer etwas kribbelig, ob es zeitlich klappe, sagt Girod. Gutes Essen, das sei für ihn auch Lebensqualität. Und wenn die Zeit für ein gutes Müesli nicht reiche, dann fehle ihm den ganzen Tag etwas.

Rituale? Müesli? Das klingt langweilig, ja gar bünzlig für den jungen Mann, der am Stammtisch noch immer mit seinen früheren Aktionen in Verbindung gebracht wird; viele erinnern sich, wie sich die jungen Grünen vor der Zürcher Polizeiwache nackt ablichten liessen, um gegen Leibesvisitationen zu demonstrieren, oder an die emotionale Offroader-Initiative.

Doch Girod, der nun für die Grünen seit acht Jahren im Nationalrat sitzt, ist eigentlich nicht dieser laute, mit wilden Aktionen um Schlagzeilen buhlende Politiker. Er schafft es im Vergleich mit anderen Parlamentariern überdurchschnittlich oft in die Medien. Auch in der Regenbogenpresse ist er in einer gewissen Regelmässigkeit zu finden. Das hat einen einfachen Grund; Girod kennt, seit seinen Aktionen mit den jungen Grünen, das Spiel. Medien brauchen Geschichten und Bilder. Girod spielt dieses Spiel mit. «Auch in der Regenbogenpresse kann ich, wenn ich etwas Private preisgebe, meine Botschaft anbringen.»

Der Bergsee im Büro

An einem normalen Büro-Tag sitzt der grüne Nationalrat, der nun für einen der beiden Zürcher Ständeratssitze kandidiert, in einem ETH-Gebäude an der Weinbergstrasse. Als «Senior Researcher» arbeitet der 34-Jährige bei der 2004 eingerichteten «Group for Sustainability and Technology (SusTec)». Die Abteilung zielt in ihrer Forschung primär auf die «ökologische Nachhaltigkeit als Schlüssel zu unternehmerisch langfristiger Planung und Wertschöpfung».

Girod untersucht dabei, wie sich die Klimabelastung verändert, wenn bei Produktion oder Konsum Anpassungen vorgenommen werden. Sein Büro in der fünften Etage im ETH-Zweckbau ist schlicht eingerichtet. Ein kleines Pult mit Computer. Ein kleiner runder Tisch mit drei Stühlen für Besprechungen. An der Wand hängt eine grosse Fotografie, die einen Bergsee mit viel Grün zeigt. Das Bild stammt irgendwo aus der Schweiz. Woher genau, das hat Girod nicht herausgefunden. Ihm hat das Bild einfach gefallen. Und es war in einer so guten Auflösung vorhanden, dass es sich auch entsprechend gross drucken liess. Das ist ein pragmatischer Grund. Aber auch ein wichtiger: «Es geht ums Mögliche», sagt Girod – und verweist damit nicht nur aufs Bild, sondern auch auf sein Politikverständnis.

Dabei wird ihm oft vorgeworfen, ein «absoluter Theoretiker» zu sein, der nur Wissenschaft und Politik kenne. Dieser Vorwurf trifft Girod nicht wirklich. Einerseits, weil er «grosse Theorieentwürfe und Gedanken» an sich durchaus mag. Andererseits weil er von sich seine beiden Rollen «Wissenschafter» und «Politiker» gegenseitig befruchten. So bringe er in die Politik die wissenschaftliche Position und neue Fakten ein, sagt Girod. Und in seine Forschung könne er realpolitische Faktoren einfliessen lassen. «Viele Forscher verstehen etwa nicht, weshalb ihre grossen Ideen politisch nicht umgesetzt werden.» Es sei halt auch hier etwas Pragmatismus gefragt.

Er liebt Argumente

Abends, ob es nun ein Büro- oder ein Politiktag ist, liebt es Girod, mit seiner Frau zu kochen, gemeinsam einen Film zu sehen oder draussen im Park zu trainieren. Derzeit schafft er es – ausser es ist einer der wöchentlichen Papi-Tage – wegen all der Podien meist nur für ein paar Minuten nach Hause. Den Wahlkampf mag Girod dennoch: «Auch wenn sich alle Kandidaten mittlerweile gut kennen, gibt es doch immer wieder neue Argumente.»

Der Argumente wegen hatte es ihn einst auch in die Politik verschlagen. Der in Genf geborene, in Biel aufgewachsene und mit 20 wegen des Studiums an der ETH nach Zürich gezogene Girod war anfänglich Greenpeace-Aktivist. Doch dann entschied er sich bewusst für die Politik: «Ich glaube, ich kann auf diesem Weg mehr erreichen und bewirken als mit Einzelaktionen.» Geht es ihm in Bern nicht zu langsam vorwärts? Girod schliesst nicht aus, dereinst in die Wirtschaft zu wechseln, um ein Unternehmen grün und nachhaltig aufzustellen und dabei rasch konkrete Ziele zu erreichen. Er könnte sich dereinst aber auch ein Exekutivamt vorstellen. Vorerst will er aber im Parlament bleiben. In den vergangenen acht Jahren, sagt Girod, habe er in der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie vieles einbringen können, was ihm wichtig sei. Und er ergänzt gleich: Im Ständerat könnte er noch mehr bewirken.

Neun entscheidende Fragen zu Bastien Girod

1 Wo steht Bastien Girod innerhalb der eigenen Partei?
Girod ist eigentlich gut in der Grünen Partei verankert. Sein «Spider»-Diagramm, das die politische Grundhaltung widerspiegelt, deckt sich praktisch eins zu eins mit jenem des Parteidurchschnitts. Girods Nomination als Ständeratskandidat erfolgte aber nicht geräuschlos. An der Generalversammlung liess Girod die Herausforderin Katharina Prelicz-Huber mit 87 zu 84 Stimmen nur knapp hinter sich. Die internen Gegner brachten vor, Prelicz-Huber bringe zusätzliche Kompetenz in gewerkschaftlichen und wirtschaftlichen Anliegen mit, während Girod als ausgewiesener Umweltwissenschafter eher die einstige «Einthemenpartei» repräsentiere. Zudem spielte bei den um Ausgleich bemühten Grünen auch die Geschlechterfrage eine Rolle (SVP, FDP, SP und GLP treten mit Männern an). Die Mehrheit sprach sich für Girod «als bestes Pferd im Stall aus»; er hatte bei den Nationalratswahlen 2011 am meisten Stimmen der Zürcher Grünen geholt.

2 Welche Politerfahrung bringt Girod mit und wie ist er politisch vernetzt?
Während des Studiums hatte Bastien Girod mit Aktionen auf sich aufmerksam gemacht, die am Ende in der Gründung der Jungen Grünen gipfelten. Nach einem Abstecher zu Greenpeace ging es auf dem politischen Parkett zügig voran: Nach einem Jahr im Stadtzürcher Parlament wurde Girod als 27-Jähriger 2007 in den Nationalrat gewählt. Er ist einer der vier Vizepräsidenten der Grünen Partei Schweiz.

3 Wie kommt der Kandidat bei den anderen Parteien an?
Vertreter aller Parteien attestieren dem Grünen Ständeratskandidaten ein «unglaubliches Fachwissen». Vor allem auf bürgerlicher Seite wird aber kritisiert, dass Girod ein «absoluter Theoretiker» sei, der nur Hochschule und Politik kenne.

4 Ist der Politiker volksnah?
Bastien Girod ist in den Medien oft präsent – nicht nur im politischen Teil, sondern auch im People-Bereich. Und selbst bei Podien, die SVP und Bauernverband durchführen, schafft es Girod mit ein paar träfen Sprüchen, die Landwirte zum Lachen zu bringen und so vorübergehend für sich zu gewinnen. Aber volksnah? Volksnah ist der falsche Begriff für den Umweltwissenschafter, der trotz allem Schalk im persönlichen Kontakt doch eine Art professorale Distanz wahrt.

5 Welches Kernanliegen vertritt der der 34-Jährige?
Bastien Girods politisches Engagement gründet auf einem zentralen Begriff: Nachhaltigkeit. Um für alle Lebensqualität und Gerechtigkeit zu ermöglichen, fordert Girod Lösungen, die ökologische, soziale und wirtschaftliche Anliegen verbinden.

6 Was hat den Nationalrat bisher politisch bewegt?
Mit der Offroader-Initiative hatten Girod und seine Mitstreiter einst ein emotionales Thema lanciert. Er war auch Mitinitiant der angenommenen kantonalen Kulturlandinitiative. In der Energiestrategie des Bundes hat er ebenfalls Erfolge erzielt; er hat unter anderem den Kompromiss «zwischen Landschaft und erneuerbaren Energien» eingefädelt und eine Beschleunigung von Bewilligungsverfahren für erneuerbare Energien erreicht.

7 Welche Interessenbindungen weist der Ständeratskandidat auf?
Die Liste der Interessenbindungen von Girod ist kurz. Offiziell umfasst sie drei Einträge, wovon die Vorstandsmitgliedschaft im Windenergie-Verein «Suisse Eole» bereits wieder überholt ist. Aktuell ist der 34-Jährige noch bei Helvetas und Swisscleantech aktiv. Er gilt als der unabhängigste Kandidat im Kanton Zürich.

8 Wie gross sind die Chancen, dass Girod am 18. Oktober gewählt wird?
Von Aussenseiterchancen spricht Bastien Girod selber. Aussichtslos sei der Kampf aber nicht, betont er: «Im Fussball gewinnt auch hin und wieder der kleinere Club.» Die politische Grosswetterlage spricht derzeit gegen einen Wahlerfolg: Die Grünen stecken in einer Baisse, Umweltthemen sind in den Hintergrund gerückt. Überraschungen sind aber immer möglich – insbesondere im Hinblick auf den zweiten Wahlgang und ein sich allenfalls veränderndes Kandidatenfeld.

9 Wie viel eigenes Geld steckt der Kandidat in den Wahlkampf?
Gemäss Bastien Girod werfen die Grünen im Kanton Zürich inklusive Spenden rund 80 000 bis 100 000 Franken für den Ständeratswahlkampf auf. Rund 30 000 Franken trägt Girod bei.