Interview

Missbrauchsfall Zürich: Auch Georg Staubli von der Kinderschutzgruppe ist erschüttert

«Im Kleinkindalter sind es zumeist Nachbarn und Angehörige, die Auffälligkeiten melden», sagt Georg Staubli, Leiter Kinderschutzgruppe am Kinderspital Zürich.

«Im Kleinkindalter sind es zumeist Nachbarn und Angehörige, die Auffälligkeiten melden», sagt Georg Staubli, Leiter Kinderschutzgruppe am Kinderspital Zürich.

Der Missbrauchsfall, der aktuell am Zürcher Bezirksgericht verhandelt wird, ist auch für Georg Staubli von der Kinderschutzgruppe des Universitäts-Kinderspitals Zürich aussergewöhnlich. Wieso hat niemand interveniert?

Der krasse Fall von Kindesmissbrauch in einer Zürcher Familie erschüttert. Ein Vater und eine Mutter stehen vor Gericht, weil sie über sieben Jahre lang zwei ihrer sieben Kinder gequält haben sollen. Die Schweizerin und der Schweizer mit kosovarischen Wurzeln beschuldigen sich gegenseitig. Wie konnten die Eltern ihre Kinder ungehindert schlagen, einsperren und hungern lassen? Wieso wurde ihnen trotz mehrerer Gefährdungsmeldungen die Obhut nicht viel früher entzogen?

Zum Fall, der sich zwischen 2003 und 2010 ereignet hatte und am Mittwoch am Bezirksgericht Zürich verhandelt wurde, gibt die Kesb Zürich keine Auskunft. Gegenüber «10vor10» sagte die Vizepräsidentin, Suzanne Otz, lediglich, dass es nicht immer einfach sei, in die Familien hineinzusehen. «Wenn Eltern genauere Abklärungen nicht zulassen, ist es schwierig.»

Kinderarzt Georg Staubli leitet die Kinderschutzgruppe beim Universitäts-Kinderspital Zürich. Er kennt den aktuellen Fall nur aus den Medien und sagt, wie schwierig und heikel generell Interventionen sind.

Wie können Kinder über sieben Jahre unbemerkt missbraucht werden?

Georg Staubli: So viel ich weiss, gab es mehrere Gefährdungsmeldungen. Was daraufhin unternommen wurde, weiss ich nicht. Ich kann nur sagen, dass es nicht immer einfach ist, einen Überblick zu bekommen und die richtigen Massnahmen zu treffen. Teils können die Eltern Abklärungen verweigern und boykottieren – oder einfach alles abstreiten. Man muss ihnen die Misshandlungen entweder beweisen können oder klare Anzeichen beim Kind finden.

Die Kinder waren unterernährt und hatten blaue Flecken. Reicht das nicht?

Bei einer derart böswilligen Misshandlung ist klar, dass man reagieren und hart durchgreifen sollte. Es ist jedoch nicht immer so eindeutig. Krankheiten müssen ausgeschlossen werden, und es sollte versucht werden, zu verstehen, was in einer Familie abgeht. Lügen die Eltern oder streiten sie alles ab, wird es schwierig.

Wieso?

Voreilig und ohne eindeutige Beweise zu intervenieren, ist heikel. Interventionen beschneiden die Freiheit und können allenfalls dazu führen, dass die Situation eskaliert oder die Kinder noch mehr leiden. Jede Kindesschutzmassnahme ist potenziell auch eine Kindesmisshandlung. Eine Fremdplatzierung ist für ein Kind wohl die einschneidendste Massnahme. Jede Massnahme sollte deshalb immer gut abgewogen werden.

Die Untätigkeit erstaunt umso mehr, als die Kinder ja zur Schule gingen.

Das ist schon ungewöhnlich. Aber weil ich den Fall nicht kenne, sind mir die Gründe auch nicht bekannt. Missbrauchsfälle bleiben in der Regel vor allem bei Kleinkindern unentdeckt, weil sie bis zum Eintritt in den Kindergarten durch die Maschen fallen. Eltern sind ja nicht verpflichtet, zum Kinderarzt oder zur Mütterberatung zu gehen, wo Misshandlungen auffallen könnten. Bis zum Schuleintritt ist man darauf angewiesen, dass Nachbarn und Angehörige etwas bemerken und aktiv werden.

Geschieht das oft?

Im Kleinkindalter sind es zumeist Nachbarn und Angehörige, die Auffälligkeiten melden. In der Schweiz funktioniert dieses soziale Netz eigentlich recht gut. Kindesschutz lebt von der Zivilcourage. Nur muss man natürlich auch mit Aussagen von Nachbarn vorsichtig sein.

Wie meinen Sie das?

Es ist auch möglich, dass jemand falschliegt, ein Kind eine Krankheit hat oder ein Nachbar den anderen nicht mag. Es ist daher wichtig, dass die Meldungen nicht anonym eingereicht werden. So kann die Behörde nachfragen und die Situation genauer abklären. Wenn man einem Kind und dessen Familie helfen will, braucht es die Bereitschaft, sich zu exponieren und Auskunft zu geben.

Wie soll man vorgehen, wenn man in der Nachbarswohnung immer wieder Kinder schreien hört?

Man sollte klingeln und sagen, dass man die Kinder schreien höre. Dann aber nicht Mutmassungen anstellen oder gar den Eltern unterstellen, dass sie ihre Kinder misshandeln. Besser ist es, zu fragen, ob es den Kindern gut gehe, ob man helfen könne. In vielen Fällen kann so die Familie unterstützt werden.

Damit macht man sich nicht nur Freunde.

Ich kenne einige Fälle, bei denen die Eltern froh waren, dass Nachbarn aufmerksam waren und sich meldeten, aber zugegebenermassen braucht es dazu Mut.

Und wenn sich die Situation nicht bessert?

Dann sollte man sich wieder bei den Nachbarn melden. Und wenn sich dann immer noch nichts ändert, sollte man die Kesb kontaktieren. Die Kesb nimmt nicht nur Gefährdungsmeldungen entgegen, sie berät auch, wie man am besten vorgeht. Um sich beraten zu lassen, kann man sich aber auch beim Elternnotruf oder einer Kinderschutzgruppe der Polizei oder eines Kinderspitals melden.

Erfährt man als Melder, was nun unternommen wird?

Nein, darauf hat man keinen Anspruch.

Was bei diesem Fall auch auffällt: Nicht alle der sieben Kinder mussten Gewalt erfahren.

Das ist unüblich. Meistens sind alle Kinder betroffen. Es ist ein ganzes Familiensystem, in dem Gewalt zum Alltag gehört. Manchmal kann es vorkommen, dass ein krankes Kind oder das aufmüpfigst speziell stark misshandelt wird. Aber schlimm ist es sowieso für alle. Die Geschwister bekommen alles mit und leiden psychisch unter der Gewalt innerhalb der Familie.

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